Eine Nacht im Freien kann bei den aktuellen Temperaturen lebensbedrohlich sein. Notschlafstellen arbeiten daher auf Hochtouren, um niemanden vor der Türe stehen zu lassen. Vinziwerke-Geschäftsführerin Nicola Baloch und Sozialarbeiter Ingo Sommer gewähren einen Einblick in die größte Unterkunft der Steiermark.
Der Weg zum Übergangsquartier des Vinzinests führt über einen verschneiten Parkplatz. Hinter den gelben Mauern einer ehemaligen Bäckerei hier im Bezirk Liebenau versteckt sich die nächtliche Bleibe vieler obdachloser Grazer und Grazerinnen. 120 Betten bietet die größte Notschlafstelle der Steiermark; das ehemalige Café wurde provisorisch zu Schlaf- und Speisesaal umfunktioniert.
Beim Betreten schwappt einem ein warmer Schwall Luft entgegen. „Das ist mir das Wichtigste. Die Leute müssen sich erst einmal aufwärmen können, dann kommt alles andere dran“, sagt Ingo Sommer. Er ist Sozialarbeiter und sperrt grundsätzlich um 12 Uhr das Haus auf. „Aber um halb 12 stehen oft schon Leute vor der Tür und frieren, dann lasse ich sie natürlich herein.“
Die aktuellen Temperaturen sind schon für jene mit Dach über dem Kopf schwer auszuhalten: Bis zu minus 18 Grad hatte es zuletzt in der Steiermark. Für obdachlose Menschen werden Kälte und Nässe zu einer ernst zu nehmenden Gefahr. Um einen symbolischen Euro werden ihnen im Vinzinest ein warmes Essen, Sanitäranlagen, ein Schlafplatz, aber auch Gemeinschaft und Betreuung geboten. Und das von einem Team von gerade einmal drei Hauptamtlichen und zwei Zivildienern. Die restliche Arbeit schupfen Freiwillige, nach denen händeringend gesucht wird.
Um halb 12 stehen oft schon Leute vor der Tür und frieren, dann lasse ich sie natürlich herein. Als Mitarbeiter zähle ich nicht die Minuten.
Ingo Sommer, Sozialarbeiter Vinzinest
Sommers Büro steht den Bewohnern auch für bürokratische Anliegen offen: Wohnungs- und Arbeitssuche, Behördengänge, Strafzettel. „Wir wollen nicht nur ein Aufenthaltsort, sondern ein Ort für Perspektiven sein.“ Zuletzt häuften sich Anzeigen wegen organisierter Bettelei. Für Nicola Baloch, Geschäftsführerin der Vinziwerke, unverständlich: „Es geht um geringe Beträge von vielleicht zehn Euro am Tag. Von gewerbsmäßiger Bettelei zu sprechen, ist für uns ein Hohn.“
Um 7 Uhr beginnt der Tag in Eiseskälte
Etwas Geld verdienen müssen alle Bewohner. Wenn um 7 Uhr die Notschlafstelle schließt, gehen manche arbeiten, andere betteln auf der Straße und wärmen sich zwischendurch in Einkaufszentren auf. Nicht selten fließt das Geld zurück ins Heimatland, wo ihre Familien in prekären Verhältnissen leben.
Besteht kein Arbeitsverhältnis, fehlt meist auch die Krankenversicherung. Das Risiko: „Obdachlosigkeit und Armut machen krank“, sagt Baloch. Einmal pro Woche kommt daher die rollende Marienambulanz vorbei, um Bewohner zu versorgen. Bei kranken Babys – in einem Bereich des Vinzinests kommen ukrainische Familien unter – bemüht man sich um einen warmen Platz für den ganzen Tag. „Man lernt von den Leuten, mit wie wenig man auskommen kann“, sagt Sommer. Und: „Man sollte wissen, wie schnell es gehen kann.“ Oft reicht ein Todesfall oder eine Kündigung und man sitzt auf der Straße
Sind die härtesten Wintermonate überstanden, steht der Umzug zurück in die Maria-Stromberger-Gasse an. Aktuell ist dort noch eine große Baustelle, denn das Gebäude musste kernsaniert werden. „Der Umbau hat uns weit mehr Arbeit beschert als gedacht. Zu Ostern soll hoffentlich der Umzug erfolgen“, sagt die Vinziwerke-Chefin.
„Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Nicola Baloch, Geschäftsführerin der Vinziwerke. Das Land Steiermark kürzte die Förderungen für ihre Sozialarbeiter, der Umbau des Vinzinests in der Maria-Stromberger-Gasse kostete mehr als gedacht, auch das Vinzidorf gehört renoviert. Etwa 50 Prozent der alltäglichen Kosten müssen mit Spenden gedeckt werden. Summen, die – wie bei allen gemeinnützigen Organisationen – schwer aufzutreiben sind.
Helfen soll eine Charity-Auktion von Gudrun und Wolfgang Galler aus Deutschlandsberg. Ab sofort versteigern sie online persönliche Gegenstände. Bis Ende April 2026 werden auf der Plattform antike Möbel, Teppiche, Gemälde und weitere besondere Kunstwerke versteigert. Darunter befinden sich unter anderem Gemälde von Herbert Wallner, Aldazoro, Terra A., Camelo Hijo, Silldorff, Pointer, Boller und Wolfgang Galler selbst.
Zehn Prozent der Erlöse kommen den Vinziwerken zugute. Baloch sagt: „Initiativen von Privatpersonen und Unternehmen sind für uns überlebensnotwendig. Ganz herzlich möchte ich Gudrun und Wolfgang Galler für ihre langjährige Verbundenheit mit den Vinziwerken danken.“
Spendenkonto laufend auf VinziWerke Österreich: AT342081502200406888.
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