In seiner neusten Kolumne erzählt uns „Krone“-Kolumnist Robert Schneider die Geschichte einer ungewöhnliche Freundschaft zwischen den Fronten des schrecklichen Konflikts in Israel.
In dem Land, wo sich die Abenddämmerung wie nirgendwo auf der Welt in den betörendsten Rot- und Lavendeltönen an die Berge, die Sanddünen und auf das Meer schmiegt, nur für einige Augenblicke lang, in denen sich das ganze Himmelslicht verschwendet, in dem Land Israel mit Namen, lebten zwei Jungen, die sich, so oft es ging, zum Spielen verabredeten. Der eine hieß Marwan, der andere Chayim.
Sie trafen sich im verbotenen Streifen jenseits des Grenzzauns, einem seit vielen Jahren verdorrten Stück Land, das sie, weil es niemand bewohnte, „unser Eigentum“ nannten. Im Lauf ihrer Freundschaft hatten sie alles Mögliche zusammengetragen und sich daraus eine Art Behausung gebaut: rostzerfressene Ölfässer, eine zerschlissene Autorückbank, ein kaputter Ventilator, ein paar Bretter, Leintücher und ein zerfetztes Stahlrohr einer fehlgeleiteten Kassam-Rakete, in dem sie, wenn es kalt wurde, ein kleines Lagerfeuer entfachten. Obwohl es unmöglich war, durch den Zaun zu schlüpfen, hatte Marwan doch eine Stelle gefunden, wo er sich hindurchzwängen konnte.
„Wenn mein Vater wüsste, dass ich hier bin, würde er mich grün und blau schlagen“, sagte Marwan und grinste. - „Und wenn mein Vater wüsste, dass ich hier bin, würde er mich auch grün und blau schlagen“, erwiderte Chayim. Er klatschte mit der Hand in die erhobene Hand seines Freundes. Bei den heimlichen Zusammenkünften hatten sie einander gar nicht viel zu sagen. Meistens blieb es bei der Begrüßung: „Was geht?“
Dann saßen sie auf der Autorückbank und schauten wortlos in die entflammte Abendröte über dem endlos toten Streifen Land. Und obwohl sie wenig miteinander redeten, fühlten sie sich unzertrennlich. Es war gut, dass es Marwan gab. Es war gut, dass Chayim da war. Manchmal brachte Chayim Süßigkeiten mit, die er im Kibbuz gestohlen hatte, weil er wusste, dass es die Sorte jenseits des großen Zaunes nicht gab. Die verzehrten sie dann schweigend und schauten in den Abend.
„Mein Vater sagt, dass ihr keine Menschen seid, sondern noch weniger als Tiere“, sagte Chayim nachdenklich. - „Mein Vater sagt, dass ihr keine Menschen seid, sondern noch viel schlimmer als Tiere“, antwortete Marwan. Die beiden Jungen blickten einander an. Plötzlich mussten sie gleichzeitig laut herauslachen. „Komm, wir machen ein kleines Feuer. Es wird kalt“, schlug Marwan vor. „Wir machen ein kleines Feuer“, antwortete Chayim und begab sich auf die Suche nach Brennbarem, nach verdorrten Grasbüscheln oder Verpackungsmüll am Saum der Asphaltstraße. Sie saßen am kleinen Feuer, das aus dem Stahlrohr der kaputten Kassam-Rakete züngelte, blickten in die Abenddämmerung, die das Firmament für Augenblicke in tausend Rot- und Lavendeltöne tauchte, schwiegen und verzehrten die Süßigkeiten.
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