Neuer AK-Chef in OÖ

Stangl: „Es hätte auch eine Verwarnung gereicht“

Fast zeitgleich mit dem vierten Lockdown hat Andreas Stangl sein Amt als Präsident der Arbeiterkammer Oberösterreich angetreten. Die Entlassungen wegen Impfprotesten hält er für eine zu drastische Maßnahme.

Seinen Start als Präsident der oberösterreichischen Arbeiterkammer hat sich Andreas Stangl anders vorgestellt. Statt mit einer großen, programmatischen Antrittsrede, geht es direkt im Krisenmodus los. Lockdown, Gräben zwischen Impfgegnern und Befürwortern, die von der Politik angekündigte Impfpflicht – das alles macht auch vor der Arbeitswelt nicht Halt.

„Krone“: Ein Buschauffeur wird entlassen, weil er in seinem Bus den Satz „Impfen ist Mord“ auf der Anzeigentafel hatte. Mitarbeiter eines Linzer Alten- und Pflegeheims verlieren ebenfalls ihre Jobs, weil sie bei der Impfgegner-Demo als Mitarbeiter und nicht als Privatpersonen aufgetreten sind. Sind die Entlassungen arbeitsrechtlich zulässig?
Andreas Stangl: Da muss man sich den genauen Sachverhalt jedes Falls ansehen. Ich habe gelernt, keine Auskunft ohne genaue Analyse zu geben. Wurde das Arbeitsrecht im jeweiligen Fall eingehalten oder nicht?

Finden Sie es richtig, dass es zu Entlassungen kam?
Eigentlich nicht. Es hätte auch eine Verwarnung gereicht, und dass man die Betroffenen auf ihre Arbeitspflichten hinweist.

Wenn sich die genannten Betroffenen bei der AK melden, bekommen sie rechtliche Unterstützung?
Selbstverständlich. Den bekommen alle Arbeiterkammer-Mitglieder.

Die beiden Fälle zeigen exemplarisch, was Corona auch am Arbeitsplatz bewirkt. In vielen Betrieben öffnen sich Gräben in den Belegschaften – zwischen Geimpften und Ungeimpften; Befürwortern und Gegnern einer Impfpflicht. Auf welcher Seite steht die Arbeiterkammer?
Wir werden uns sicher nicht auf eine Seite schlagen, sondern jeden Arbeitnehmer gleich vertreten, unabhängig von seiner Meinung zum Thema Corona. Wir wollen zwischen den beiden Seiten vermitteln.

Impfpflicht oder etwa 3-G-Regel am Arbeitsplatz – das heißt auch: der Arbeitgeber darf damit Gesundheitsdaten seiner Mitarbeiter erheben. Das war bisher immer etwas, was sowohl die Arbeiterkammer als auch die Gewerkschaft strikt ablehnten. Muss man das jetzt tolerieren?
Arbeitnehmer und Arbeitgeber sitzen im selben Boot. Sie baden jetzt mit diesen Maßnahmen aus, was die Politik verschlafen hat. Das Krisenmanagement ist gescheitert. Mit einer ordentlichen Impfkampagne – auch in den Betrieben – hätte man die Kollegen informieren und ihnen durch Gespräche mit Ärzten viele Ängste nehmen können. Dann wären all diese Maßnahmen nicht notwendig gewesen.

Ihre Präsidentschaft startete fast zeitgleich mit dem vierten Lockdown. Ist das große Eisentor der Arbeiterkammer in Linz derzeit wieder für die Mitglieder geschlossen?
Das Tor ist offen. Oberste Prämisse bleibt es, für die AK-Mitglieder erreichbar zu sein – auch im Lockdown und auch persönlich. Gerade bei der Rechtsschutzberatung oder bei Konsumentenfragen geht es nicht ohne das persönliche Gespräch. Das passiert aber unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen – mit FFP2-Masken, mit Plexiglaswänden und vieles mehr. Was ich wirklich schade finde ist, dass wir meinen Vorgänger Johann Kalliauer, der 18 Jahre lang an der Spitze der Arbeiterkammer in OÖ stand, wegen des Lockdowns nicht so verabschieden konnten, wie er es verdient hätte.

Sie wollten für Ihre Wahl um einen möglichst großen Rückhalt bei allen Fraktionen der Arbeiterkammer werben. Ist Ihnen das gelungen?
Ja, das ist gelungen. Ich wurde von mehr als 90 Prozent der Delegierten gewählt, die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter hat nur 71 Prozent in der Vollversammlung der Arbeiterkammer.

Wann wird man eine Handschrift von Andreas Stangl in der Kammer erkennen? Nach der Coronakrise?
Nein, einer meiner ersten Vorschläge ist eine gemeinsame Ausbildungsoffensive für Jugendliche. Dafür nimmt die AK fünf Millionen Euro in die Hand. Ich lade Land, Wirtschaft und AMS ein, mitzumachen.

Vor dem vierten Lockdown brummte die Wirtschaft, Fachkräfte und Lehrlinge wurden gesucht. Steigt die Macht der Arbeitnehmer dadurch?
Ja, ein gesuchter IT-Techniker kann heute hingehen und sagen: ,Wenn du mich willst, dann verlange ich Homeoffice und eine sechste Urlaubswoche.‘ Und er wird das vermutlich bekommen. Aber es gibt auch andere Jobs, wo man solche Forderungen nicht stellen kann. Die Aufgabe der AK muss es sein, gemeinsam mit der Gewerkschaft darauf zu achten, dass nicht die einen gute Arbeitsbedingungen haben und die anderen auf nicht so günstigen sitzen bleiben.

Werden Sie, wie geplant, auch Landesvorsitzender des ÖGB Oberösterreich?
Ja, das ist so geplant.

Ihr Vorgänger Johann Kalliauer, Chef der AK und der Gewerkschaft, sowie Bürgermeister Klaus Luger gelten als die wahren Machtzentren in der SPÖ Oberösterreich. Werden Sie diese Rolle von Ihrem Vorgänger übernehmen?
Ich bin jetzt dort, wo ich immer hinwollte. Und hier, im Amt des Arbeiterkammerpräsidenten, möchte ich jetzt einmal ankommen.

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