Trotz neuer Analysen
Weiterhin offene Fragen um Arafats letzte Tage
"Unsere Resultate unterstützen nachvollziehbar die Vergiftungsthese", so Bochud bei einer Pressekonferenz. Die Höhe der gemessenen Polonium-Werte deute darauf hin, dass Arafat das Gift von außen zugeführt worden sei. Für einen Giftmord an Arafat mit dem radioaktiven Polonium-210 fehlten aber letzte Beweise.
Russische Wissenschaftler, die gemeinsam mit französischen Experten ebenfalls der Frage nach einer möglichen Ermordung Arafats nachgehen, haben bereits vor Monaten die Gerüchte, die vor allem in palästinensischen Kreisen und insbesondere von Arafats Witwe Suha (links im Bild neben dem Ex-PLO-Chef) gestreut werden, zurückgewiesen. Die Russen sehen einfach keinerlei Anhaltspunkte dafür.
Vieles nach wie vor unklar
Also bleiben die letzten Tage Arafats in Frankreich weiterhin im Dunkeln und das Brodeln in der Gerüchteküche darf munter weitergehen: Die letzte und mysteriöseste Reise des damaligen PLO-Chefs begann am 29. Oktober 2004. Nach seinem Abschied von Gefolgsleuten im Hauptquartier in Ramallah folgten ihm engste Mitarbeiter auf dem Weg in das französische Militärkrankenhaus Percy bei Paris. Kurz zuvor hatte Arafat einen Zusammenbruch erlitten.
Für die Behandlung durfte er erstmals sein seit zwei Jahren vom israelischen Militär belagertes Hauptquartier verlassen. Ein internationales Ärzteteam kommentierte, es müsse geklärt werden, ob Arafat an Krebs, einer Viruserkrankung oder einer Vergiftung leide.
Spital abgeriegelt, widersprüchliche Informationen
Was sich in den folgenden Tagen in der auf Blutkrankheiten spezialisierten Militärklinik in Clamart abspielte, ist bis heute unklar. Das Gebäude wurde weiträumig abgesperrt. Rund um die Uhr hielten Dutzende Sicherheitskräfte Wache. In ihren offiziellen Stellungnahmen beschrieben die Militärärzte zwar ein Krankheitsbild Arafats, zu möglichen Ursachen von Verdauungsproblemen und anormalen Blutwerten wurde allerdings hartnäckig geschwiegen. Lediglich eine von israelischer Seite ins Spiel gebrachte Blutkrebserkrankung schlossen die Mediziner offen aus.
Je länger der Palästinenserpräsident im Krankenhaus lag, desto widersprüchlicher wurden die Informationen zu seinem Zustand. Während Berater zunächst noch Hoffnungen auf eine baldige Genesung Arafats nährten, diskutierte man in Israel bereits mögliche Beerdigungsorte. Am 4. November 2004, sechs Tage nach Arafats Eintreffen in Frankreich, machten erstmals Nachrichten über den Tod des Palästinenserführers die Runde. Es sollte aber noch einmal eine Woche dauern, bis sie am 11. November offiziell bestätigt wurden.
Hat Frankreich Mordanschlag gedeckt?
Wurde in dieser Zeit etwas vertuscht? Bis heute gilt es nicht als ausgeschlossen, dass Frankreich einen Mordanschlag gegen Arafat gedeckt haben könnte - beispielsweise aus Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Israels damaliger Ministerpräsident Ariel Sharon hatte Arafat offen die gezielte Tötung angedroht, weil er ihn für Terroranschläge verantwortlich hielt. Die US-Regierung sah in seiner Person ein Hauptproblem für den stockenden Friedensprozess. Und auch europäische Politiker mieden Arafat, dem eine Blockade notwendiger Reformen in der palästinensischen Autonomiebehörde vorgeworfen wurde.
Um Polonium herzustellen, braucht man einen Reaktor
Kopien der Krankenakte Arafats gingen kurz nach dessen Tod an seine Witwe und seinen Neffen Nasser al-Kidwa. Letzterer sagte danach, die Ärzte hätten im Körper des Verstorbenen keine Spuren von Gift gefunden. Er fügte jedoch einen in der Rückschau bedeutenden Satz hinzu. Dieser lautete, man könne eine Vergiftung allerdings auch nicht völlig ausschließen. Die These einer Ermordung durch Rivalen aus den eigenen Reihen - zumindest ohne Unterstützung von außen - erscheint dabei eher unwahrscheinlich: Um das Gift Polonium in größeren Mengen herzustellen, braucht man einen Nuklearreaktor.












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