Eine junge Frau (30) erhält am Kepler Universitätsklinikum in Linz die Diagnose eines hochaggressiven Tumors. Ihre Gebärmutter wird entfernt, ein Eierstock gleich mit. Wochen später heißt es: Sie sei nie krank gewesen. Recherchen zeigen, wie es zur folgenschweren Verwechslung kam.
Linz, Jänner 2026. Ein grauer Tag an der Donau. In der Lobby eines Businesshotels sitzt Katharina Wolle (Name geändert), Anfang 30, in Schwarz gekleidet, über den Schultern ein weißer Schal. Neben ihr: ihr Anwalt Rainer Hable. Auf dem Tisch liegt eine Aktenmappe. Ihr Leben in Papierform.
Wolle lebt in einem kleinen Ort in Oberösterreich und möchte anonym bleiben. Lange hat sie gezögert, nun spricht sie öffentlich. Als mahnendes Beispiel für strukturelle Probleme im Gesundheitssystem.
„Ich bin monatelang jeden Morgen aufgewacht und jeden Abend schlafen gegangen – mit der Angst, bald zu sterben“, sagt sie ruhig.
Ich bin monatelang jeden Morgen aufgewacht und jeden Abend schlafen gegangen – mit der Angst, bald zu sterben.
Katharina Wolle
Der Routineeingriff
Anfang Juni 2025 wird Wolle nach einer Fehlgeburt mit starken, anhaltenden Blutungen von ihrem Frauenarzt an die Kepler Universitätsklinik Linz überwiesen. Erst nach eigener Urgenz erhält sie einen OP-Termin. Am 13. Juni wird eine Ausschabung der Gebärmutterschleimhaut durchgeführt. Ein Routineeingriff, tagesklinisch. Einen Entlassungsbrief bekommt sie nicht. Sie verlässt die Klinik an einem sonnigen Sommertag, ohne zu ahnen, was folgen wird.
Der Anruf
Am 22. Juli meldet sich die Klinik telefonisch. Man bitte um einen dringenden Termin. Zwei Tage später wird Wolle mit einem Befund konfrontiert, der ihr Leben aus der Bahn werfen wird: In der in Linz entnommenen Gewebeprobe sei ein hochaggressiver Tumor festgestellt worden, ein sogenanntes High-Grade-Stromasarkom. Auch eine Begutachtung in Graz sei zum selben Ergebnis gekommen.
Bereits vor dem persönlichen Gespräch hat ein internes Tumorboard getagt. Im Protokoll, das der „Krone“ und „News“ vorliegt, ist von einem „hochmalignem Gewebe“, also einer besonders bösartigen Geschwulst, die Rede. Die Empfehlung: rasches operatives Vorgehen.
Die Operation
Anfang August erklären zwei Ärzte Wolle, sie müsse umgehend stationär aufgenommen werden. Wolle fragt sich im Beisein einer Freundin, ob es nicht Sinn mache, eine zweite Meinung einzuholen. Für eine Zweitmeinung bleibe keine Zeit, sagen die Ärzte. Am 5. August, ab 7.39 Uhr, wird sie von einem Oberarzt und einer Assistenzärztin operiert: Die gesamte Gebärmutter, beide Eileiter und ein Eierstock werden entfernt. Hinweise auf Metastasen finden sich nicht. Einen Tag später wird sie entlassen: mit einer Krebsdiagnose, ohne Möglichkeit, jemals Kinder zu bekommen, und mit dauerhaft verändertem Hormonhaushalt.
Wochen der Ungewissheit
Die zugesagte Befundbesprechung bleibt aus. Erst nach mehrfachen Nachfragen heißt es mehr als zwei Wochen später, das erste Ergebnis sei gut, aber man warte noch auf Detailanalysen. Wolle beschreibt diese Zeit als emotionalen Ausnahmezustand, geprägt von Angst und Schlaflosigkeit. Immerhin habe man vorher über potenziell notwendige Folgetherapien wie Chemo oder Bestrahlung gesprochen.
