03.11.2012 17:16 |

"Krone"-Interview

ORF-Chef Wrabetz: "Zweite Chance für Sido war gute Idee"

Heiße Tage beim ORF: 180-Grad-Kehrtwende bei Prügelrapper Sido, Klage von Fußballstar David Alaba, Forderung nach einer ORF-Steuer für alle Haushalte und drohende Proteste der Radioredakteure gegen eine politische Besetzung. Im Interview mit Conny Bischofberger bricht ORF-Chef Alexander Wrabetz sein Schweigen und spricht über Quote, Qual und Qualität.

Samstagmorgen nach der quotenträchtigen Versöhnung von Sido und Dominic Heinzl: ORF-Chef Alexander Wrabetz sitzt zu Hause in seinem Büro, das Notebook zeigt orf.at als Startseite, er trägt Jeans und T-Shirt und beantwortet am iPhone die "Krone"-Fragen. "Ist für uns beide bequemer", lacht er.

Die "Große Chance" hat er erst nach Mitternacht in der TVthek gesehen: "Mein Hauptabendprogramm war die Premiere von 'Onkel Wanja' am Akademietheater", erklärt der 52-Jährige, dessen Kindheitstraum es war, einmal Operndirektor zu werden. Bequem ist das Gespräch nicht für ihn, aber "Alex", wie der Generaldirektor im ORF genannt wird, ist ein Meister der sachlichen - und trockenen - Argumentation.

"Krone": Herr Wrabetz, warum haben Sie in den letzten zwei Wochen so hartnäckig geschwiegen?
Alexander Wrabetz: Das mag nach außen so ausgesehen haben. Aber intern haben wir genügend kommuniziert. Ich muss ja nicht jede einzelne Frage öffentlich kommentieren. Zumal ja die Fernsehdirektorin (Kathrin Zechner, Anm.) öffentlich für den ORF Stellung genommen hat.

"Krone": Dem ORF stehen heiße Tage bevor: Die Radiojounalisten wollen gegen eine geplante Bestellung protestieren, Fußballstar David Alaba klagt den ORF wegen Rassismus und die Sido-Heinzl-Farce regt noch immer viele auf. Was ist los im ORF?
Wrabetz: Über den ORF wird eben - und das ist eine einzigartige Position, das hat mit Relevanz zu tun - in guten und in schlechten Zeiten immer heftig diskutiert. Nicht über jede Diskussion freue ich mich, klarerweise.

"Krone": Sind Sie erschrocken, als Kathrin Zechner bei Sido eine 180-Grad-Kehrtwende nach dem Motto "Fire and hire" vollzogen hat?Wrabetz: Nein, weil ich ihren Vorschlag ja akzeptiert habe. Die Vorgangsweise der Fernsehdirektorin war stimmig. Sie hat vor 14 Tagen die richtige Konsequenz gezogen und dann - nachdem es zu einer ersten Aussprache zwischen Sido und Heinzl gekommen war - entschieden, dass man Sido erstens eine zweite Chance gibt und zweitens die Möglichkeit, vor 800.000 Zuschauern festzuhalten, dass das, was er gemacht hat, ein Fehler war. Das hat er am Freitagabend gemacht. Und es war auch ein Zeichen: So löst man Konflikte. Nicht indem man über jemanden, der etwas Falsches getan hat, endgültig den Stab bricht.

"Krone": Man haut also jemanden, sagt "Entschuldigung" in ein Mikrophon und alles ist gut?
Wrabetz: Nein, nein! Bedingung war eine Aussprache, eine persönliche und akzeptierte Entschuldigung.

"Krone": Auf krone.at, aber auch in vielen anderen Online-Foren, finden das viele "eine Sauerei", es wird sogar Ihr Rücktritt gefordert. Lesen Sie das?
Wrabetz: Gelesen hab' ich das nicht. Aber der ORF ist naturgemäß immer in einem großen Spannungsfeld. Uns sehen und hören die Österreicher im Durchschnitt vier Stunden am Tag. Da ist es klar, dass da neben viel Positivem auch manches negativ beurteilt wird. Die Gesamtverantwortung dafür trage ich.

"Krone": Wissen Sie, wofür Sido steht?
Wrabetz: Sehr intelligentes Drogenopfer.

