Der Tiroler Josef Geisler war mehr als 33 Jahre als Strafrichter am Landesgericht Innsbruck tätig. Im Radio-U1-Interview mit Vitus Amor plaudert er aus dem Nähkästchen und verrät unter anderem, wie er Gerechtigkeit definiert, welche Prozesse ihm schlaflose Nächte beschert haben und dass er vom Einsatzkommando Cobra bewacht werden musste.
Wie geht’s da?“ Diese Frage stellt Vitus Amor in seiner Radio-U1-Sendung seit 2024 Tiroler Persönlichkeiten. In Folge 23 ist Josef Geisler, Ex-Richter und Präsident des Tiroler Fußballverbandes (TFV), zu Gast. Die Sendung wird am 3. März um 20 Uhr ausgestrahlt. Es gibt sie auch als Podcast.
Der Zillertaler (71) befindet sich seit sechs Jahren im richterlichen Ruhestand. Er war mehr als 33 Jahre als Strafrichter am Landesgericht Innsbruck tätig. „Allein während dieser Zeit durfte ich 7000 Mal Urteile im Namen der Republik fällen und verkünden“, gibt Geisler preis, „90 % davon waren sofort rechtskräftig, sie wurden nicht bekämpft. Das war stets ein Beweis dafür, dass ich mit meiner Einschätzung richtig lag“.
„Das liegt im Auge des Betroffenen“
Wie definiert er Gerechtigkeit? „Das ist kein objektiver Begriff, sondern ein subjektiver. Viele Menschen haben einen subjektiven Zugang zur Gerechtigkeit. Die Aufgabe des Richters ist, das objektiv zu sehen. Aber ob jemand gerecht verurteilt bzw. beurteilt worden ist, liegt im Auge des Betroffenen“, erläutert Geisler.
„Harte Strafen dort, wo sie notwendig sind“
Die Opfer sind für den Ex-Richter immer an erster Stelle gekommen, dann folgten die Täter. „Mein Leitsatz war: Harte Strafen dort, wo sie notwendig sind. Milde Strafen, wenn sie möglich oder sogar angebracht sind.“ Bereut habe er jedenfalls keine seiner Urteile.
Schlaflose Nächte gab es für den 71-Jährigen somit wenige. „Wenn man nach bestem Wissen und Gewissen handelt und im Zweifel nicht verurteilt, sondern den Angeklagten freispricht, sind die schlaflosen Nächte an einer Hand abgezählt“, betont er. Spannend: Welche wenigen Fälle raubten Geisler den Schlaf? „Immer dann, wenn Kinder Opfer eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes geworden sind, hat mich das auch privat massiv beschäftigt. Ähnlich war es auch bei betagten Menschen, wehrlosen Frauen und Menschen mit Behinderung, die Opfer einer Straftat wurden“, verrät der ehemalige Richter.
Die Sendung wird am Dienstag, dem 3. März 2026, um 20 Uhr bei Radio U1 Tirol ausgestrahlt. Wiederholt wird sie am Montag, dem 9. März 2026, um 20 Uhr. Zudem kann sie jederzeit auch auf YouTube, Spotify, Apple Podcast sowie auf der Radio-U1-Tirol-Homepage nachgehört werden. Einfach auf den QR-Code klicken.
„Das waren die Köpfe der damaligen Unterwelt“
Eine jener Verhandlungen, die ihm in Erinnerung geblieben ist, ist der sogenannte „Rotlicht-Prozess“. „Es war ein Schwurgerichtsverfahren mit zehn Angeklagten, die Großteils die Köpfe der damaligen Tiroler Unterwelt waren, und zehn Verteidigern. 124 Fragen wurden den Geschworenen gestellt. Ihre Beratung dauerte nicht – wie üblich – mehrere Stunden, sondern ein paar Tage“, sagt Geisler.
Der 71-Jährige urteilte somit unter anderem auch über „dicke Fische“. Wurde er jemals bedroht? „Gott sei Dank ist es bei uns nicht so wie in Süditalien. Es gab in mehr als drei Jahrzehnten einen einzigen Fall. Über eine Telefonüberwachung wurde bekannt, dass gegen mich eine Todesdrohung ausgesprochen wurde. Daraufhin wurde ich vier Tage lang vom Einsatzkommando Cobra bewacht. Das war eine höchst unangenehme Situation für mich“, erinnert sich der Zillertaler zurück.
Mein Leitsatz war: Harte Strafen dort, wo sie notwendig sind. Milde Strafen, wenn sie möglich oder sogar angebracht sind.
Ex-Strafrichter Josef Geisler
Das hat sich in der Justiz verändert
Was hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in der Justiz geändert? „Einfache Strafsachen kommen gar nicht mehr zum Strafrichter, weil im Vorfeld eine diversionelle Erledigung erfolgt ist. Das heißt: Strafsachen werden schwieriger und komplexer“, so Geisler, „dann bedarf es immer mehr der Zuziehung eines Dolmetschers, weil viele Angeklagte und Zeugen nicht mehr ausreichend der deutschen Sprache mächtig sind. Und der Respekt vor den Behörden ist verloren gegangen. Gerichtliche Vorladungen werden einfach ignoriert, was zur Folge hat, dass eine Vorführung durch die Polizeibehörden angeordnet werden muss. Das wiederum kostet Geld und das Verfahren dauert länger“.
Am meisten vermisst der Ex-Richter den Gerichtssaal. Dieser sei ein „Schauplatz“, an dem die verschiedensten Charaktere versammelt seien. „Ich war gerne ein Teil davon und war mir auch stets über meine wesentliche Aufgabe bewusst“, betont der Tiroler.
„18.500 Spieler sind in Tirol aktiv gemeldet“
Sein ganzes Leben lang positiv begleitet hat ihn König Fußball. Seit mehr als 17 Jahren ist der Zillertaler nun schon der höchste Funktionär des Tiroler Fußballverbandes. „Wir organisieren für 152 Vereine den Meisterschaftsbetrieb, rund 18.500 Spieler sind aktiv gemeldet – die allermeisten davon sind Nachwuchsspieler“, berichtet er stolz. Und zwölf Jahre lang war er Vize-Präsident des Österreichischen Fußballverbandes.
Als Strafrichter hat er vor allem eine Beobachtung gemacht, die er als wichtig empfindet: „Jene Kinder und Jugendliche, die Sport betreiben oder gar Teil eines Vereines sind, sind weniger gefährdet, straffällig zu werden. Jeder, der etwas für den organisierten Sport tut, tut somit etwas für die Sicherheit unserer Gesellschaft. Daran sollten all jene denken, denen Sportanlagen mit Auswirkungen wie Lärm oder Flutlicht ein Dorn im Auge sind.“
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