Fr, 19. Oktober 2018

Unerschöpfliche Farben

05.04.2018 14:30

Namibia: Es lebe die Wüste!

Im Süden Namibias ist die Vielfalt an Geschöpfen, Landschaften und Farben so unerschöpflich, dass man aus dem Schauen und Staunen nicht mehr herauskommt.

Nie wieder werde ich etwas Langweiliges, Leeres oder Ödes als „Wüste“ bezeichnen. Denn die Namib hat mich gerade eines Besseren belehrt. Dort wuselt und watschelt, spinnt und springt, krabbelt, schlängelt und purzelt das Leben nämlich nur so herum. Es glänzt, schimmert und gleißt in allen Farben von Anthrazit, Rot, über Orange bis Hellgelb. Allerdings muss man schon sehr genau hinsehen. Der Natur Respekt zollen und seinen Schritt sorgsam wählen.

Das haben wir von Tommy gelernt. Der Gründer der „Living Desert Tour“ rund um Swakopmund an der Atlantikküste, etwa 350 Kilometer von der Hauptstadt Windhoek entfernt, ist hier aufgewachsen und hat den Busch als Kind zu seinem Lieblingsspielplatz auserkoren. So spürt der erfahrene Guide auch die verstecktesten Wesen auf, holt sie behutsam ans Tageslicht und vor die Kameras der Touristen. Bis zu 60 Grad hat der Wüstensand an der Oberfläche. Nur eine Handbreit darunter oder zwischen den braun-grünen Blättern der Welwitschia mirabilis, die ihren seltsamen Namen dem österreichischen Arzt und Botaniker Friedrich Welwitsch verdankt, sind es fast 30 Grad weniger.

Was sich zunächst als Sand, Gestein und trockenes Gestrüpp präsentiert, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Lebensraum unzähliger Tiere und Pflanzen. So wie der in Pastellfarben glänzende Palmatogecko. Er kommt nur in der Nacht an die Dünenoberfläche. Daher ist seine Haut durchsichtig wie Plastikfolie und samtig weich, man kann das kleine Herz schlagen sehen und bei trächtigen Weibchen sogar die Babygeckos. Jeder direkte Sonnenstrahl bedeutet Todesgefahr für den kleinen Wicht, und trotzdem hält er hier unbeirrt die Stellung. Wir staunen noch über Chamäleons, Skorpione, federleichte Eidechsen sowie radschlagende Spinnen.

Nicht weniger Erstaunen ruft das idyllische Städtchen Swakopmund hervor, das seinen auf die Ureinwohner zurückgehenden Namen dem schlammigen Fluss Swakop verdankt, der sich nach Regenfällen hellbraun in den Atlantik ergießt. Der „Mund“ meint eigentlich die rückwärtige Körperhälfte bei Durchfall

Wie zum Trotz präsentiert es sich als aufgeräumte, von bunten Geschäften durchzogene Stadt mit Hotels wie „Schweizerhaus“ oder „Zum Kaiser“ sowie dem „Café Anton“ mit seiner berühmten Schwarzwälder Kirschtorte. Restaurants am Meer bieten Ausblick auf den Anlegesteg der ersten Siedler. Die Apotheke heißt auch genau so, auf der Mauer von „Kücki’s Pub“ ist ein Hühnchen aufgemalt. Des Rätsels Lösung: 1884/85 wurde das Land deutsche Kolonie, Deutsch-Südwestafrika, das historische Erbe prägt das Land immer noch. Wie etwa in Lüderitz, vom Portugiesen Bartholomäus Diaz 1488 entdeckt (daran erinnert noch das Diaz-Kreuz, von wo man auf eine Robbeninsel blickt), der den Landstrich als unbewohnbar klassifizierte. Nicht so der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz vier Jahrhunderte später. Adrette Villen, eine imposante Felsenkirche, die Waterfront am Hafen zeugen davon. Überall, auch in der Wüste, bekommt man Apfelkuchen und Kaffee zur Jause.

