24.10.2021 13:25 |

Die Letzten

Süßer Most und prämierte Schnäpse

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Jüngst war er in der Mosterei des Koblachers Gerold Amann auf Besuch.

Die vergangenen Herbsttage mit ihrer glasklaren Luft und dem gold-roten Blätterkleid an den Bäumen erwecken Erinnerungen an jene Zeit, als ich meinen Eltern - es war immer so um den Nationalfeiertag herum - bei der Obstlese helfen musste. Wir hatten ein paar Apfelbäume und einen großen Birnbaum, der nur alle zwei Jahre Früchte trug. Ich habe diese Arbeit gar nicht gemocht, aber mein Vater sammelte das Obst mit großer Behutsamkeit vom Boden auf, sah sich jeden Apfel, jede Birne zweimal an. Die wurmstichigen warf er nicht weg, sondern verfütterte sie an die Schweine. Das Obst wurde in „Harasse“, also Holzkisten oder in groben Jutesäcken gelagert und dann zur Mosterei gefahren.

Betrieb mit Tradition
Zwar gibt es die alte Mosterei meiner Kindheit nicht mehr, aber ich bin mit Gerold Amann aus Koblach verabredet, dessen Mosterei eine ebenso lange Tradition hat. Schon sein Vater hat dieses Handwerk professionell betrieben und in den 60er-Jahren damit angefangen, einen modernen Mostereibetrieb aufzubauen. „Ma ischt halt ihegwachsa“, äußert Gerold lapidar und lässt mich stehen, weil gerade ein Traktor heranfährt, dessen Anhänger randvoll mit Obst beladen ist. Jetzt muss es schnell gehen. „D’Bura hond’s immr pressant“, ruft er noch im schönen, alten Dialekt hinterher.

Vielleicht hätte ich mir einen anderen Termin für das Gespräch mit Gerold suchen müssen, denn in Amanns Mosterei geht es zu wie in einem Wespennest. Im Minutentakt kommen die Lieferungen. Privatpersonen mit ihren Pkw-Anhängern, Bauern mit ihren Traktoren. Gerolds Kundschaft stammt aus der gesamten Kummenbergregion. „Ich glaub schon, dass sie mit mir zufrieden sind“, sagt er dann später in einer etwas ruhigeren Minute. Jetzt aber muss er zuerst einmal Verkehrspolizist spielen, die Fahrzeuge einweisen, die ihre Ladungen rückwärts an einen großen Auffangtrichter bugsieren, der in den Boden eingelassen ist. Mit dem Hänger richtig einschlagen können ist jetzt gefragt, denke ich mir und bin froh, dass ich nicht selbst am Steuer sitze. Ich kann es nämlich nicht.

Äpfel und Birnen kullern in das riesige Maul im Boden - die Schnecke aus Edelstahl. Ein Dreikäsehoch steht dabei und guckt neugierig zu, während seine Mutter das Obst aus dem leicht gekippten Anhänger von Hand nachschiebt. „Musstest du auch Äpfel auflesen helfen?“, frage ich den Buben. Er verzieht das Gesicht. Bin glatt froh, dass es nicht nur mir damals so ergangen ist.

Pressen, pressen, pressen
In Gerolds vollautomatisierter Mosterei gelangen die Äpfel oder Birnen nun in die Wäsche mit der Rätzmühle. Das ist eine Art Schleuderfräse, in der das Kernobst zu Maische gemahlen wird. Die Maische läuft über eine mehrrollige Bandpresse. Mit etlichen Tonnen Druck wird der Saft aus dem Obst durch ein Siebband gepresst. Der Rohsaft wird durch mehrere Filter geleitet. Als Restprodukte bleiben eiweißhaltiger Schaum und der sogenannte Trester zurück. Diesen Trester sammelt Gerold und gibt ihn später als Viehfutter an die Bauern ab.

Der Saft wird, je nach Verwendung, in Edelstahlfässer mit einem Volumen von 5600 Litern gepumpt. Dort liegt er ca. drei Wochen und wird dann in ein anderes Fass „umgezogen“, um ihm die Hefe zu entziehen. Durch einen Gärspund entweichen die Gärgase, wobei keine Luft hinzukommen kann. So reift der Gärmost heran, den die Mosterei Amann schließlich an Privatpersonen verkauft oder direkt an die Gastronomie zustellt. Amanns Kunden können aber den gepressten Saft auch sofort mit nachhause nehmen - als Süßmost.

Spätes Glück
Gerold läuft von Kundschaft zu Kundschaft. Auf den kurzen Wegen dazwischen kann ich ihm einige Sätze entlocken. „Früher hat man dem Obst mehr Zeit gelassen und es nicht zu früh geerntet“, sagt er. Neben der Mosterei ist ein kleines „Lädele“, wo ich Gerolds Frau Susanne kennenlerne. Sie ist gerade dabei, mit einem Schlauch Süßmost in Flaschen abzufüllen. Der Gerold sei ein ganz ein Lieber, äußert Susanne, und ich spüre, dass die Beiden noch nicht lange zusammen sind.

Spät haben sie ihr gemeinsames Glück gefunden. „Ich hab’s schön beim Gerold. Wir können daheim arbeiten, das macht wirklich viel Freude. Klar, es gibt wie in jedem Job Sachen, die einen ärgern. Wenn z. B. jemand am Samstag, fünf nach zwölf, mit dem Hänger heranrollt und unbedingt gemostet haben will.“

Preisgekrönter Brenner
Gerold Amann unterhält aber nicht nur eine Mosterei, er ist auch ein sehr gefragter Schnapsbrenner. Im vergangenen Jahr hat er den ersten Platz bei der Vorarlberger Landesprämierung für seinen vorzüglichen Quittenbrand erhalten. Seine neueste Errungenschaft ist der „KoGin“, ein 44% Koblacher Dry Gin, den er in diesem Jahr zum ersten Mal anbietet. Ich gratuliere. Gerold macht eine abwinkende Geste und ist schon wieder auf dem Hof zugang, um Ordnung in das Anlieferungschaos zu bringen.

Der Dreikäsehoch steht auch noch auf dem Platz, „tschuttat“ gerade einen Apfel durch die Gegend. Ich biete mich als Torwart an, halte aber den Ball schon beim ersten Schuss nicht. Der Kleine grinst übers ganze Gesicht. Die Mutter ruft: „Leo! Iiischtiega! M’r fahrand!“

Robert Schneider
Robert Schneider
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