„Krone“-Interview

David Howald: „War im Leben noch nie glücklicher“

Musik
11.02.2026 06:00

Seit gut zehn Jahren lebt der Baseler David Howald mittlerweile in Wien und hat mit seiner Band Werckmeister einige Alben lang die Grenzen von intelligenter Popmusik verschoben. Nach dem geheimen Ende der Band arbeitete er an seinem Soloalbum „Der Narr“, wo er sich offen, direkt und verletzlich wie nie zeigt. Ein Gespräch über Erziehungsmaßnahmen, Medusenwälter und Austropop.

kmm

„Krone“: David, du veröffentlichst dieser Tage dein Soloalbum „Der Narr“. Da kommt mir natürlich als erstes die Frage: Gibt es deine Band Werckmeister noch oder ist das hier nur ein kurzer Ausflug in eine neue musikalische Welt?
David Howald:
 Tatsächlich haben wir das Projekt Werckmeister vor ca. eineinhalb Jahren klammheimlich aufgelöst. Von ein paar Nummern, die es auf „Der Narr“ geschafft haben, existierten auch bereits Live-Versionen mit Band. Dies zeigt, wie sehr sich mein Songwriting – in aller Abgeschiedenheit – und die Arbeit mit dieser Band lange Zeit überblendeten. Man kann also generell nicht wirklich von einem Ausflug in eine neue musikalische Welt sprechen, mehr von einer bewussten Reduktion.

Solomusiker zu sein ist dir nicht fremd. War einfach der Wunsch da, wieder in diese Richtung zu gehen? Keine Kompromisse eingehen zu müssen?
Viel von der Musik, die wir mit Werckmeister umgesetzt haben, habe ich abseits der Band, aber mit der Band im Hinterkopf und sozusagen im Kontext der Band geschrieben. Die Gründungsmitglieder (Hümmer und Weiss) und ich hatten zum Ende hin ein blindes musikalisches Verständnis und ich bin nach wie vor sehr zufrieden mit allem, was wir gemacht haben. In Hinblick auf die breiten Soundscapes und die ornamentalen Arrangements, die wir bei Werckmeister zu kultivieren pflegten, fiel mir aber zunehmend auf, dass bei vielen meiner neuen Songs weniger mehr ist. Ich fing also für mich selbst, teilweise aber auch vor dem Gremium der Band an, in Werckmeister- und Howald-Songs zu unterscheiden.

Auf beiden Werckmeister-Alben, aber vor allem auf dem zweiten, ist dieser Wunsch nach Transparenz, nach dem Herausschälen einer Essenz und der Zensur des ganzen Tands, sowas wie der geheime Fluchtpunkt, der uns leitete. Nehmen wir nun zum Beispiel das Titelstück des aktuellen Albums „Der Narr“: Als sich nur schon eine vage Ahnung dieses kleinen Liedes in meinem Kopf auftat, war mir klar, dass weder die Gewalt einer Band, noch große Gesten im Gesang, diesem Lied in irgendeiner Weise zum Gehen verhelfen würden. Nur das Leise und Schmucklose, die abgeschabte Wand, ohne Effekte, ohne lautstarken Nachdruck und vor allem ohne Ausreden, würden die Figur in diesem Text transportieren können.

Wann hast du die Idee geboren, diese Lieder zu einem Soloalbum zu versammeln? Gab es da einen zündenden Moment dafür?
Im Kontext von Werckmeister, aber eben auch außerhalb dieses Kontexts, ist über die letzten Jahre sehr viel Material entstanden. Vieles davon ist intim und fragil. Die ersten Aufnahmen und Skizzen eines Songs, wenn er noch gänzlich weich und gerade erst formuliert ist, haben etwas Unwiederbringliches. Vieles von dem, was diese Aufnahme hat, geht im späteren Verlauf, wo man den Song mit Band, Studio und Produzent reproduziert, verloren. Schon seit langer Zeit schwebt mir also vor, diese ursprünglichen Aufnahmen in ihrer ganz eigenen Ästhetik zu veröffentlichen. Lange aber war ich mir nicht sicher, ob das klangtechnisch Schritt halten würde.

Als sich das Ende der Band abzuzeichnen begann, schickte ich neun bis zehn derart aufgenommener Songs unter dem Slogan „Demos“ an meinen Kumpel Ralv Milberg, der in Stuttgart sitzt. Als er dann meinte, für ihn klinge das schon mehr oder weniger wie eine fertige Platte, war mir klar, dass ich das jetzt so durchziehen, dieses Material fertigstellen und veröffentlichen werde. Wobei man sagen muss, dass die Griffe, die Ralv in seiner alchimistischen Soundwerkstatt in Stuttgart dann noch vorgenommen hat, dem Album erst zu seiner vollen klanglichen Wirkung verholfen haben. Noch selten habe ich jemanden bei der Arbeit zusehen können, der so genau hinhört und die Musik so bewusst zu modellieren weiß.

