Der Hergang des Attentats auf Kaiserin Elisabeth ist bis heute nicht vollkommen aufgeklärt. Der zuständige Schweizer Untersuchungsrichter glaubte bis an sein Lebensende nicht an eine Einzeltätertheorie. Dass die Obduktion der Kaiserin in einem Hotelzimmer stattfand, war ein Skandal.
Am 10. September 1898 ermordete der Italiener Luigi Lucheni Kaiserin Elisabeth von Österreich. Er stach ihr mit einer Feile ins Herz. Lucheni, der kurz nach der Tat aufgegriffen worden war, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er erhängte sich am 19. Oktober in seiner Zelle. Die Umstände seines Selbstmordes gelten bis heute als nicht restlos geklärt.
Der Untersuchungsrichter baute Vertrauen zum Mörder auf
Bis an sein Lebensende besuchte der damals zuständige Untersuchungsrichter Charles Léchet den verurteilten Mörder von Kaiserin Elisabeth fast täglich in seiner Zelle. Er brachte ihm Zigarren, versuchte, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen – in der Hoffnung, dass Luigi Lucheni endlich zugeben würde, was zahlreiche Informanten bestätigt hatten, vom Gericht jedoch nicht anerkannt wurde: dass der Mörder Kaiserin Elisabeths kein fanatischer Einzeltäter war, sondern im Auftrag einer europaweit agierenden Anarchistengruppe gehandelt hatte.
Charles Léchet war davon überzeugt, dass nicht Lucheni, sondern eine aus dem Hinterhalt agierende Gruppe das Attentat auf Kaiserin Elisabeth geplant, ein Bewegungsprofil des Opfers erstellt und den bereitwilligen Luigi Lucheni angeleitet hätte. Eineinhalb Jahre nach dem Mord an Kaiserin Elisabeth gab der Mörder im Gespräch mit Untersuchungsrichter Charles Léchet zu, dass er Helfer gehabt habe. Kurz darauf starb Léchet. Die Ermittlungsergebnisse jenes Beamten, der – anders als Richter und Geschworene – nie an die Einzeltätertheorie geglaubt hatte, wurden nicht zur Kenntnis genommen.
„Er war kein wirrer Einzeltäter, sondern eine Kultfigur der Anarchisten“
Mehr als 100 Jahre später bestätigt die österreichische Historikerin Anna Maria Sigmund Charles Léchets Ergebnisse: „Luigi Lucheni war Teil eines raffinierten anarchistischen Netzwerks, das im 19. Jahrhundert unzählige Morde an Herrschern beging und eine neue Weltordnung plante.“ Die Historikerin wertete dazu die Akten des Informationsbüros des Ministeriums des Äußeren aus. Anhand von Informationen aus der Gesandtschaft in Bern, Spitzelberichten und Aufzeichnungen berühmter Anarchisten kann sie den Weg des italienischen Mörders von seiner Konvertierung zum Anarchismus bis zur Tat genau nachverfolgen: „Kameraden haben ihn auf dem ganzen Weg bis eine halbe Stunde vor der Tat begleitet. Er war kein wirrer Einzeltäter, sondern eine Kultfigur der Anarchisten, die seiner bis zum heutigen Tag gedenken“, so Anna Maria Sigmund.
Was die Einzeltätertheorie ebenfalls infrage stellt, ist laut der Historikerin eine Analyse des Obduktionsberichts durch die bekannte Chirurgin Professor Hildegunde Piza-Katzer. Diese ergab, dass „der Mörder über anatomische Basiskenntnisse für die Stichführung besaß – anscheinend wurde er geschult.“
Dass Kaiserin Elisabeth von Österreich in einem Hotelzimmer obduziert wurde, ist für Sigmund ein Komplettversagen der österreichischen Diplomatie, die schlecht argumentierte und nicht auf einem sofortigen Rücktransport der Leiche bestand: „Kaiser Franz Joseph beugte sich den Argumenten der Schweizer, wonach eine Mordanklage nur bei Vorlage eines Obduktionsbefunds erfolgen könne. Die Konzession einer Teilobduktion gab dann den Ausschlag. Meiner Meinung nach ein Versagen der österreichischen Diplomatie, die schlecht argumentierte und nicht auf einen sofortigen Rücktransport der Leiche bestand. Kein anderes Land hätte der Obduktion seiner Monarchin in einem Hotelzimmer zugestimmt!“
Hätte der Mord verhindert werden können? Schwierig, so die Historikerin: „Der Lebensstil der Kaiserin verhinderte eine lückenlose Überwachung ihrer Person. Denn auch andere, besser bewachte Monarchen und Politiker wie Zar Alexander II. – sechs Versuche, beim siebten ermordet – wurden Opfer der Anarchisten. In den Quellen gibt es keinen Hinweis auf Drohungen gegen Elisabeth, jedoch zahlreiche Schmähbriefe gegen den Kaiser.“
Die langen Arme der europäischen Anarchistenszene reichten bis nach Wien und machten auch vor dem Begräbnis der ermordeten Kaiserin nicht halt. Da zum Begräbnis viele europäische Royals anreisten, wollte man sich die Chance auf ein weiteres spektakuläres Attentat nicht entgehen lassen. Ins Visier nahm die anarchistische Szene diesmal den Kronprinzen von Neapel. Er sollte samt einem Großteil der illustren Trauergemeinde bei einem Bombenattentat umkommen. Der österreichische Geheimdienst aus Bern meldete dies rechtzeitig nach Wien, die Täter wurden verhaftet.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.