06.12.2008 16:42 |

Spur nach Wien

Indien-Attentäter mit SIM-Karten aus Österreich?

Die Ermittlungen zu den Terroranschlägen in Bombay (Mumbai) führen nun überraschend auch nach Österreich. Eine SIM-Karte, die in einem Telefon der Attentäter sichergestellt wurde, sei von einem Telekom-Unternehmen in Wien ausgestellt worden, berichtet die Zeitung "Indian Express". Die Infos kämen "direkt von den Behörden", sagte ein Redakteur der Zeitung gegenüber krone.at. Aus dem österreichischen Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung wurde bestätigt, dass es sich um eine österreichische Nummer zu handeln scheint.

Die verwendete Nummer sei eine "nicht ortsgebundene Festnetznummer", offenbar eine Voice-over-IP-Nummer, von einem österreichischen Telefonanbieter. Sie sei an einen ausländischen Provider weiterverkauft worden, hieß es aus dem Bundesamt. Das BVT stehe in dieser Angelegenheit mit Interpol in Kontakt, das eine Expertenkommission für die Aufklärung der Anschläge in Indien eingerichtet hat. Außerdem habe das BVT mit der Staatsanwaltschaft in Wien Kontakt aufgenommen, um der Angelegenheit nachzugehen. Noch verfüge man aber über keine genauen Informationen.

Das BVT sei nicht von den indischen Behörden, sondern von einem ausländischen Nachrichtendienst über die mutmaßliche Verbindung zu Österreich informiert worden. "Indian Express" berichtet, dass der Schweizer Geheimdienst aktiv sei. Das Außenministerium bestätigte  am Freitag, dass von der Botschaft in Neu-Delhi der Artikel der "Indian Express" (Infobox) weitergeleitet worden sei.

Zweite SIM-Karte in New Jersey ausgestellt
Eine zweite bei den Attentätern gefundene SIM-Karte, die bei den im Hotel Taj Mahal getötetet Attentätern sichergestellt wurde, ist laut dem indischen Blatt in New Jersey in den USA ausgestellt worden. Vom Außenministerium wird eine mögliche Verwechslung mit einer Stadt Vienna in dem US-Bundesstaat nicht ausgeschlossen. Allerdings wird in dem Artikel explizit "Vienna, Austria" genannt.

Auf krone.at-Anfrage bei "Indian Express" hieß es, man sei "100 Prozent sicher", dass es sich um das österreichische Wien handele. Dass es auch in New Jersey ein Vienna gebe, höre er zum ersten Mal, so ein Redaktuer des auf Englisch publizierenden Blattes gegenüber krone.at. Die Informationen seien direkt so von den Ermittlern gekommen. Weiters sollen die Behörden ein in Karatschi gekauftes Satellitentelefon gefunden haben.

Pakistanische Armee an Anschlägen beteiligt?
Indische Zeitungen hatten zuletzt über angebliche Beweise für eine Beteiligung der pakistanischen Armee an den Anschlägen von Bombay berichtet. Entsprechende Beweise lägen der Regierung vor und kämen teilweise vom US-Bundeskriminalamt FBI, berichteten die Zeitungen am Freitag. Die "Times of India" schrieb unter Berufung auf indische Geheimdienstkreise, die Beteiligung des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI sei erwiesen. Die Ausbilder der Attentäter gehörten dem ISI an.

Lediglich einer der Attentäter konnte verhaftet werden. Neun weitere wurden getötet. Der Verhaftete habe ausgesagt, in den vergangenen eineinhalb Jahren an vier Schulungen in Ausbildungslagern in Pakistan teilgenommen zu haben, berichtete die Zeitung "Mail Today". Er gehöre der Lashkar-e-Taiba-Gruppe an, der bereits mehrere Anschläge in Indien zur Last gelegt werden. Die islamistische Gruppe kämpft gegen die indische Herrschaft im umstrittenen Kaschmir-Gebiet. Ihr wurden in der Vergangenheit Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst nachgesagt.

Die Beziehungen zwischen den Erzrivalen und Atommächten Indien und Pakistan haben nach den Anschlägen von Bombay einen neuen Tiefpunkt erreicht. Indien vermutet die Urheber in Pakistan und verlangt die Auslieferung von 20 Verdächtigen. Der pakistanische Präsident Asif Ali Zardari machte dagegen "staatenlose Akteure" für die Anschläge verantwortlich. Die Krise beeinträchtigt auch die Bemühungen zur Stabilisierung des ebenfalls an Pakistan grenzenden Afghanistans, wo sich islamische Gruppen Kämpfe mit NATO- und US-Truppen sowie der afghanischen Armee liefern.

US-Experte: Nicht alle Attentäter gefasst

Unterdessen sagte der US-amerikanische Anti-Terror-Experte David Kilcullen am Donnerstag auf einer Konferenz in Washington, dass die Anschläge von Bombay wahrscheinlich von weitaus mehr Attentätern ausgeführt worden sind als bisher angenommen: "Die indischen Behörden sprechen von zehn Tätern - basierend auf der Tatsache, dass sie einen festgenommen und neun getötet haben. Man muss davon ausgehen, dass einige entwischen konnten."

Zu Beginn der dreitägigen Anschlags- und Geiselnahmeserie in der indischen Metropole hatte die Polizei von etwa 25 Attentätern gesprochen. Später war nur noch die Rede von zehn bewaffneten Angreifern. Mehr als 170 Menschen wurden bei dem Sturmlauf der Extremisten getötet. Neben Kilcullen, der unter anderem US-Außenministerin Condoleezza Rice in Anti-Terror-Fragen beraten hat, äußerte auch die Analystin und frühere CIA-Agentin Farhana Ali die Vermutung, dass einige der Attentäter im Chaos der Gewaltwelle entkommen konnten. "Ich denke, es waren mehr. Meine Quellen gehen von mindestens 23 Bewaffneten aus", sagte die Expertin, die kurz vor den Anschlägen Indien und Pakistan besucht hatte. Ihre Informanten befänden sich in Pakistan, fügte sie hinzu, ohne jedoch weitere Angaben zu machen.

Regierung gesteht Fehler ein
Der neue indische Innenminister Palaniappan Chidambaram hat indes Fehler der Regierung eingestanden. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, um die Ursachen dieser Fehler auszumerzen und die Effektivität der Sicherheitssysteme des Landes zu steigern, sagte der seit wenigen Tagen amtierende Chidambaram am Freitag. Sein Vorgänger war nach den Anschlägen in der vergangenen Woche zurückgetreten. Die Regierung steht seit dem Terrorangriff in der Kritik. "Sicherheitskräfte und Geheimdienste haben versagt", sagte Chidambaram am Freitag vor Journalisten. Diese Fehler müssten aufgearbeitet und abgestellt werden. "Was in Bombay geschehen ist, muss unsere Einstellung zum Terrorismus grundlegend verändern", sagte Chidambaram. Zwar sei auch in der Vergangenheit jeder Anschlag ernsthaft untersucht worden. Oftmals seien die Behörden jedoch zu schnell wieder zur "gewohnten Routine" übergegangen.

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