In der Presseinfo steht, dass du die Figur des Narren bzw. der Närrin in allen einzelnen Songs sezierst. Wie kam es zu diesem Grobkonzept und wie haben sich die einzelnen Songs aneinandergeschmiegt?
Bei dieser Sammlung von neun Songs, die ich in erster Linie gefühlsmäßig so zusammengestellt habe, war das Lied „Der Narr“ ohne Zweifel von Anfang an das ordnende Stück. Mir fiel auf, dass sich jeder Song durch die Linse dieser Figur, die man als geschlechtsloses, abstraktes Prinzip verstehen muss, betrachten lässt. Dass der*die Närr*in in allen diesen Songs – vielleicht gar in allen Songs, die ich je geschrieben habe – auf die eine oder andere Weise vorhanden ist. Ich arbeite schon länger an ihr. Auch in den Leitmotiven meiner Alben „Kairos“, oder früher noch in „The Double“ sind Aspekte dieser Figur vorhanden. Aspekte wie totale Bewegungsfreiheit, Intuition, luzides Wissen und Handeln etc. Im Falle des*der Närr*in ist aber ganz klar auch eine Ambivalenz gegeben, er/sie/es steht nämlich gleichzeitig für das Scheitern, die Sinnlosigkeit und die Zerstörungswut. Diese Zweischneidigkeit und dieses Paradoxe sind in allen Beziehungen, ja in allen Dingen, immer vorhanden. „Stachelige Frucht“, der Opener des Albums, spricht dies direkt im Titel schon an. Oder das Lied „Lamm & Wolf“ spricht vom Gestalten- und Rollenwechsel in einer Beziehung zwischen zwei Menschen.

Die Figur selbst, also ein Narr, erschien mir während einer Therapiesitzung, in einer sogenannten Imagination: einer schamanistisch von der Therapeutin angeleiteten Übung. Die Tür öffnete sich und da stand diese kleine, kindähnliche Figur, aber fernab von Alter, in einem Glocken-besetzen Narrenkleid. Natürlich begegnen wir uns in solchen Momenten, wie auch im Traum und erst recht beim Liederschreiben, immer auch selber.

Eine schöne Pianoballade ist etwa „Lamm und Wolf“ geworden, wo du Alltagsszenen wie einen Orangenkauf in poetischer Art und Weise umsetzt. Steckt nicht in uns allen das Lamm und der Wolf? Und was willst du mit den alten und neuen Gesichtern einer Beziehung sagen?
Das jeweils „alte Gesicht“ des*der Partner*in trägt und spiegelt man, wenn man es nicht schafft zusammen vorwärts zu gehen. Und ja genau, in Beziehungen durchlaufen wir einen permanenten Gestaltenwandel. Um sich gegenseitig wirklich zu verstehen muss man alles schon gewesen sein: Lamm und Wolf und auch sämtliche Zustände, die dazwischen liegen.

Allgemein sind die Lieder sehr ruhig und reduziert gehalten. Fühlst du dich in diesem sehr intimen musikalischen Segment wohl oder musstest du dir das erst erarbeiten?
Es ging ganz von alleine dorthin. Das, was ich auf diesem Album sage, konnte nur so gesagt werden. Mehr Nachdruck, mehr Blendwerk und nur schon der geringste Anflug von Rock’n‘Roll- Klischee hätten diese Songs im Keim erstickt.

Viele, wenn nicht alle der Songs scheinen unterschiedliche Höhen und Tiefen einer Beziehung ins Zentrum zu setzen. Ist „Der Narr“ ein Album, mit dem du persönlichen Schmerz verarbeitet hast?
Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass „Der Narr“ bisher mein persönlichstes Album ist. Und ja, absolut: Nie war ich in meinem Leben glücklicher als in den letzten Jahren, aber auch nie habe ich den Schmerz so unverfälscht gefühlt.

Im eindringlichen „Medusenwald“ findet man Beziehungsängste und Unsicherheiten. Wie hast du besagten „Medusenwald“ visualisiert? Wie sieht so etwas zu Melodie und Text dazugestellt aus?
Dieses Wort „Medusenwald“ notierte ich mir nachdem ich von einem Traum erwachte: Ich befand mich darin in einer Art Mischung aus aggressiver Technoparty, mit rasenden Strobo-Lichtern etc. und verwunschenem, moosgrünem Wald. Ich habe versucht zu verstehen, was dieser Ort in meinem Fall bedeutet.

