Athen: Mit „Requiem for the End of Love“ stellt die Griechische Nationaloper eine legendäre Performance zum Thema AIDS aus dem Jahr 1995 wieder auf den Prüfstand. Teodor Currentzis debütiert dabei als Dirigent im neuen Opernhaus seiner Geburtsstadt.
„Die Liebe ist langsam, sie küsst den Tod, küsst und belebt den Tod wieder.“ So heißt es übersetzt im Gedicht„Lazarus“ von Demetrios Capetanakis. Geschrieben hat es der Lyriker kurz vor seinem Tod auf Englisch, um sein nahendes Ende wissend. Er starb 1944 mit 32 Jahren an Leukämie in London.
Der Komponist Giorgos Koumendakis vertonte Teile dieses Todesgesangs. Für das „Requiem for the End of Love“, das 1995 einen heute noch ikonischen, kathartischen Moment in Griechenland markiert: „Während unser Jahrhundert zu Ende geht, ist es von der Angst vor der Liebe geprägt“, notierte er damals dazu. Denn das Werk ist den vielen Toten, „all den Freunden, die ihr Leben durch AIDS verloren haben“ gewidmet.
Der Choreograf und Künstler Dimitris Papaioannou schuf zu der Trauermusik eine 40-minütige Performance, als Beginn der zweiteiligen Produktion „A Moment’s Silence“ für sein bis 2002 bestehenden Edafos Tanztheater.
Ein Ereignis, das in einer alten Kraftwerkshalle in Piräus seine aufrüttelnde, bis heute tief nachhallende Wirkung tat: Erstmals drang hier nachdrücklich und ausgesprochen das Thema AIDS ins griechische Bewusstsein. So wie kurz davor der Tod des Filmemachers Alexis Bistikas als prominentes Opfer spät den breiten Diskus über die Epidemie eröffnete.
Das Requiem beeindruckt auch nach 30 Jahren
15.000 Karten waren in einer Stunde und 38 Minuten weg, als die Wiederaufnahme des „Requiem for the Ende of Love“ in der neuen Nationaloper kürzlich in den Verkauf kam. Das alte Team trat wieder zusammen, Giorgos Koumendakis in seiner aktuellen Funktion als Athener Operndirektor, Dimitris Papaioannou mit 50 Tänzern und Performern, um im größeren Opernraum das „Requiem“ neu und tief bewegend zu überprüfen.
Wie die Verdammten des Jüngsten Gerichts stürzen und straucheln die 50 Männerkörper über die steile, dunkle Treppe, die die Bühne beherrscht. Es ist ein langsames, quälendes Abwärts in den Tod. Unaufhaltsam. Die todesmutigen Akteure steigen immer wieder (unsichtbar) die Treppe hinauf, um sie erneut herabzustürzen. Ein Perpetuum mobile des Sterbens.
Die Musik, für die der griechisch-russische Superstar Teodor Currentzis zum ersten Mal am Athener Opernpult überzeugt, ist eine uneitel unavantgardistisch fließende Theatermusik: sich wiederholende Sequenzen, in ruhigen Klangströmen.
„Dieses Klopfen bedeutet den Tod.Ich habe es schon einmal gehört“, singt darüber der Sopran aus dem „Lazarus“-Gedicht. Vesperartig mischt sich der Männerchor dazu. Der nackte Lazarus wird über die steilen Stufen getragen. Doch die Auferstehung bleibt aus. Am Ende liegen die siechenden Körper auf einer langen Schlachtbank am Fuß der Treppe. Zu verklingenden Glockenschlägen fällt einer nach dem anderen krachend in den Abgrund.
Auch dreißig Jahre später ist der Tod nicht abgeschafft. HIV hat zum Glück viel an Schrecken verloren, doch die Stigmatisierung der Infizierten bleibt. Und Mut zum offenen Diskurs, zum Tabubruch, hat eine immer dunkler und strikter werdende Welt not.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.