Elīna Garanča in Graz

„Carmen begleitet mich schon ein Leben lang“

Kultur
20.08.2023 11:00

Ob blond, ob braun - Elīna Garanča hat die Titelrolle in George Bizets „Carmen“ schon in vielen Versionen gesungen. Ab heute kann auch das steirische Publikum den Opernstar als Carmen erleben. Dreimal singt sie die Rolle auf Einladung von Bernhard Rinner und den Bühnen Graz auf der Schloßbergbühne Kasematten in Graz. Der „Krone“ hat sie von ihrer langjährigen Beziehung zu Carmen erzählt.

Frau Garanča, Georges Bizets „Carmen“ ist eine der großen Opern. Können Sie sich noch erinnern, wie Sie sich die Titelfigur erarbeitet haben?
Carmen ist eine Rolle, die einen Mezzosopran ein ganzes Leben lang begleiten kann, und wenn man dem Publikum im Laufe der Zeit etwas Neues und Frisches präsentieren will, endet das „Rollenstudium“ nie wirklich. Der schwierige Teil ist: Je länger man sich mit einer bestimmten Rolle beschäftigt, desto frischere Augen benötigt man, um etwas Neues daran zu entdecken. Am Anfang ging es darum, meine eigene Interpretation dieser Rolle zu finden und das Publikum ein wenig aus seiner Komfortzone herauszubewegen, was sich als ziemlich herausfordernd erwies, denn die Leute lieben Stereotypen.

Wer ist diese Carmen also?
Jeder glaubt zu wissen, wie sie sein sollte, und dass eine blonde Frau mit blauen Augen Carmen nicht verkörpern kann. Außerdem haben Menschen unterschiedliche Auffassungen von Sexualität und Sinnlichkeit. Mit meinem Ehemann bin ich durch Spanien gereist, um die Kultur und Lebensweise der traditionellen Zigeuner kennenzulernen. Die Reisen in kleine Dörfer entlang der Südwestküste oder zu bewohnten Höhlen im Norden haben mir genug Inspiration für die kommenden Jahre gegeben.

Seitdem haben Sie die Rolle in unterschiedlichsten Inszenierungen gesungen. Wie hat sich Ihr Blick auf die Carmen dadurch verändert?
Ich in der Rolle der Carmen und die private Elīna Garanča haben sich Seite an Seite entwickelt. Wir hatten dunkles Haar, wir waren auch blond, wir waren jung und rebellisch, aber auch berechnend mit Leidenschaft fest unter Kontrolle. Generell ist Carmen eine Femme fatale, ein hochgradig unabhängiges und unwiderstehliches Wesen. Sicherlich hängt es auch davon ab, welcher Don Carlo neben mir steht, aber ich würde gerne meine nächste Carmen weiser und gleichzeitig noch unberechenbarer gestalten. Ich glaube, Carmen ist auch sehr abhängig von der täglichen Stimmung - und sie kann leicht sehr reizbar sein (lacht).

In Graz singen Sie die Carmen konzertant. Welchen Einfluss hat das auf die Rolle?
Eine Konzertversion kann im Vergleich zur Theateraufführung anspruchsvoller sein, da es keine Bühnenbilder, keine Kostüme und nur wenig Inszenierung gibt. Dadurch kann das Publikum sozusagen nur der Geschichte zuhören, und das setzt uns Sänger unter einen besonderen kreativen Druck. Man könnte es in gewisser Weise mit dem Versuch vergleichen, ein Drei-Gänge-Menü nur aus Kartoffeln und Milch zuzubereiten. Andererseits gibt uns gerade der Mangel an theatralischen Elementen viel Raum, um die Aufregung und das Drama der Musik auf eine intime, persönliche Ebene zum Publikum zu bringen.

Sie haben in Interviews gesagt, dass Sie Carmen nicht ewig singen wollen. Nehmen Sie hier in Graz vielleicht sogar Abschied von der Rolle?
Selbst wenn ich diese Frage mit einem Ja beantworten würde, wäre es wahrscheinlich nicht der Fall, denn, wie ich gerne sage, entscheiden die Theater und Regisseure mehr oder weniger über den Weg eines Sängers. Sobald man eine großartige Carmen singt, kann man sicher sein, dass die Angebote, eine weitere Carmen zu singen, in den nächsten Jahren nicht aufhören. Um ganz ehrlich zu sein, wird meine Carmen ein wenig müde, aber andererseits ist es für mich immer eine Herausforderung, nach etwas Neuem in ihr zu suchen - wer hat gesagt, dass Carmen nicht letztendlich erwachsen, reif, leidenschaftlich und weise sein kann? Andererseits freue ich mich außerordentlich darüber, dass sich für mich ein neues Universum von Verdi und Wagner eröffnet hat. Mal sehen, wohin mein Weg mich führen wird.

Die Schloßbergbühne Kasematten ist eine sehr besondere Location. Wie empfinden Sie den Ort? Und wie sind die Proben verlaufen?
Die Proben verliefen absolut reibungslos, nicht nur da es für diese Produktion eine fantastische Besetzung gibt, sondern auch das Produktionsteam der Bühnen Graz aus erstklassigen Profis besteht. Es ist für mich immer eine Freude, an einem Ort zu sein, an dem ich mich nicht nur als Sängerin, sondern auch als Mensch gut aufgehoben fühle. Und die Location ist absolut atemberaubend. Ich habe Graz schon immer als sehr progressiv und aufgeschlossen empfunden, und unsere Aufführungen auf der Schloßbergbühne Kasematten haben einmal mehr gezeigt, dass diese Stadt die Bedürfnisse ihrer Menschen versteht und es wichtig ist, klassische Musik zu einem selbstverständlichen Teil jeder kulturellen Sommerveranstaltung zu machen.

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