"Krone": Mögen Sie seine Lieder?
Wrabetz: Ja, durchaus. Obwohl ich jetzt natürlich kein ausgesprochener Rap-Fan bin. Sido ist ein Jugendphänomen. Er ist für viele Junge - wir hatten am Freitag bei dieser Zielgruppe (12- bis 29-Jährige, Anm.) einen Marktanteil von 40 Prozent - eine Identifikationsfigur. Deshalb war dieses Beispiel von Konfliktlösung auch so wichtig.

"Krone": Sie stehen also zu diesem Resozialisierungsversuch des ORF, der am Freitag ja vom Publikum "Standing Ovations" bekam?
Wrabetz: Ja. Ich fand Zechners Idee, das nicht einfach so stehen zu lassen, sondern öffentlich zu diskutieren, gut.

"Krone": Ist die Glaubwürdigkeit des ORF beschädigt?
Wrabetz: Nein, das glaube ich nicht. Die wird Gott sei Dank an anderen Dingen wie unserer Information gemessen.

"Krone": Viele fragen sich trotzdem: Sieht so der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus? Am 15. November wird das ja sogar ein Fall für den Stiftungsrat.
Wrabetz: Das Bedauerliche an der Sido-Geschichte ist, dass alles andere untergeht: Wir feiern jetzt ein Jahr ORF III, 25 Jahre Universum, Licht ins Dunkel wird heuer 40, wir präsentieren eine neue historische Reihe über Österreich in den 50er- und 60er-Jahren. All das - insbesondere auch unsere Informationssendungen und Dokumentationen - wird vom Publikum sehr wohl wahrgenommen und auch hoch geschätzt. Aber trotzdem gehört auch Unterhaltung und Kontroverse dazu.

"Krone": Die Medienbehörde hat festgestellt, dass der ORF seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht erfüllt habe. Und eine "Krone"-Umfrage ergab, dass die Mehrheit findet, das Programm sei die Gebühren nicht wert.
Wrabetz: Die Medienbehörde hat uns nur in einem Punkt kritisiert. Vielen Gebührenzahlern sind unsere Leistungen sehr wohl 50 Cent am Tag wert. Den einen wegen Ö1, den andern, weil sie es schätzen, dass wir keine nervende Unterbrecher-Werbung senden, wieder anderen wegen der Information oder eben der Unterhaltung. Jedem gefällt was anderes.

"Krone": Sie fordern jetzt sogar eine ORF-Steuer für alle Haushalte, auch wenn man gar nicht ORF schaut. Verstehen Sie, dass es da so großen Widerstand gibt?
Wrabetz: Nein, weil sich für 97 Prozent der Bevölkerung nichts ändern würde. Wir haben eine der niedrigsten Schwarzseher-Quoten. Es geht also nur um ein, zwei Prozent Schwarzseher, für die wird es teurer.

"Krone": Aber wieso sollen Leute, die RTL oder ARTE schauen, dann auch noch zur Zwangsgebühr verpflichtet werden?
Wrabetz: Der Punkt ist ja der: Wie wird das Gebührensystem in den Jahren 2016 und 2017 aussehen? Auch solche Überlegungen zählen zu meiner Verantwortung. Und es ist nicht einsehbar, wieso einige das Programm des ORF als Trittbrettfahrer nutzen sollen.

"Krone": Wir müssen noch über Ihre Erfindung Dominic Heinzl sprechen: Gilt für ihn die "Zweite Chance" auch, darf er "Chili" noch einmal probieren?
Wrabetz: Nein. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Sein Vertrag läuft mit Jahresende aus, weil wir in ORF eins mehr Geld in die Information investieren, und derzeit gibt es kein fixes Nachfolgeprojekt. Das heißt aber nicht, dass er nicht als Produzent und als Journalist weiter für uns tätig sein kann.

"Krone": Was passiert mit dem von Ihnen finanzierten großen Studio und seinen 25 Mitarbeitern?
Wrabetz: So groß ist es nicht.

"Krone": Aber teuer!
Wrabetz: Teuer war es auch nicht. Natürlich kann man diese Räumlichkeiten anderweitig nutzen.

"Krone": War es nicht eine Fehlentscheidung, Heinzl von ATV abzuwerben und gegen die Seitenblicke zu programmieren?
Wrabetz: Naja. Fehlentscheidung. Bei Dutzenden großen Entscheidungen, die man trifft, gibt es einige, die im Ergebnis weniger gut aufgehen als andere. Chili hatte bei uns mehr Seher als bei ATV. Und es war ein Versuch, ein eigenproduziertes Angebot für die jüngere Zielgruppe auf ORF eins zu etablieren.

