16.06.2022 06:00 |

Live in der Stadthalle

Wolfgang Ambros zelebriert eine neue Leichtigkeit

Zum 50. Livejubiläum holte Austropop-Legende Wolfgang Ambros noch einmal alle Tricks aus dem Köcher und verwandelte die Wiener Stadthalle vor rund 5.500 Fans in einen Tempel der Extase. Ambros selbst wirkte motiviert, verspielt und versöhnlich. Seine Fans goutierten das mit tosendem Applaus und bangen, wann er wieder zu ihnen kommt.

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Eine Woche vor seinem 70. Geburtstag veröffentlichte Wolfgang Ambros seine Biografie „A Mensch möcht i bleib’n: Mein Leben zwischen Schuld und Schicksal“ und schaffte damit den so selten gelingenden Spagat zwischen Authentizität, Spannung, Momente des Staunens und ehrlicher Ergriffenheit. Nach Jahren der Qual, im gesundheitlichen wie auch privaten Bereich, hat der kantige Wiener, der sich längst nicht mehr als solcher sieht, spät aber doch seine Mitte gefunden. Am Granteln und Sumpern wird man ihn auch im Herbst seiner erfolgreichen Tage nicht mehr hindern können, doch mit einer derart ausufernden Dosis an Selbstkritik hätte man nach den letzten 50 Karrierejahren nicht mehr zwingend rechnen können.

Elder-Statesmen-Grandezza
50 Jahre steht der Doyen des Austropop nun schon auf der Bühne und wirkt wohl gerade durch seine physische Gebrechlichkeit mental so stark und ausgeglichen wie nie. Das größte Konzert seiner Tour hätte exakt an seinem Geburtstag, am 19. März, stattfinden sollen. Eine neuerliche Verschiebung um drei Monate war nötig. Ob es wirklich an den Tücken der Corona-Pandemie lag oder der Kartenverkauf wirklich so schlecht war wie gemunkelt, es ist im Endeffekt einerlei. Im Hier und Jetzt findet Ambros vor immerhin 5.500 treuen Anhängern in der Stadthalle eine Elder-Statesmen-Grandezza, die das lasterhafte Bad-Boy-Image der alten Zeiten niemals erahnen ließ. Leichtigkeit, Freude und Dankbarkeit mixen sich zu einer einzigartigen Gefühlsregung, die den - mit langer Zwischenpause - fast dreistündigen Abend zu einem besonderen gedeihen lässt.

Nach einer weiteren schweren OP entert der Jubilar leicht verspätet mit Wanderstecken auf die Bühne und bekommt samt seiner fünfköpfigen Band „Die Nummer 1 vom Wienerwald“ und zwei stimmkräftigen Backgroundsängerinnen bereits Standing Ovations, bevor überhaupt ein Satz fällt. Zu den Jubelnden gesellt sich niemand Geringerer als Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der mit dem Künstler zuvor noch die eine oder andere Zigarette zum Gespräch rauchte. Mit „Verwahrlost aber frei“ und „I drah zua“ leitet er fast schon melodramatisch in sein Konzertset. Wer die Texte dazu analysiert, der kann durchaus eine gewisse Bühnenmüdigkeit deuten. Die ist freilich nicht zu sehen. Ambros lehnt an seinem erhöhten Barhocker und liefert eine bunte Palette. Politkritisches, Herzhaftes und Humoriges.

Große Genreschritte
Dass es sich dabei strenggenommen um eine Nostalgie-Revue handelt, ist ihm schon zu Beginn bewusst. „Wir spielen alte und noch ältere Lieder - die neuen hört ja eh keiner.“ Dennoch freut sich Ambros über den starken Zuspruch jener, die nicht schon früh mit seinen Klassikern aufgewachsen sind. „Die Jugend ist heute stark vertreten. Bravo, bravo“, bekundet er erstaunt, während er eine Grußbotschaft an den ebenfalls anwesenden Gert Steinbäcker sendet und mit den Songs „Herumliegn in da Sunn“ und „Wahre Liebe“ den Kinks und Bob Dylan huldigt. Denn merke: Ambros selbst reagiert auf den Terminus Austropop seit jeher allergisch und sieht sich als Liedermacher. Dieser Liebe kann er im ersten Set-Teil frönen.

Nicht dass die Stimmung im Publikum nicht sowieso schon gut gewesen wäre, aber in Hälfte zwei gehen die Fans auf Anschlag. Das grandiose „Langsam wochs‘ ma wieder z’amm“ und „Gezeichnet für’s Leben“ halten keinen mehr auf den Sitzen. Temporäres Elchbrunftgeschrei der Marke Supertestosteron aus dem Publikum gehört dazu, auch wenn es manchmal verhindert, dass man den humorig-launigen Geschichten des Frontmannes zwischen den Songs folgen kann. Den Schmäh verliert er nie, doch mit Fortdauer des Konzerts konzentriert er sich auf seine Leidenschaft und Kernkompetenz. Seine Band wirkt ebenso stoisch wie der Chef, doch dessen Lied-Oeuvre ist so stark, dass es keine zusätzlichen Gimmicks zur Aufmerksamkeitsanstachelung benötigt. Ein Ambros vergisst auch nicht auf die gegangenen Freunde und Kollegen. Danzers „Hawelka“ und „Feuer“ von Ostbahn Kurti werden zurecht abgefeiert. Ambros ist mehrmals ergriffen und verliert zunehmend die Worte.

Woiferl, bleib noch do
Am Ende ist seine Stimme auch gar nicht mehr notwendig. „Da Hofa“, „Zwickt’s mi“ oder „Die Blume aus dem Gemeindebau“ werden textsicher mitgesungen, von „Es lebe der Zentralfriedhof“ und der heimlichen Nationalhymne „Schifoan“ gar nicht erst zu reden. Die etwas fröhliche Version des „Zentralfriedhofs“ mutet dabei etwas befremdlich an, ähnlich wie das üppig ausstaffierte „Du bist wia die Wintersunn“, doch die kleinen Wackler in der B-Note stören noch nicht einmal kritisch eingestellte Geister. Nach den letzten Jahren sind die meisten einfach froh, ihren „Woiferl“ noch einmal zu erleben und dann auch noch mit so viel Herz und Freude. Ambros selbst kalkuliert bei seinen Gigs nur noch von Jahr zu Jahr und hat offiziell nicht vor, in Bühnenpension zu gehen. Dafür liebt er den Auftritt und das Publikum zu sehr. Wenn knapp 6000 Fans mehr Krach machen als es oft eine ausverkaufte Stadthalle zu tun vermag, dann bedeutet das viel. Woiferl, wir ham noch ein paar schöne Jahre miteinander!

Mit Wolfgang Ambros geht‘s am 22. Juni in der Salzburgarena weiter, am 1. Juli konzertiert die Band in der Arena Nova in Wiener Neustadt und tags darauf im Römerdorf im steirischen Wagna. Alle Infos und Tickets bitte unter www.oeticket.com

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