Etwas außerhalb das Highlight der Gegend: Kolmanskop oder Kolmannskuppe, die ehemalige Diamanten-Schürfer-Stadt, die langsam von der Wüste verschluckt wird. Hier suchten ab 1908 bis in die 50er-Jahre deutsche Glücksritter nach den Glitzersteinchen und schufen eine Enklave mit Kegelbahn, Champagnertreff, Schule und Spital. Ein Kassabuch von damals zeigt Bestellungen in der alten Heimat: Auf einen Schrank aus deutscher Eiche wartete man auch einmal ein dreiviertel Jahr. Eine Führung lohnt sich, man darf die Geisterstadt auch alleine erkunden.

Die dem westafrikanischen Land namensgebende Wüste Namib ist die älteste der Welt und zieht sich über die gesamte Küstenregion, dessen Hauptteil der Namib Naukluft Park darstellt, mit 50.000 km2 Afrikas größtes Naturschutzgebiet. Hier ist alles rekordverdächtig: die höchsten Dünen der Erde, schier endlose Karstebenen, der weltweit zweitgrößte Canyon (Fish River), die einzigartigen wilden Pferde von Garub, die 22 Millionen Jahre alten versteinerten Dünen, mystische Feenkreise, 500 Jahre alte abgestorbene Akazienbäume im Dead Vlei, das durch Austrocknung eines Flussbettes entstand. Hier bietet sich eine atemberaubende Erfahrung: die Besteigung der Dünen („Big Daddy“, 350 m hoch) in Sossusvlei. Wegen der Hitze nur am frühen Morgen empfehlenswert, fühlt man sich oben angekommen wie der Entdecker der Welt. Und spürt, wie klein wir Menschen sind im Gegensatz zu den unendlichen Weiten Afrikas.

Doch das ist noch nicht alles, denn im Osten erreicht man über den Köcherbaumwald und den „Spielplatz der Giganten“ - eine Auftürmung von Dolomitengestein, 180 Millionen Jahre alt - die Kalahari-Wüste. Im tiefroten Sand der Abendsonne ziehen majestätisch Giraffen vorbei, und die letzten Sonnenstrahlen sind noch lange sichtbar, auch wenn es am Boden schon dunkel ist. Immer mit dabei im Jeep: Gin Tonic und würziges Biltong (Trockenfleisch) zum Knabbern.

Weiße, schwarze und farbige Namibier leben Seite an Seite und vertreten ihre Demokratie seit der Unabhängigkeit 1990 im unerschütterlichen Glauben an das Recht auf persönliche Freiheit. Warum in den Wellblech-Dörfern rund um die Hauptstadt Windhoek so viele saubere und neue Autos stehen, Friseure und Schneider ansässig sind, erzählt unser Busfahrer Tutu: „Jene, denen es gelungen ist, hier wegzukommen, wollen den anderen zu Arbeit verhelfen. Mit Fleiß kann man es schaffen!“ In den Schulen spricht jeder Englisch und muss, egal, welche Hautfarbe, Deutsch und Afrikaans lernen. Denn alles wird leichter, wenn man einander versteht.

In Namibia ist derzeit Sommer, daher hält sich der Touristenstrom in Grenzen. Die Hauptsaison spielt sich in den Ferienmonaten Juli/August ab. Die langen, holprigen Schotterstraßen erfordern von Fahrzeuglenkern äußerste Aufmerksamkeit, hier gebührt den Tieren der Vorrang. Oryx, Springbock, Kudu, Strauße und Co. sind schon aufgrund ihrer Stärke im Vorteil - deren Schönheit zwingt sowieso zum Anhalten. Deshalb erkundet man Flora und Fauna am besten von einer der komfortablen Lodges (mit Pool, Grünflächen und gut geführten Restaurants) aus entweder zum Sonnenaufgang oder bei einer Sundowner-Fahrt.

Wie könnte man den südlichen Sternenhimmel besser beobachten als im Liegen? Das haben sich auch die Betreiber des Namib Dune Star Öko-Camps mit Blick auf das Naukluft-Gebirge gedacht. Dort wohnt man in Stelzenhäuschen und schiebt sein Bett abends hinaus auf die Holzterrasse. Mit ein bisschen Glück zieht noch eine Sternschnuppe vorbei. Aber man ist ja schon wunschlos glücklich.

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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