Tabuthema Essstörung

Binge Eating und Bulimie: Hilfe zur Selbsthilfe

Laut Österreichischem Frauengesundheitsbericht sind schätzungsweise 200.000 Menschen in Österreich zumindest einmal im Leben von Essstörungen betroffen. 7500 Mädchen und Burschen leiden akut an Magersucht und Bulimie, viele müssen in Spitalsbehandlung, dabei werden die Betroffenen immer jünger. Wir präsentieren Ihnen Bücher, mit denen Sie einem selbstbestimmten Umgang mit dem Essen wieder näher kommen.

Ein erster Schritt in die Bulimie sind meist ungesunde Crash-Diäten, die oft nicht den gewünschten Erfolg bringen und somit oft den ersten Schritt in eine Essstörung ausmachen. Auf Social-Media-Kanälen wie etwa Instagram werden zudem oft falsche Ideale vermittelt und der Zugang zu fragwürdigen Lebensstilen ermöglicht, die vor allem von Kindern und Jugendlichen nachgeahmt werden. Dabei sind Essstörungen (wie Bulimie) eigentlich kein Ernährungsproblem, sondern Lösungsversuche für tiefer liegende Probleme, wie etwa verdrängte Gefühle und Bedürfnisse.

Was ist Bulimie?

Bulimie (Bulimia nervosa oder „Ess-Brech-Sucht“) ist eine Essstörung mit wiederholten Essanfällen. Betroffene beschäftigen sich meist sehr intensiv und zwanghaft mit Ernährung und mit dem eigenen Aussehen, halten ihre Erkrankung aber vor ihrer Umwelt geheim. Oft wird Bulimie auch von Ängsten und depressiven Stimmungen begleitet. 

Im Unterschied zu anderen Essstörungen wie Anorexie (Magersucht), der Binge-Eating-Esstörung (Essattacken mit Kontrollverlust, bei der keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen getroffen werden) oder Adipositas (Fettleibigkeit) sind Menschen mit Bulimie meist normalgewichtig, auch wenn es Betroffene gibt, die an sogenannten Mischformen leiden und oft auch typische Symptome anderer Essstörungen - wie etwa Anorexie - zeigen. Viele Betroffene leiden zudem unter einer gestörten Selbstwahrnehmung.

Bis zu 10.000 Kalorien pro (Fr-)Essanfall
Regelmäßige, wiederkehrende Essanfälle und (Gewichts-)ausgleichende Maßnahmen (z. B. durch Erbrechen, Abführen) sind typische Merkmale der Bulimie. Bei den Essanfällen werden große Mengen an Nahrungsmitteln zugeführt, die im Anschluss durch Gegenmaßnahmen aus Furcht vor einer Gewichtszunahme wieder entledigt werden, meist durch Erbrechen. Andere greifen auf Abführmittel, Sport oder Schilddrüsenmedikamente zurück.

Frustessen, Binge-Eating-Störung
Unter Stress reagieren manche Menschen mit dem sprichwörtlichen „Frustessen“. Wie viele das tatsächlich tun, haben Psychologen der Uni Salzburg im Rahmen eines über fünf Jahre laufenden Forschungsprojekts im Jahr 2018 untersucht. Ihrer Analyse nach gibt es rund gleich viele „Frustesser“ wie Leute, die bei Stress weniger essen. Die Forscher haben dafür neue Fragebögen entwickelt, in denen zwischen Stress und verschiedenen negativen Emotionen wie Traurigkeit, Ärger, Ängstlichkeit sowie positiven Emotionen unterschieden wird.

Überraschend seien erste Befunde zum „emotionalen Über- und Unteressen“: „Unsere Ergebnisse zeigen konsistent, dass in etwa gleich viele Menschen berichten, bei Stress weniger zu essen, wie Menschen, die berichten, bei Stress mehr zu essen. Viele berichten natürlich auch, dass sich ihre gegessene Nahrungsmenge durch Stress nicht ändert. Gleiches gilt für das Essen bei Fröhlichkeit“, so Projektmitarbeiter Adrian Meule. Sind Menschen hingegen traurig, tendierte die Mehrheit dazu, mehr zu essen. „Dass die meisten bei Ärger und Ängstlichkeit weniger essen, könnte mit der körperlichen Erregung zusammenhängen, sie unterdrückt den Appetit“, sagte Meule. Auffallend sei, dass jene, die angeben, in schlechter Stimmung mehr zu essen, oft bereits einen höheren Body Mass Index (BMI) hätten. Schlankere Personen hingegen gaben häufiger an, vor allem in guter Stimmung sozusagen „reinzuhauen“.

