In der Steiermark gibt es so wenige offene Lehrstellen wie zuletzt 2010 – mit Ausnahme der Corona-Pandemie. Welche Chancen erwarten die jungen Menschen auf einem krisengebeutelten Arbeitsmarkt? Die „Krone“ hat sich beim 25. Lehrlingswettbewerb in Bad Gleichenberg umgehört.
Die Krawatte sitzt. Der 18-jährige Georg Schröck lässt sich seine Nervosität kaum anmerken. Gleich muss er Gäste bei der Weinauswahl beraten, Cocktails mixen, Früchte filetieren und flambieren, während ihm die kritische Jury des 25. Lehrlingswettbewerbs in der Berufsschule Bad Gleichenberg genau auf die Finger schaut. „Mich hat das Arbeiten mit Menschen immer mehr interessiert als ein Job im Büro oder am Bau“, sagt der Lehrling beim Hotel Retter in Pöllau.
Ähnlich geht es auch seinem Konkurrenten und Kollegen Igor Wolczyk, der beim Lindenhof in der Ramsau zum Restaurantfachmann ausgebildet wird. „Die Entscheidung kam zufällig, aber ab dem ersten Tag hab‘ ich gleich gewusst, dass das das Richtige ist.“ Mit Gästen zu reden, ihnen „ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern“, sagt der 17-Jährige, mache ihm Spaß. Er wird am Ende des Tages über die Goldmedaille in der Kategorie Service jubeln dürfen.
So viele Suchende wie seit 1996 nicht
Durch die Arbeitsmarkt-Zahlen lassen sich Georg und Igor, ebenso wie die 45 anderen Teilnehmer, kaum verunsichern. Und doch ist alarmierend, was das AMS kürzlich veröffentlichte: Insgesamt ging das Angebot an Lehrstellen 2025 um 7,4 Prozent zurück. 5088 duale Ausbildungsplätze wurden insgesamt angeboten, 2023 waren es noch 6000. In der Branche Beherbergung und Gastronomie ist das Minus mit drei Prozent zwar kleiner, doch ein Trend zeichnet sich ab.
„Noch nie seit dem Jahr 2010 ist das Angebot an offenen Lehrstellen – mit Ausnahme des ersten Jahres der Corona-Pandemie 2020 – so niedrig gewesen wie im Vorjahr“, schreibt das Arbeitsmarktservice. Für Bewerber ist die Situation verschärft. 1249 junge Menschen waren per Ende Dezember auf der Suche nach einer Lehrstelle – fast 60 Prozent mehr als im Vorjahr und der höchste Wert seit 1996.
„Gute Lehrbetriebe haben Zulauf“
Klaus Friedl, der steirische Gastro-Obmann in der Wirtschaftskammer, zieht in einer der Lehrküchen von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz. Wenn 45 hoch motivierte Lehrlinge Gemüse schnippeln, Suppen abschmecken und Marzipanrosen auf Geburtstagstorten drapieren, will er von der Krise nichts hören. „Wir haben gute Lehrbetriebe, die Zulauf haben“, sagt er knapp. „Natürlich ist es schade, wenn Traditionsbetriebe wegfallen.“
Da geht mir das Herz auf.
Klaus Friedl zum 25. Lehrlingswettbewerb in Bad Gleichenberg
Das Niveau der Ausbildung, sagt der Branchenkenner, sei heute jedenfalls viel höher als vor 25 Jahren, als der Lehrlingswettbewerb erstmals ausgetragen wurde. „Die jungen Menschen machen tolle Menüs, haben eine gute Weinsensorik, sind ruhig und sachlich.“ Die ausgelernten Fachkräfte kämen am Markt gut an – und zwar nicht nur in Österreich. „Englisch ist heute sehr wichtig. Man kann überall für eine Saison arbeiten – ob in Hotels, auf einem Schiff oder als Privatkoch. Man sieht die Welt und sammelt Lebenserfahrung.“ Ein „Glücksfall“ sei natürlich, wenn sich eine Fachkraft in der Steiermark selbstständig macht und selbst ausbildet.
Ein Traum, den die 18-jährige Anja Lang hegt. „Ein eigenes Restaurant wäre cool“, sagt sie, während sie Hühnerstücke paniert. Seit 8 Uhr früh steht sie schon vor den Herdplatten, um im Wettbewerb gut abzuschneiden. „Die Kreativität ist das, was mir am besten gefällt.“
Beziehungen sind am wichtigsten
Die Motivation ist und bleibt am Berufsweg entscheidend. Das sagt zumindest Wolfgang Gressl, Direktor der Berufsschule. „Der Großteil will leisten“, sagt er, verschweigt aber auch die Herausforderungen nicht. Es gibt heute nur halb so viele junge Menschen wie Ende der 80er-Jahre, und viele buhlen um sie. „Jugendliche haben es nicht immer leicht, viele kommen it einem Rucksack. Wir spüren, dass die Resilienz nachlässt, aber viele auch ein starkes Selbstbewusstsein haben.“
Die Schüler seien heute sehr „entertained“, sagt Gressl – ständig online, alles geht schnell, zu schnell. „Wir versuchen, das Tempo rauszunehmen.“ Am wichtigsten seien heute nicht, ob das Besteck auf den Millimeter genau richtig liegt, sondern ob sich Gäste gut aufgehoben fühlen.
Genau das ist das Ziel von Igor und Georg. Nach ihrer Lehrabschlussprüfung wollen beide übrigens Erfahrung im Ausland sammeln. „Gerne in der Schweiz oder in Italien“, sagt Georg; Igor denkt an Asien oder ein Schiff. Danach kehren sie (hoffentlich) nach Österreich zurück.
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