Am 16. September, 7.30 Uhr, wird Wolle schließlich erneut in die Kepler-Klinik bestellt. Drei Professoren – Peter Oppelt, der Leiter der Gynäkologie, Rupert Langer, der Chef der Pathologie und Karl Heinz Stadlbauer, der ärztliche Direktor der Uniklinik – teilen ihr mit: Sie sei gesund. Mehr noch: sie sei immer gesund gewesen. Es habe eine „Komplikation“ bei der pathologischen Begutachtung gegeben. Weitere Erklärungen bleiben aus. Man überreicht eine Visitenkarte, übergibt ein Informationsblatt der Patientenvertretung des Landes Oberösterreich und weist Wolle darauf hin, dass ihre Krankenakte nur über einen Rechtsanwalt angefordert werden könne. „Ich dachte, mich trifft der Schlag“, sagt Katharina Wolle. „Du gehst hin und vertraust diesen Personen. Und sie kommunizieren das, als würde es um ein Stück Brot gehen.“
Ich dachte, mich trifft der Schlag. Du gehst hin und vertraust diesen Personen. Und sie kommunizieren das, als würde es um ein Stück Brot gehen.
Katharina Wolle
Der neue Befund
Der endgültige histologische Bericht zeigt: Im gesamten, nach der Operation vom 5. August untersuchten Gewebe findet sich kein Tumor. Die Gebärmutter wurde vollständig aufgearbeitet, ohne Nachweis eines Sarkoms. Für den massiven Eingriff habe es keinen medizinischen Grund gegeben.
Besonders schwer wiegt: Laut den Akten, die der „Krone“ und „News“ vorliegen, war Peter Oppelt als Leiter der Gynäkologie bereits am 21. August über dieses Ergebnis informiert. Wolle erfuhr davon erst fast vier Wochen später. Wochen, in denen sie im Glauben lebte, an Krebs erkrankt zu sein.
Die Kontamination
Ende September übernimmt Anwalt Rainer Hable die Vertretung der jungen Frau. Er fordert unverzüglich Einsicht. Wieder vergehen Wochen. Erst am 17. Oktober erhält er den Akt. Daraus geht hervor: Die ursprüngliche Gewebeprobe wurde in der Pathologie offenbar mit jener eines anderen Patienten vermischt und somit kontaminiert. Im Entlassungsbrief ist von einer „äußerst bedauerlichen Kontamination“ die Rede. Besonders schwer wiegt wohl: Entlassungsbriefe wurden monatelang nicht übermittelt und erst im Oktober durch den Primar „elektronisch freigegeben“.
Dass die Gesundheit einer jungen Frau zerstört wurde, ist schlimm genug. Die Patientin dann allein zu lassen – das lässt einen fassungslos zurück.
Anwalt Rainer Hable
Der Versuch des Anwalts, die Verantwortlichen an einen Tisch zu bringen, scheitert. Die Oberösterreichische Gesundheitsholding, Träger der Kepler Uniklinik, erklärt schriftlich, die Behandlung sei „nach dem aktuellen medizinischen Standard und lege artis“ durchgeführt worden. Weder Ärzte noch Rechtsabteilung sind gesprächsbereit. Hable findet dafür deutliche Worte: „Dass die Gesundheit einer jungen Frau zerstört wurde, ist schlimm genug. Die Patientin dann allein zu lassen und jedes Gespräch zur Klärung zu verweigern – dieser verantwortungslose Umgang lässt einen fassungslos zurück.“
Die Gesundheitsholding teilt auf Anfrage mit: Gewebekontaminationen seien ein bekanntes, seltenes Risiko. Laut der internationalen Fachliteratur könne das in etwa 0,01 bis drei Prozent der Fälle vorkommen.
Rechnet man diese Quote auf die Vielzahl täglicher Untersuchungen hoch, stellen sich unbequeme Fragen: Wie oft passiert so etwas? Und wie oft bleibt es unentdeckt?
Katharina Wolle sagt: „Das Schlimmste ist, dass niemand Verantwortung übernimmt. Ich bin keine Zahl. Ich bin ein Mensch.“
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