Risiko auch für männliche Jugendliche
Laut Schätzungen sind rund zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung beispielsweise von Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder der Binge-Eating Störung (gekennzeichnet durch „Fressanfälle“ und erhöhtes Gewicht) betroffen. Die Mehrheit ist sehr jung. Dabei sind nicht nur Frauen betroffen: Fast 15 Prozent der männlichen Jugendlichen haben demnach ein Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Auch bei Buben und Mädchen, die einen sehr hohen BMI aufweisen, ist das Risiko für eine Essstörung hoch. Das Erschreckende dabei ist, dass sich nur ein Viertel der Betroffenen in Behandlung begibt.

Freunde und Familien ahnen oft nichts
Neben der Angst, an Gewicht zuzulegen, leiden Betroffene auch an Schamgefühlen, die aus dem Kontrollverlust resultieren. Außerhalb der Esssanfälle jedoch schränken sich viele Betroffene stark ein bzw. scheinen ihr Leben im Griff zu haben, sodass ihre Umwelt meist nichts von der Erkrankung ahnt. Heißhungerattacken jedoch begünstigen oft einen neuen Essanfall, oft werden Tausende Kalorien in sich „hineingestopft“. Dabei kommt es oft nicht darauf an, was und wie viel gegessen wird. Hauptsächlich aber handelt es sich um hochkalorische Lebensmittel, die man sich normalerweise zu verkneifen versucht.

Wer ist von Bulimie betroffen?
Obwohl Bulimie noch immer fast ausschließlich ein Thema für junge Frauen ist, leiden zunehmend auch Männer an dieser Essstörung. Birgit Satke, die Leiterin von Rat auf Draht in einem Interview: „Besonders junge Frauen definieren ihren Selbstwert oft über ihre Figur. Aber auch bei männlichen Jugendlichen ist ein perfekter Körper zunehmend ein Thema. Muskeln und Waschbrettbauch sind gefragt und dafür wird oft hart trainiert“.

Die Folgen von Essstörungen
Die Liste der Folgen von Essstörungen ist lang und beunruhigend: Den Betroffenen ist ständig kalt (Untertemperatur), sie haben niedrigen Blutdruck und Mädchen neigen zu Amenorrhoen (Ausbleiben der Menstruation). Im schlimmsten Fall kann das zur Infertilität führen. Die Patienten haben zudem ein erhöhtes Risiko des Knochenabbaus (Osteoporose), verbunden mit einer verstärkten Neigung zu Knochenbrüchen. Durch das ständige Erbrechen ist der Elektrolythaushalt gestört, die Speiseröhre erhält Risse und es kommt zu Zahnproblemen wie Karies.

Körperliche Folgen der Bulimie
- häufig „Normalgewicht“ bzw. normaler BMI
- Zahnschäden
- Verätzungen der Speiseröhre (verursacht durch die Magensäure)
- Knochenschwund
- Müdigkeit
- Hautveränderungen (schuppige Haut)
- Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen

Psychisch können sich bemerkbar machen:
- Angst, Depressionen
- Persönlichkeitsstörungen
- Missbrauch von Substanzen (Abführmitteln, Alkohol ...)

Wo kann ich mir Hilfe holen? 
Qualifizierte Fachkräfte informieren über Therapiemöglichkeiten etc., auch anonym. Hilfe erhalten Sie bei Rat auf Draht, bei Ihrem Hausarzt oder bei hilfe[@]essstoerungshotline.at. 

Wichtig: Sie sind mit Ihren Problemen nicht alleine. In ganz Österreich steht Ihnen einen Vielzahl an fachspezifischen Beratungseinrichtungen und Spezialambulanzen zur Seite! Ein Buch kann als unterstützende Maßnahme sehr hilfreich sein, ersetzt im Regelfall aber keine Therapie.

Diese Bücher können Ihnen bei einer Essstörung (weiter-)helfen:

Ulrike Schmidt, Janet Treasure, June Alexander: Die Bulimie besiegen - Ein Selbsthilfe-Programm, 2016, Beltz

Nina Wolf - Zurück ins Leben - In 12 Schritten aus der Bulimie, 2018, Tectum Sachbuch

Megan Jayne Crabbe - Body Positivity - Liebe deinen Körper, 2018, Knaur

Geneen Roth - Essen als Ersatz, 2005, Rowohlt

Morena Diaz, Love your body und schließe Frieden mit dir selbst, 2018 TOPP/frechverlag
(HIER krone.at-Buchrezension lesen!)

Mara Tremschnig
Mara Tremschnig
Donnerstag, 24. September 2020
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