03.03.2019 06:00 |

Hinter den Kulissen

Wie tickt Bundeskanzler Kurz im Ausland?

Wie tickt der Kanzler im Ausland? „Krone“-Redakteur Kurt Seinitz über seine Reisen mit Sebastian Kurz. Ein Blick hinter die Kulissen des offiziellen Protokolls. 

„Über dem Atlantik begegneten einander zwei Flugzeuge. In beiden saß Sebastian Kurz“. Dieser Witz machte bei den Begleitern die Runde, als der damalige Außenminister zu der Gewalttour aufbrach Wien-Washington-Moskau-München-Wien. Nur noch übertroffen von den letzten beiden Wochen: Wien-Helsinki-Seoul-Tokio-Wien-Washington-Wien-Sharm el Sheikh-Wien.

Der Kanzler des Globalisierungszeitalters hat schon jetzt als Österreichs weitestgereister Politiker den Erdball mehrmals umrundet. Wie hält Sebastian Kurz das aus?

Erst Selfie-Wünsche dann Schlaftablette
Ganz einfach: Er hat eine eigene Methode entwickelt. Nach Erledigung aller Selfie-Wünsche, die früher Abflüge deutlich verzögert hatten, gibt sich Kurz eine Schlaftablette, wickelt sich in eine Decke ein, fällt flach und ward nicht mehr gesehen. Unkundige Flugbegleiterinnen ausländischer Airlines, die den Promi-Passagier an Bord wähnen, aber nicht finden, haben schon mal einen älteren Herrn in der Umgebung besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen.

Verwechslungsgefahr ist gegeben, wenn Sebastian Kurz noch dazu „Zivil“ trägt, also Jeans. Rasches Umkleiden vor dem Aussteigen ist in Flugzeugtoiletten recht mühsam.

Kaum gelandet, geht es schnurstracks in die Termine; manchmal vier am Tag von Königen abwärts. Die Gesprächsführung von Kurz ist extrem zielorientiert. Auch bei noch so viel Nettigkeiten von beiden Seiten, das Ziel wird nicht aus den Augen gelassen. Stetes Bohren höhlt dicke Bretter.

Hinter der Jovialität ein harter Knochen
Das ist ja das Komplexe an Kurz: Er ist von erstaunlicher Kontaktoffenheit, trifft mit jedem den richtigen Ton, hat sich aber auch unter strikter Selbstkontrolle. So können etwa kaum „falsche“ Fotos vorkommen - im Medienjargon „Meuchelfotos“ genannt -, Ausflippen ist undenkbar, Alkohol auf Sparflamme. Es gibt keine Hoppalas. Hinter dem Cover der ungezwungenen Jovialität steckt ein harter Knochen - ehrgeizig und durchsetzungswillig.

Ein Sebastian Kurz lässt nicht locker. Dazu gehört auch sorgfältige Planung, selbst bei Geschenken; etwa das Fernglas für Trump: für den Weitblick.

Apropos persönliche Kontakte: Angst hat Kurz vor Kuss-Attacken von EU-Juncker. Bisher konnte er allen ausweichen.

Kurz mag keinen Fisch
Nicht mehr erleben möchte er das Abendessen bei einem Außenminister eines europäischen Landes. Kurz mag keinen Fisch, doch es gab: erste Vorspeise Fisch, zweite Vorspeise Fisch, erster Hauptgang Fisch, zweiter Hauptgang Fisch. Da konnte sich der damalige Außenminister die Frage nicht verkneifen: „Und zum Nachtisch gibt es Fisch?“

Der russische Brummbär Sergej Lawrow entwickelte sichtbar väterliche Gefühle für den jungen Amtskollegen. Kurz im Lernmodus schätzt die fachlichen Qualitäten Lawrows hoch ein.

Kompliziert ist das Verhältnis zu Orban. Kurz findet, dass er eigenwillig ist, manchmal sogar grenzüberschreitend, aber wenn es darauf ankommt, zur EU steht: „Orban steht zu Schengen, das heißt für ihn EU-Außengrenzen schließen, EU-Binnengrenzen offenhalten. Ungarn hat eine offene Schengen-Grenze, wie sie nicht einmal Deutschland mehr hat.“ Letztlich findet Kurz immer wieder Verständnis für den Problemfall Orban - als Dankbarkeit für die „Erfindung“ des Grenzzauns?

Wie Bruno Kreisky: Ein Leben für die Politik
US-Präsident Trump hat Kurz nach eigenen Angaben als vernünftigen Gesprächspartner mit Humor erlebt. Der Kanzler humorte zurück. Zu Trumps Hinweis auf das Alter konterte Kurz: „Dieses Problem verbessert sich von Jahr zu Jahr.“ Das Bild von Trump, so Kurz, sei weder schwarz noch weiß, sondern voll Grautönen. Und da sei der US-Präsident kein Einzelfall.

Kontakte zum Silicon Valley
Besonders interessant findet Kurz seine Kontakte zu den IT-Göttern des Silicon Valley. Sie sind von seiner Generation und das macht den Kanzler auch für sie interessant. Kurz: „Die finden es großartig, dass sie jemanden haben, mit dem sie sich über das Funktionieren von Politik austauschen können. Davon haben sie meistens keine Ahnung, bemerken aber, dass sie sich in Fragen staatlicher und gesellschaftlicher Regelung einbinden lassen müssen.“ Kurz steht zur Verfügung.

Verblüffende Offenheit
Ein besonders Kapitel ist sein Umgang mit Medien. Kurz gibt Journalisten Hintergrundgespräche von verblüffender Offenheit. Der Kanzler vertraut darauf, dass von diesen wirklich nichts nach außen dringt, und er ist bisher erstaunlicherweise kaum enttäuscht worden. Die Offenheit hat natürlich einen Selbstzweck: Selbst Kritiker sollen nicht faktenbefreit in falsche Richtungen spekulieren. Das könnte für ihn, Kurz, ja unliebsame Kollateralschäden verursachen.

Verschollen im Flüchtlingslager
Darin und in vielen anderen Dingen gleicht Kurz seinem historischen Vorgänger Bruno Kreisky. Das sind Menschen, denen Politik im Blut liegt und die Politik leben. Manchmal werden sie auch unvorsichtig. In einem riesigen Flüchtlingslager, besser gesagt: Horrorlager, an der äthiopisch-somalischen Grenze, wo es hieß, dort säße der IS, galt der Bundeskanzler trotz doppelter Sicherheit in dem Riesentrubel plötzlich als verschollen. Bange Minuten, bis man Kurz in einer der Elendshütten fand, eine Großfamilie interviewend. Der Erkenntnisgewinn aus der Kanzlerrecherche: Flüchtlinge drängt es nicht nach Europa, sondern lieber zurück zu ihrem Stamm.

In der somalischen Wüste war Kurz zumindest ohne Telefonverbindung. Anderswo lassen ihn die heimischen Geschäfte nicht in Ruh: Ging es in Washington mit Orban um dessen Anti-Juncker-Kampagne, so ging es in Sharm el Sheikh mit dem Kardinal um den Karfreitag …

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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