Seit den frühen 80er-Jahren ist die britische Post Punk- und Northern Soul-Szene ohne Edwyn Collins nicht vorstellbar. Nicht einmal zwei Schlaganfälle konnten den schottischen Vollblutmusiker aus der Bahn werfen. Mit neuem Album geht er nun ein allerletztes Mal auf Tour – und spielt dabei auch dreimal in Österreich.
Fernab vom Mainstream und den großen Stadionkünstlern verbergen sich in der Pop-Historie die schönsten und auch tragischsten Geschichten meist in der zweiten oder dritten Reihe. Vorhang auf für Edwyn Collins. Der Schotte tauchte Ende der 70er-Jahre mit den Nu-Sonics in der Post Punk-Szene auf, benannte die Band in Orange Juice um und schaffte es in der ersten Hälfte der 80er-Jahre mit „Rip It Up“ zu zumindest einem veritablen Indie-Hit und unzähligen gefeierten Konzerten in einer Smartphone-freien Ära, wo er zumeist leicht beduselt und mit kantigem Schotten-Schmäh der einen oder anderen verbalen Spitzfindigkeit nicht abgeneigt, bewies, dass er ein famoser Geschichtenerzähler ist. Animiert von den Byrds, Velvet Underground und den Buzzcocks implodierte das Projekt schließlich 1985 – das Jahr, in dem Collins seine Managerin und spätere Ehefrau Grace Maxwell kennenlernen sollte.
Wenige Höhepunkte, viele Talsohlen
Seit exakt 40 Jahren hat Collins eine Solokarriere, deren Höhepunkt 1995 in „A Girl Like You“ gipfelte. Ein immer noch legendärer Song, der 2003 im Hollywood-Blockbuster „Drei Engel für Charlie“ noch einmal für ein Revival sorgte und die vielen Talsohlen vergessen machte. Collins war mit Orange Juice als auch als Solokünstler zumeist unter Wert geschlagen. Er stieg bei Plattenlabel-Verhandlungen negativ aus, konnte trotz großartiger Songs nie mit den großen Namen im alternativen Pop-Segment mitspielen und scheiterte sicher oft auch an sich selbst. 2005 klagte Collins während eines Radiointerviews bei der BBC wegen Übelkeit und Schwindel – es folgten gleich zwei Schlaganfälle, die fast das Ende bedeuteten. Anfangs konnte er nur „yes“, „no“, „Grace Maxwell“ und „the possibilities are endless“ sagen, dass ihm nach schweren und harten Therapien noch einmal eine dritte Karriere vergönnt sein würde, darauf hätte einst wohl nicht mal die treu sorgende Gattin gesetzt.
Mehr als zwei Dekaden später hat Collins vier weitere Studioalben veröffentlicht, allesamt qualitativ erhaben und mehr als nur konkurrenzfähig. So begeisterte er im März 2025 mit der fein getexteten britischen Zustandsbeschreibung „Nation Shall Speak Unto Nation“, mit dem er – trotz aller körperlichen Schwierigkeiten und Querelen – noch einmal auf Tour geht und dabei auch dreimal in Österreich vorbeischaut. Im Wiener WUK, eine Art zweites Wohnzimmer Collins’, spielte er im September 2019 das bislang letzte Mal bei uns und gab der „Krone“ gemeinsam mit Frau Grace ein berührendes Interview, das in jeder Hinsicht die beeindruckende Stärke und musikalische Kraft bestätigte. „Ich war sechs Monate lang im Spital und konnte kaum sprechen“, erinnerte er sich an die schlimmste Zeit in seinem Leben zurück, „mein Hirn wollte, aber mein Sprechzentrum konnte nicht. Es war furchterregend.“
Viel Liebe und Humor
Beim gemeinsamen Gespräch spürte man die Liebe zwischen den beiden. Wenn Maxwell ihn liebevoll unterbrach und etwas ergänzen wollte, echauffierte sich der Musiker humorig, dass sie ihn gefälligst aussprechen lassen soll – wir hätten ja keine Eile. Collins erlernte das Sprechen nur sehr mühsam, sobald er aber zum Mikrofon ging und der Gesang einsetzte, war es fast so wie früher. Dass er sich trotz des schweren Schicksalsschlags in seinem Leidenschaftsfeld so mühelos bewegt, ist auch der Grund, dass der heute 66-Jährige trotz mobiler und sprachlicher Einschränkungen immer noch Musik einspielt und ein – wohl wirklich - allerletztes Mal auf große Europatour geht. Streitereien bleiben nicht aus - wie bei allen anderen Paaren auch. „Edwyn will meist mehr, als ihm möglich ist“, erklärte Maxwell, „er wird dann ungeduldig und sauer und das muss sich oft erst wieder einpendeln. Ich verstehe, dass es für ihn schwierig ist, man muss in jeder Hinsicht mehr Toleranz zeigen.“
Vier Jahre lang war es Collins nach dem Doppelschlag nicht mehr möglich Songs zu schreiben, dass 2010 mit „Losing Sleep“ ein Studioalbum erschien, wirkt noch heute wie ein kleines Wunder. „Mir haben viele befreundete Musiker dabei geholfen“, erinnert sich Collins emotional zurück, „ein großes Zusammenhalten, weil wir alle das Ziel hatten, dieses Album zu schaffen und rauszubringen. Wir sind draufgekommen, dass ich beim Singen kaum Probleme hatte. Das war immens hilfreich.“ Dass noch drei weitere Alben folgen würden, ist das nächste große Wunder. Mittlerweile konzentriert sich Collins aber auf seine Therapien und lebt zu Hause in Helmsdale, ein kleines Dorf in den schottischen Highlands, wo er in seinem Studio aufnehmen oder für andere produzieren kann (selbst Robbie Williams war schon hier) und sein Familienleben genießt. Als Kreativhotspot sei die Örtlichkeit aber nicht wichtig, wie Maxwell schmunzelnd ergänzt: „Steck Edwyn zur Euston Station in London oder auf ein Männerklo – er wird dir auch dort einen guten Songtext schreiben.“ Den Erfolgsdruck von früher kennt Collins nicht mehr: „Heute bin ich froh, noch hier zu sein und die Menschen mit Musik glücklich machen zu können.“
Dreimal live in Österreich
So kommt Edwyn Collins mit seinem neuen Album, alten Hits und einer einzigartigen Lebensgeschichte noch ein letztes Mal für drei Konzerte zu uns - die man alle nicht verpassen sollte. Am 29. Jänner spielt er im Wiener WUK, am 30. Jänner im Linzer Posthof und am 31. Jänner im Spielboden Dornbirn. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Infos für die Top-Konzerte.
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