Mi, 14. November 2018

Missbrauch in Heimen

19.10.2011 12:59

Ex-SPÖ-Politikerin Karlsson: "Stadt wusste Bescheid"

Die schockierenden Berichte über die Zustände in Wiener Kinderheimen seien nichts Neues: Mit diesen Worten ließ die ehemalige Nationalratsabgeordnete Irmtraut Karlsson am Mittwoch im Ö1-"Morgenjournal" aufhorchen. Die frühere Politikerin hatte die Stadt laut eigener Aussage bereits in den 70er-Jahren über grobe Missstände und brutale Praktiken in Kenntnis gesetzt und von Kindergefängnissen gesprochen.

Als Beamtin der Stadt Wien untersuchte Karlsson von 1972 bis 1974 gemeinsam mit Studenten die Gegebenheiten in 34 Wiener Heimen. Das Ergebnis war schockierend: 14 Heime seien regelrechte Kindergefängnisse gewesen, die anderen Heime entsprachen den Vorstellungen der Heimkommission, so Karlsson. Allerdings war lediglich ein Drittel aller Heimkinder in den ordnungsgemäß geführten Heimen untergebracht, alle anderen mussten mit Demütigungen, Gewalt und Unterwerfung klarkommen.

Das Resultat ihrer Studie "Verwaltete Kinder" habe sie umgehend den Verantwortlichen der Stadt Wien vorgelegt. Diese hätte entschieden, dass die Ergebnisse nur zensuriert veröffentlicht werden durften, so Karlsson. Die Namen der einzelnen Pflegeheime seien gestrichen und durch Nummerncodes ersetzt worden. "Die Stadt Wien wusste allerdings, welches Heim mit den Codes gemeint ist. Außerdem hat die Stadt auch alle Protokolle erhalten", so Karlsson im "Morgenjournal".

Konsequenzen nur für die Studien-Autorin
Konsequenzen gab es keine, kritisiert die ehemalige Nationalratsabgeordnete: "Naiv, wie ich war, habe ich mir erwartet, dass die ärgsten Heime sofort geschlossen werden. Doch lange Zeit ist absolut nichts passiert, da habe ich die Trägheit des Systems schwer unterschätzt", so Karlsson.

Persönliche Konsequenzen folgten aber bald. Die ehemalige Politikerin und ihre Kollegen wurden als Nestbeschmutzer abgestempelt, wenig später war deshalb auch ihre Karriere bei der Stadt Wien beendet. Anschließend folgte der Wechsel in den Nationalrat.

"Aufklärung ist jetzt wichtig"
Zu den aktuell erhobenen Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch bis hin zu systematischen Vergewaltigungen ehemaliger Heimkinder sowie angeblicher Todesfälle könne sie nichts sagen: "Persönlich habe ich nie etwas davon bemerkt." Sie könne sich aber vorstellen, dass es im Heim Wilhelminenberg zu sexuellen Übergriffen gekommen sei.

Aufklärung sei jetzt wichtig, so Karlsson. Sie habe allerdings schon wieder das Gefühl, dass man eine Gegenwelle veranstalte und die Anschuldigungen infrage stelle.

Oxonitsch: "Stadt hat nicht zu langsam reagiert"
Dass an einer Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Wiener Heimen kein Weg vorbeiführe, betonte auch Stadtrat Christian Oxonitsch am Mittwoch: "Das ist unangenehm und schmerzvoll, aber es ist notwendig." Dass die Stadt einst zu langsam reagiert habe, glaubt der Stadtrat aber nicht.

Laut Oxonitsch ist schon in den 1970er-Jahren klargeworden, dass die Struktur der Großheime überholt ist. "Man kann 35 Jahre später alles anders beurteilen", befand Oxonitsch. Er erinnerte jedenfalls daran, dass die Diskussion damals letztendlich zur Schließung der großen Heime geführt habe. Ausschlaggebend sei hier auch der publizierte Bericht Karlssons gewesen.

"Die Zustände damals waren schlimm", zeigte sich der Stadtrat überzeugt. Die sofortige Schließung aller Heime sei jedoch nicht möglich gewesen, auch aus organisatorischen Gründen. In Wien wurden - nach einer Reihe von Reformen - die letzten derartigen Einrichtungen im Jahr 2000 zugesperrt. Seither werden Kinder in Wohngesellschaften oder bei Pflegeeltern betreut.

Wilhelminenberg-Kommission soll Ende der Woche stehen
Um die kolportierten Missbrauchs-Vorfälle im ehemaligen Kinderheim im Schloss Wilhelminenberg aufzuarbeiten, soll nun eine Kommission eingesetzt werden. Bereits Ende der Woche solle sie stehen, teilte Oxonitsch mit. Er rechnet damit, dass bis dahin die Zusagen jener Personen eintreffen, die angefragt wurden, ob sie die Kommission leiten wollen. Die Einrichtung einer eigenen Kommission begründete Oxonitsch damit, dass die Anschuldigungen eine "neue Dimension" seien.

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