"Krone": Was sagen Sie zum Verdacht, dass der Streit zwischen Heinzl und Sido - inklusive Happy End - von Anfang an provoziert war, um Quote zu schinden?
Wrabetz: Es gibt dafür kein wie immer geartetes Indiz. Das hat ein Erfolgsformat wie "Die große Chance" auch gar nicht gebraucht.

"Krone": Herr Wrabetz, am Montag wird es eine Redakteursversammlung beim ORF-Radio geben, am Dienstag werden die Journalisten gegen eine politische Besetzung des Informationschefs protestieren. Entwickelt sich da gerade ein zweiter "Fall Pelinka"?

"Krone": Das findet Ihr Aushängeschild im ORF, Anchorman Armin Wolf, offenbar nicht. Er hat getwittert: Vielleicht müssten die zwei (Kappacher und Jölli, die Wunschkandidaten der Redakteure, Anm.) nur jemandem eine knallen, damit sie Chancen beim ORF haben.
Wrabetz: Es ist auch nicht alles intelligent, was der Armin Wolf so twittert. Ich würde dringend allen Seiten empfehlen, von solchen Pointierungen Abstand zunehmen und verwahre mich auch einmal mehr gegen parteipolitische Punzierungen von Kolleginnen und Kollegen.

"Krone": Haben Sie ihm das selbst gesagt?
Wrabetz: Nein, er ist zur Wahlberichterstattung schon in den USA und ich kann erst nach seiner Rückkehr persönlich mit ihm reden. Er wird es in der "Krone" lesen müssen.

"Krone": Fußballer David Alaba will den ORF wegen Rassismus bei "Sterman und Grissemann" klagen. War der Dialog Stronach-Alaba in Ihren Augen rassistisch?
Wrabetz: Es reicht, wenn Herr Alaba das so empfunden hat. Deshalb ist es wichtig, dass Stermann-Grissemann sich entschuldigt haben. Auch der ORF hat sich mittlerweile entschuldigt und hat das Material im Internet gesperrt.

"Krone": Aber eigentlich war es ja eine Persiflage auf den Herrn Stronach.
Wrabetz: Was ja noch perfider ist, weil die Worte "Blackman" und "Banane" dann aus seinem Mund kommen. Niemand, der sie kennt, würde Stermann und Grissemann Rassismus unterstellen. Aber das war ein Schritt zu weit. Wie gesagt, es war eine Persiflage und es zeigt, dass der ORF eines der härtesten, freiesten, unkonventionellsten Satire-Formate hat, die auf dem Markt sind.

"Krone": Angetreten sind Sie 2006 als "Super-Alex", bald wurden Sie als "Dead Man Walking", ja sogar in Anspielung auf Ihre Nähe zur SPÖ als "Red Man Walking" bezeichnet. Wie gehen Sie mit diesen Punzierungen um?
Wrabetz: Ich bin jetzt schon lange dabei, ich hab den ORF erfolgreich durch schwierige Zeiten geführt. Wir sind insgesamt sehr erfolgreich, da hat man nicht nur Freunde. Und das ist eben der Preis dafür. In dieser Position muss man sich der öffentlichen Diskussion stellen, kann nicht Everybody's Darling sein. Sachliche Kritik nehme ich ernst, persönliche Anfeindungen muss man aushalten. Keiner ist gerne der Reibebaum, aber meine Haut ist dicker geworden. Vor allem gehen die großen Aufregungen auch immer wieder vorbei.

Alexander Wrabetz
Geboren am 21. März 1960. Als Kind wollte er Operndirektor werden. Wrabetz studiert Jus und ist politisch für den roten Studentenverband VSStÖ aktiv. Diverse Jobs in der Privatwirtschaft. Zuletzt Geschäftsführer von Vamed, seit 1998 als kaufmännischer Direktor beim ORF. 2007 wird er ORF-Generaldirektor; das ist seine zweite Amtsperiode. Privat ist er mit der Sportmedizinerin Petra verheiratet. Das Paar hat zwei Söhne (Niko, Phillip) und eine Tochter (Julia).

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