Zu diesem erschütternden Thema – aktueller denn je – nimmt der erfahrene Leiter der Präventionsberatung im Burgenland Stellung.
Der Verein Neustart engagiert sich im Auftrag des Innenministeriums in der verpflichtenden Gewaltpräventionsberatung. Nach einem Betretungs- und Annäherungsverbot sind es im Burgenland 350 Gefährder pro Jahr, die sich der gezielten Betreuung unterziehen müssen. Alle Bemühungen, brutale Übergriffe rechtzeitig zu verhindern, werden immer wieder von aktuellen Fällen der Polizei überschattet. Ungezügelte Aggressivität vorwiegend durch Männer hat geschlechtsspezifische Hintergründe, wie Neustart-Leiter Alexander Grohs weiß: „Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen, sie passiert täglich, vor allem in Beziehungen und im sozialen Nahraum.“
Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen. Sie passiert täglich, vor allem in Beziehungen und dem sozialen Nahraum.
Alexander Grohs
Laut dem Experten mit viel Berufserfahrung gibt es ein klares Muster: „In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sind es Männer, die Gewalt in den verschiedensten Formen ausüben. Diese traurige Realität auszusprechen ist kein Angriff auf Männer, sondern die Voraussetzung, um Verantwortung benennen zu können und Veränderung möglich zu machen“, merkt Grohs an. Ein zentraler Faktor sei das Bild von Männlichkeit, das viele Gewalttäter verinnerlicht haben: stark sein, sich durchsetzen, Kontrolle ausüben, keine Schwäche zeigen.
„Wenn sie sich in Beziehungen gekränkt, über- oder herausgefordert fühlen, regieren diese Männer mit Gewalt. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie gelernt haben, dass Gewalt für sie eine naheliegende – manchmal sogar die einzige – Handlungsoption ist“, erklärt der Neustart-Leiter: „Hinter den Taten stehen oft Gefühle von Ohnmacht, was aber nichts rechtfertigt. Es erklärt, wo wir ansetzen müssen.“
Entscheidend ist die Erkenntnis: Gewalt ist eine Entscheidung
Die Sätze, die die Betreuer von den Gefährdern in der Beratung oft hören: „Sie hat mich provoziert“, „Ich war betrunken“ oder „Es ist halt eskaliert“. „Das klingt wie Erklärungen, sind aber gelernte Strategien, sich selbst zu entlasten. Der entscheidende Schritt ist daher die Erkenntnis: Gewalt ist eine Entscheidung. Und wer sie trifft, trägt die volle Verantwortung“, betont Grohs.
Die Verantwortung endet allerdings nicht beim einzelnen Täter. Zivilgesellschaftliches Engagement könnte bereits im Vorfeld viel zur Prävention beitragen. Aus Sicht des Neustart-Leiters drängt sich nicht die Frage auf, ob Männer etwas ändern können – „sondern, ob wir bereit sind, es zu tun“. Wenn jeder eine klare Haltung gegen Gewalt zeigt, hinschaut und eingreift, wenn etwas passiert oder bemerkt wird, dann habe Gewalt gegen Frauen kaum noch eine Chance.
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