Debütalbum „Kairos“

Wiener Band Werckmeister denkt Popmusik anders

Wien
18.02.2022 11:00

Der gebürtige Baseler David Howald hat mit seiner neuen Band Werckmeister ein Ventil für den Ausdruck seines Innenlebens gefunden. Im avantgardistisch angehauchten Pop-Gewand hält er auf dem Debütalbum „Kairos“ sich und der Gesellschaft den Spiegel vor und setzt auf ständigen Perspektivenwechsel. Im Gespräch mit der „Krone“ nimmt er uns gemeinsam mit Bandkollege Florian Hümmer mit auf seine vielseitigen Seelenreise.

Was haben Katy Perry, Nick Cave und die Einstürzenden Neubauten gemeinsam? All diese Künstlerinnen schwimmen im großen Teich Popmusik, auch wenn die musikalische Schnittmenge bei genauerem Hinhören enden wollend ist. Pop im weitesten Sinne ist auch „Kairos“, das Debütalbum der Wiener Band Werckmeister. Dort verbindet sich die Liebe zu Melodien aber mit einem avantgardistischen Zugang, was Frontmann und Songwriter David Howald nur teilweise gelten lässt. „Natürlich denkt man bei Pop zuerst an Katy Perry und nicht an Blixa Bargeld. Aber ich verstehe die Kategorisierungen nicht. Das sind alles perverse Grenzzäune. Ich verstehe nicht, wenn man ,Kairos‘ das Avantgarde-Prädikat unterstellt, wie es bei meinen früheren Soloalben war.“ Der 36-Jährige stammt aus Basel, hat sich sein herzhaft-kerniges Schweizerdeutsch erhalten und in seinen knapp neun Jahren in Wien schon so einiges veröffentlicht.

Öffnen der Pforte
Nach der im Vorjahr veröffentlichten EP „Großmutter Wolf“ haben sich Howald und seine Mitstreiter endgültig von allen Fesseln befreit und der Zugänglichkeit mehr Platz eingeräumt. „Kairos“ sieht er in der Gegend von Radioheads Geniestreich „Kid A“ verortet. „Sie öffneten darauf die Pforte vom Pop ins Avantgardistische. Wenn wir das auch schaffen würden, wäre ich sehr glücklich.“ Den Bandnamen entlehnte sich Howald von einem Film des Ungarn Béla Tarr und auch vom deutschen Barockmusiker Andreas Werckmeister aus dem 17. Jahrhundert. Die Wiener verbinden mit dem Begriff vor allem Freiheit. „Das Wort ist leer, kahl und karg, aber auch schwer und hart. Wenn ich den Begriff höre, erscheint vor meinem geistigen Auge ein riesiges Wagenrad. Wir wollten dieses cineastische Wort durch unsere Musik in etwas Leichtes verwandeln.“

Wobei Leichtigkeit natürlich Definitionssache ist. Wer Pop mit Perry oder Michael Jackson konnotiert, wird hier Geduld haben müssen. Ist man aber eher im Lager Cave, Radiohead oder David Bowie daheim, erschließt sich einem auf „Kairos“ eine anheimelnde Soundwelt. Auch die in die griechische Antike reichende Begrifflichkeit ist wohlbewusst gewählt. „,Kairos‘ ist das Zeitkonzept, das den Moment bezeichnet“, erklärt Howald, „der Begriff ist sehr konkret. Es geht darum, die Dinge von mehreren Seiten her zu beobachten. Die Themen nicht als lineares Narrativ, sondern als eine aufgebrochene Figur zu verstehen. Es geht am Ende immer um einen selbst und den Blick auf die Welt. Man begegnet sich immer selbst. Ganz egal, wohin man den Blick auch richtet.“

Kampf gegen die Statik
Howald verknüpft Erinnerungen und Erlebnisse in die Texte, wechselt dabei aber immer wieder die Seiten, um andere Perspektiven zu öffnen. „Der Song ,Die Eloquenz des Untergangs‘ ist aus einer wechselseitigen Sichtweise heraus geschrieben. Vordergründig handelt er von einer Frau, die ich in der Schule kennenlernte. Gleichzeitig erkenne ich mich in ihr. Sie ist die Vergangenheit und die Zukunft. Meine Familie und meine Vorfahrin. Die Figur ist zyklisch und hat mehrere Ebenen. Es geht stark darum, offen und antiessentialistisch durchs Leben zu gehen.“ Diverse Krümmungen und Imperfektionen wurden bewusst auf der Platte gehalten, denn eine gewisse Form des musikalischen und lyrischen Widerstands ist Werckmeister wichtig. „Ich mag es nicht, wenn Musik zu statisch ist oder in sich selbst endet. Eines meiner Lieblingsalben ist ,Amber‘ von Autechre. Es ist sehr mantrisch und es gibt darauf viele Ornamente. Statische Musik bringt weder mir etwas, noch dem Zuhörer.“

Ein entscheidender Baustein für „Kairos“ war die erzwungene Ruhe der Pandemie. Vor allem der erste Lockdown erwies sich als kreatives El Dorado für den Songwriter. Songs wie „Die Unendlichkeit“ oder „Ex Machina“ sind in dieser Zeit entstanden. „Ich hatte gerade große Umbrüche in meinem Privatleben zu bewältigen und begrüßte es, einen Monat nicht rauszugehen. Ich habe mich mit meinen Problemen konfrontiert, dazu kam dieser Frühling mit einer ausgestorbenen Stadt. Die Ruhe im Kopf war sehr fruchtbar zum Schreiben. Ich konnte einen ganz besonderen Ort in mir aufsuchen. Eine Reise tief in mich hinein, voller Bilder und Erinnerungen. Ich habe den Schatten auf der gegenüberliegenden Fassade beim Wandern beobachtet.“

Ab in Richtung Erschlankung
Sich selbst und auch der Gesellschaft den Spiegel vorhalten sind wiederkehrende Themenmotive. Etwa im Song „Tyrannus“ mit der Textzeile „das wovor sie warnten, ist das wofür sie selber stehen“. „Man redet sich in einer Gruppierung immer ein, dass man anders wäre. Aber man wird älter, das Blut kocht runter und man wird gutbürgerlicher. In diesem Lied steckt ein großer Konflikt mit mir selbst, der bis heute nicht gelöst ist. ,Tyrannus‘ ist derjenige, der urteilt. Er muss die Angst kontrollieren und das hält ihn davon ab, das Leben zu leben und die Menschen zu mögen. Man hat Angst in etwas eingebettet zu werden, das man nie werden wollte.“ Der Kampf gegen die eigenen Dämonen endet auf „Kairos“ durchaus bekömmlich und zugänglich. Das nächste Album wird sowieso anders, wie Howald ankündigt. „Es wird definitiv schlanker ausfallen. Dieses hier ist mit zwölf Songs der erste Rundumschlag der Band. Deshalb klingt es auch so extrem und vielfältig.“

Release-Show in Wien
Den Rundumschlag von Werckmeister kann man sich auch live geben. Am 18. März präsentiert die Band „Kairos“ passend im Das Werk. Unter www.werckmeister-music.at gibt es weitere Infos zum Gig, dem Album und allen Plänen, die das dunkle Pop-Gespann aus Wien für die Zukunft verfolgt.

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