Sehr intensiv geraten ist das Lied „Patientenhemd“, das von Depressionen und Isolation erzählt. Sind dir diese schwierige Gefühlszustände bekannt? Sind sie etwa das Resultat einer verstorbenen Liebe?
Ich müsste lügen, um zu sagen ich wüsste wirklich was eine Depression zu haben bedeutet. Ich bin bisher davon verschont geblieben. Ich bin mir aber einer Art durchdringenden Traurigkeit und Schwere bewusst, die gewissermaßen weit weg, wie ein dunkler Stern, seinen Orbit geht. Von diesem Stern, der mir in meinem Leben teilweise in Form von und in anderen Personen erschienen ist, handelt dieses Lied.

Spiegelt das Lied „Dialog“ etwa den Wunsch dessen wider, welche Art von philosophischem oder lyrischem Dialog du gerne mit deinem Vater führen würdest oder geführt hättest?
Dieses Lied handelt eher von dem, was mir meine Tochter gezeigt hat. Kinder verweisen auf etwas Unendliches, auf eine Art Omnipräsenz. Damit ein Kind jedoch wachsen und seinen Weg finden kann, muss es auch Grenzen kennen- und akzeptieren lernen. Im Lied „Dialog“ setzt der Vater diese Grenzen so sanft es geht, mittels des Sternenhimmels, den er zu „Leitplanken“ deutet.

Du hast die Lieder hauptsächlich selbst produziert, aber eben auch mit Ralv Millberg in Stuttgart gearbeitet, der sich mit diversen Post-Punk-Alben von den Nerven und Co. einen Namen gemacht hat. Warum gerade er? Hat er dich und deine Liedkunst am besten verstanden?
Ich bin schon länger mit ihm im Kontakt. Er scheint seit jeher ziemlich gut zu verstehen, was ich da mache und ich bin froh, haben wir mit „Der Narr“ endlich einen Anlass zur Zusammenarbeit gefunden. Nebst seinem Renommee in Sachen Post-Punk ist er ja auch literarisch bewandert und bewegt sich mit seinem Ambient/IDM-Projekt Prince In His Arms auch im experimentellen Bereich. Diese Parameter passten also alle sehr gut.

Was waren eigentlich deine musikalischen Vorbilder für dieses Album? Es klingt stellenweise wie schräger US-Folk aus der alternativen Szene…
In dem Album stecken wohl alle meine Vorlieben irgendwie drin. Vor allem aber zieht es mich zunehmend hin zu Dingen, bei welchen die Luft und das Rauschen zwischen den Tönen vorhanden ist und genutzt wird. Wo Raum gelassen wird für einzelne Impulse oder Worte. Aldous Harding, Nina Simone oder auch Scott Walker machen das in Vollendung. Dementsprechend habe ich auch viel Musik ohne Text gehört in den letzten Jahren, wie z. B. die Warp-Label-Band Seefeel, die ich sehr bewundere. Wenn du auf US-Folk ansprichst, fällt mir gerade ein bestimmtes Album ein, bei welchem mir sehr früh genau diese Stärke und auch die exzentrische aber authentische Produktion auffiel: Das selbstbetitelte Album von Timber Timbre, welches für mich schon länger wegweisend ist.

Du gehst mit „Der Narr“ auf Tour im deutschsprachigen Raum und in mehreren Ö-Locations. Wie wird das Livesetting aussehen? Bist du ganz alleine? Spielst du das Album durch? Haben auch Werckmeister-Nummern Platz?
Ich werde solo auftreten an Piano und Gitarre. Gewisse Stellen durch Loops und sanfte Elektronik vertiefen und illustrieren. Und vielleicht den einen oder anderen Prosatext vorlesen, der im Kontext des Albums wichtig war.

Ist „Der Narr“ dein Elliott Smith- oder Jeff Buckley-Album? Kann man das so einordnen?
Aufgrund der minimalistischen Gesangsgesten und der Affinität zum Narren eher noch Elliott Smith. (lacht)

Du bist mehr als zehn Jahre in Wien daheim. Bist du mittlerweile schon eingewienert und bereit für dein ganz persönliches Austropop-Album?
It will never happen. (lacht)

Live in Wien und Graz
Sein Soloalbum „Der Narr“ präsentiert David Howald morgen, am 12. Februar, im ORF-Radiokulturhaus in Wien und am 13. Februar im Grazer Café Wolf. Es wird für beide Events noch Karten an der Abendkassa geben.

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