Seit 15 Jahren ist Anna Atter mit ihrem Alter Ego Monsterheart eine Fixkonstante am heimischen Indiepop-Himmel. Pünktlich zur Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums „Melody Maker“ wird sie sich aber langsam von der Musik zurückziehen. Der „Krone“ verriet sie, weshalb und was dazu geführt hat.
Die Nostalgie treibt zumeist wunderschöne Blüten. Entweder, weil man sie positiv verklärt, oder sie einen unweigerlich an schönere Tage von früher erinnert. So geht es auch Anna Atter, die mit ihrem Alter Ego Monsterheart den österreichischen Indie-Pop der 2010er-Jahre mitdefinierte und für den einen oder anderen Ohrwurm sorgte. Mit der Corona-Pandemie ging der musikalische Drive aber ein bisschen verloren, weshalb sich die Wienerin eigentlich um ein Best-Of-Album kümmern wollte. Daraus entstand das brandneue Studiowerk „Melody Maker“, das wieder einmal zu Jahresbeginn veröffentlicht wird. Ihr letztes Album, „The New“, hat sie 2020 sogar direkt am 1. Jänner verbreitet. „Ich habe einen ganz bestimmten Energiezyklus, der jedes Jahr gleich ist“, erzählt sie uns im „Krone“-Talk, „bei ,The New‘ ging es zudem um Neuanfänge, das lag auf der Hand. Grundsätzlich bin ich aber kein streng geordneter Mensch, sondern lasse die Dinge passieren. Prinzipiell beginne ich zu leben, wenn der Frühling mit den ersten Sonnenstrahlen kommt.“
Verkümmerter Schreibprozess
Eine große Veränderung in Atters Leben war die Geburt ihres Sohnes Isaak vor acht Jahren. „Seit diesem Zeitpunkt kann ich mein Leben nicht mehr zu 100 Prozent in Kunst und Kultur stecken“, gibt sie zu und lässt im Gespräch aufhorchen, „durch meinen Alterungsprozess habe ich das Gefühl, dass ich ein bisschen weniger zu sagen habe, was das Musikalische betrifft. Ich möchte eigentlich mehr in Richtung Malerei und bildende Kunst gehen, weil ich da noch nicht das Gefühl habe, schon alles erzählt zu haben.“ Das neue Album von Monsterheart ist eine Mischung aus älteren und neueren Songs. „Ich schreibe mittlerweile aber sehr wenig. Man könnte sagen, der Schreibprozess ist etwas verkümmert. Mein Hauptaugenmerk liegt natürlich auf mein Mamadasein und ich bin sehr zufrieden mit der Musik, die ich schon gemacht habe. Es ist so, wie wenn man im Tagebuch nachblättert.“
Doch nicht nur im Studio will sich Monsterheart zurückziehen – mit Ausnahme eines speziellen Auftritts ist zur Veröffentlichung von „Melody Maker“ auch kein weiteres Livekonzert geplant, um das Album vor Fans vorzustellen. „Das ganze Drumherum bei einem Konzert stresst mich irrsinnig. Ich kann mich dabei überhaupt nicht entspannen oder fallen lassen, es ist genau das Gegenteil der Fall. Und ich will mich diesem Druck nicht mehr zwanghaft aussetzen.“ Bedeutet das im Umkehrschluss, dass „Melody Maker“ das letzte musikalische Lebenszeichen von Atter als Monsterheart ist? „Die Musik ist schon ein riesengroßer Teil meiner Person, also will ich das nicht als endgültig betrachten. Nach meiner Familie ist die Musik schon fast noch immer das Wichtigste in meinem Leben und vielleicht gehe ich mehr in die instrumentale Richtung und es wird in den Songs weniger Text geben. Das ist auch eine Möglichkeit. Ich finde in der Malerei derzeit ein besseres Ausdrucksventil für meine Gefühle und Emotionen.“
Der innere Zwiespalt
Wie schon bei ihren älteren Alben schafft es Monsterheart auch auf „Melody Maker“ ausgezeichnet, gute Ideen songdienlich zu verknappen und sie nicht allzu weit ausschweifen zu lassen, obwohl der Korpus der Lieder es durchaus erlauben würde. „Ich habe keine so lange Aufmerksamkeitsspanne und mag es selbst, wenn die Lieder nicht zu sehr ausschweifen“, erklärt Atter ergänzend, „ich bin mit den Beatles aufgewachsen, da war alles kurz und knapp. Wenn man die Dinge komprimiert sagen kann, dann sollte man das auch tun.“ Der Albumtitel an sich ist programmatisch, schließlich sieht sich Atter als „Melodiemacherin“: „Der Titel ist aber schon etwas assoziativer im Hinblick dessen, dass ich nicht so gerne rausgehe, kein besonders sozialer Mensch bin und meine Inspirationen stark in Filmen finde. Es geht um einen inneren Zwiespalt, dass ich gerne in der Welt da draußen präsenter wäre, aber gleichzeitig die Zurückgezogenheit liebe. Der Titeltrack an sich ist sehr autobiografisch.“
Musikalische „Partner in crime“ sind der Grazer Paul Pfleger, der seine Spuren per Internet-Datentransfer beisteuerte und Judith Filimónova, die am Bass für den nötigen Groove sorgt. „Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern finde ich sehr bereichernd, aber wir sind nicht klassisch immer gemeinsam im Studio“. Mit dem Namen Monsterheart kommt seitens der Fans auch eine gewisse Erwartung miteinher. „Früher war ich auf der Bühne und konnte den Schalter umlegen, um zu Monsterheart zu werden. Durch die Geburt meines Kindes hat sich das aber alles vermengt und ich merke seit geraumer Zeit zunehmend, dass zwischen Anna und Monsterheart nicht mehr so viele Unterschiede bestehen. Ich bin immer noch ein großer Fan von Monstern und der Kern des Projekts ist nach wie vor da, aber trotzdem ist vieles anders.“ Musikalisch wird man wieder von 50er- und 60er-Jahre-Vibes getragen, dazu mäandern die Texte zwischen persönlichem Gefühlsausdruck und hoffnungsfrohen Zukunftsvisionen. In gewisser Weise ist „Melody Maker“ tatsächlich eine Art Abrundung, wenn man dem Album seine Konzentration widmet.
Ein einziges Live-Konzert in Wien
Auch die Themenbereiche Verlust und Tod sind – wie immer – ausgeprägt. „Mein Vater starb, als ich 13 Jahre alt war, ich war schon sehr früh mit diesem Thema konfrontiert. Ich lebe jeden Tag, als würde ich morgen sterben, was dazu führt, dass ich möglichst nahe am Leben dran bin. Ich schaue mir alles genau an und mache Sachen, die mir guttun. Es sind im Laufe meines Lebens sehr viele mir wichtige Leute gestorben, was mich traurig macht und diese Traurigkeit findet auch ihren Platz in meiner Musik.“ Live sehen kann man Monsterheart voraussichtlich nur einmal. Am 24. Jänner bei freiem Eintritt im Rahmen der „Post Covid Society“ wird sie im Kulturverein Rosalia in Wien-Hernals ihren „Graveyard Pop“ eine halbe Stunde lang live präsentieren. Unter www.shift.wien gibt es alle weiteren Informationen zu der einzigartigen Veranstaltung.
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