"Ehre den Helden"

Proteste in der Ukraine in rechter Geiselhaft?

Ausland
19.02.2014 05:09
Auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz erklingen immer wieder auch nationalistische Parolen. "Ukraine über alles", skandieren die Menschen, "Ehre den Helden" und "Tod den Feinden". Auch die schwarz-rote Fahne der umstrittenen Aufstandsarmee UPA ist präsent. Die Regierung nutzt dies aus, um die Protestbewegung als insgesamt rechtsgerichtet zu diffamieren.

Eine junge Studentin an den Barrikaden in der Kiewer Gruschewskij-Straße reagiert erstaunt auf die Frage, wen sie denn mit den Sprechchören meint, die sie so inbrünstig schreit. "Helden" seien sie alle, erklärt sie, und mit den "Feinden" könne doch nur das Lager von Präsident Viktor Janukowitsch gemeint sein. So verstehen das viele der Demonstranten.

Tatsächlich jedoch stammen die Parolen aus der nationalistischen Bewegung der 1920er- bis 1950er-Jahre, die in Galizien entstand und unter anderem für ein Blutbad unter den Polen in Wolhynien ("Massaker von Wolhynien") und mutmaßlich auch für Juden-Pogrome verantwortlich ist. Ihr langjähriger Anführer war Stepan Bandera, der in vielen Teilen der Westukraine heute als Nationalheld verehrt wird.

"Rechter Sektor" im Kampf gegen Sondereinheit der Polizei
Auf Bandera bezieht sich zum einen die ukrainische Partei "Swoboda" (Freiheit), deren Vorsitzender Oleh Tjagnibok einer der drei führenden Oppositionspolitiker ist. Zum anderen bekennt sich der "Rechte Sektor" zu diesem Erbe - eine Vereinigung rechtsgerichteter Organisationen, die am 19. Jänner den Straßenkampf gegen die Polizei-Sondereinheit "Berkut" aufnahm.

Über den "Rechten Sektor" ist nicht viel bekannt. Dessen Anführer Dmytro Jarosch gab sich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gemäßigt: "Das Wichtigste für uns ist eine Verfassungsreform, die dem Usurpator Janukowitsch die Vollmachten nimmt, die er heute hat", erklärte er. Später erklärte er der Internetzeitung "Ukrainska Prawda", andere Nationalitäten sollten in der Ukraine keinesfalls ausgegrenzt werden. Allerdings strebe er keinen Beitritt zur EU an, so Jarosch, weil die Gemeinschaft "die nationale Identität und die traditionelle Familie nivelliert" und eine antichristliche Politik betreibe. Zur nächsten Präsidentenwahl will der "Rechte Sektor" einen eigenen Kandidaten aufstellen.

Immer wieder antisemitische Töne
Der "Swoboda"-Chef Tjagnibok war früher Mitglied des konservativen Parteienverbunds "Nascha Ukraina" (Unsere Ukraine) des späteren Präsidenten Viktor Juschtschenko. Dieser schloss ihn 2004 aus der Fraktion im Parlament aus, nachdem sich Tjahnibok bei einer Gedenkveranstaltung für Unabhängigkeitskämpfer antisemitisch geäußert hatte. Eine "moskauisch-jüdische Mafia" regiere das Land, erklärte er bezüglich des Regimes des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Die Unabhängigkeitskämpfer hätten sich 1944 gegen "Moskauer, Deutsche, Juden und andere Verunreinigungen" gestellt.

Später erklärte Tjahnibok, in seiner Partei gebe es keine antisemitischen Positionen, allerdings verwendet er für die Juden weiterhin das russische und ukrainische Wort "Schyd" (Zhyd), das von vielen Juden als beleidigend empfunden wird. Interessanterweise warf der Chef des "Rechten Sektors", Jarosch, der "Swoboda" vor kurzem "Rassismus" vor.

Rechtsextreme insgesamt nur kleiner Teil
Unter den Demonstranten in Kiew machen die bekennenden Bandera-Anhänger nur einen kleinen Teil aus - vor allem bei den Großveranstaltungen an Sonntagen, wenn auch viele sonst Berufstätige auf den Unabhängigkeitsplatz kommen. Dennoch zielt die Propaganda der Regierungsseite darauf, die Protestbewegung als "extremistisch", "faschistisch" oder gar "nationalsozialistisch" darzustellen.

So tat es der kommissarisch amtierende Außenminister Leonid Koschara bei der Münchner Sicherheitskonferenz, so wiederholen es die staatlich gelenkten ukrainischen und vor allem die russischen Medien täglich. Der politische Konflikt "hilft vor allem den Nationalisten der Partei Swoboda, die radikale Ansichten vertreten bis hin zu faschistischen Losungen, die von der europäischen Gemeinschaft verurteilt werden", sagte Sergej Bogatschow, Sekretär des Stadtrats im ostukrainischen Donezk und Mitglied der "Partei der Regionen" von Janukowitsch.

Auch jüdische Gemeinde unterstützt Proteste
Kritiker dieser Darstellung führen die Position vieler Vertreter der jüdischen Gemeinden ins Feld, von denen die Proteste unterstützt werden. Sie würden sich kaum vor den Karren von Antisemiten spannen lassen, so das Argument. "Natürlich bin ich nicht begeistert von Losungen wie 'Ukraine über alles', aber antisemitische Aussagen gab es etwa von der Partei Swoboda seit Jahren nicht mehr", sagte Alexander Haydar, Vorsitzender der Progressiven Jüdischen Gemeinde in Kiew. Außerdem gehe es den allermeisten Demonstranten um europäische Werte und eine EU-Anbindung ihres Landes - Ziele, für die auch die Mehrzahl der jüdischen Gläubigen einstünden.

Loading...
00:00 / 00:00
play_arrow
close
expand_more
Loading...
replay_10
skip_previous
play_arrow
skip_next
forward_10
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
explore
Neue "Stories" entdecken
Beta
Loading
Kommentare

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Kostenlose Spiele