26.03.2019 11:38 |

Razzia bei Sellner

Christchurch-Killer spendete an „Identitären“-Chef

Der Anschlag von Christchurch, bei dem der rechtsextreme Attentäter Brenton Tarrant 50 Menschen in einer Moschee erschoss und Dutzende verletzte, zieht immer weitere Kreise. Nachdem vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass Tarrant vor seiner Tat durch Europa reiste und dort auch mehrere Tage in Österreich verbrachte, stehen nun eventuelle Verbindungen zu rechtsextremen Netzwerken in Europa im Fokus. So fand am Montag bei Martin Sellner, dem Sprecher der „Identitären Bewegung“ in Österreich, eine Hausdurchsuchung statt, wie auch das Innenministerium mittlerweile bestätigte. Sellner hatte nämlich, wie er selbst in einem YouTube-Video bekannt gab, von dem Massenmörder eine Spende erhalten. Für die Spende habe er sich per E-Mail auch bedankt: „Ein Dankes-E-Mail bekommt jeder, der mich unterstützt.“

Wessen Geistes Kind der Attentäter von Christchurch ist, daran ließ Tarrant schon alleine durch die Veröffentlichung eines „Manifests“, in dem er sich zum „Kreuzritter“ hochstilisiert und Bezug auf die Wiener Türkenbelagerung nimmt, keine Zweifel aufkommen. Zumindest ein Bild davon findet man auch bei den „Identitären“ immer wieder, bei dem von Martin Sellner bewordenenen Online-Shop „Phalanx Europa“ sind Aufkleber und T-Shirts mit ähnlichen Symbolen im Sortiment.

Sellner gibt zu: „Habe Spende erhalten“
Dass Sellner tatsächlich Geld von Tarrant erhalten hatte, erklärte er selbst am Montagabend in einem YouTube-Video: So seien seine Wohnung in Wien durchsucht und sein Handy sowie Laptop beschlagnahmt worden, weil er eine Spende des mutmaßlichen Attentäters von Christchurch erhalten habe. Gegen ihn werde nun wegen der „Gründung oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ ermittelt, erklärte Sellner in dem rund 15-minütigen Video. Er räumte ein, eine „unverhältnismäßig hohe Spende“ von einer E-Mail-Adresse erhalten zu haben, die im Nachnamen jenen des rechtsextremen Attentäters (Tarrant, Anm.) enthielt. Für die Spende habe er sich per E-Mail auch bedankt: „Ein Dankes-E-Mail bekommt jeder, der mich unterstützt.“

„Man wollte mich in die Sache hineinziehen“
Zwar habe er die Spende melden wollen, da er gewusst habe, dass auch in Österreich Ermittlungen liefen, so Sellner, doch sei es dazu vor der Hausdurchsuchung nicht mehr gekommen. Er wittert nun eine Verschwörung: „Man wollte mich in die Sache mit hineinziehen.“ Er habe keinen Kontakt zu Brenton Tarrant gehabt und ihn auch nie getroffen.

Zum zeitlichen Ablauf der Geschehnisse machte Sellner mehrmals unklare Angaben. So erklärte er zunächst etwa, dass die Spende des Attentäters von Anfang 2018 stamme, dann wiederum, dass er sie „Anfang des Jahres“ erhalten habe. Das Geld will er jedenfalls an eine „karitative Vereinigung“ spenden.

Ministerium bestätigt Hausdurchsuchung
Das Innenministerium bestätigte am Montag die Hausdurchsuchung bei Sellner. Auch aus der Politik folgten erste Reaktionen: Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) forderte „volle Aufklärung“ über die Verbindungen zum Christchurch-Attentäter. Die Justiz müsse gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden „diese Netzwerke ausheben“, so Kurz via Aussendung. Auch die NEOS fordern umfassende Aufklärung, die SPÖ wirft der Regierung mangelndes Engagement vor.

SP-Vizeklubchef Jörg Leichtfried kritisierte bei einer Pressekonferenz, dass die Regierung dem Rechtsextremismus kaum Beachtung schenke. Seit Herbert Kickl (FPÖ) Innenminister sei, sei der „Geheimdienst“ de facto handlungsunfähig gemacht worden. „Wir haben in Österreich definitiv ein Problem mit Rechtsextremismus. Dieses Land muss diese Gefahr ernst nehmen“, so Leichtfried. Man habe deshalb den Geheimdienst-Unterausschuss zum Innenausschuss für Freitag einberufen lassen, zudem gemeinsam mit der Liste Jetzt eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates verlangt. Einen Termin für diesen gibt es noch nicht.

Sellner bereits mehrfach im Fokus der Behörden
Die „Identitären“ werden vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) als rechtsextrem eingestuft. Gegen Sellner selbst wurde bereits mehrfach ermittelt, unter anderem im April 2018 wegen des Verdachts auf Verhetzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Im Februar 2017 wurde gegen ihn ein Waffenverbot ausgesprochen, nachdem er in einer Wiener U-Bahn-Station mehrere Schüsse aus einer Schreckschusspistole abgegeben hatte.

Bei dem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch am 15. März waren während der Freitagsgebete 50 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Etwa 20 Verletzte werden immer noch in Krankenhäusern behandelt. Der tatverdächtige Tarrant (28), der sich selbst als ein „Ethno-Nationalist“ und „Faschist“ bezeichnet, sitzt in Untersuchungshaft, ihm droht wegen vielfachen Mordes lebenslang Gefängnis.

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