27.09.2021 09:30 |

Wahlmotive in Graz

Das sagen die Stammwähler am „Krone“-Stammtisch

Es gibt sie noch, Stammwähler, die bei „ihrer“ Partei treu das Kreuz machen. Sechs von ihnen trafen sich für die „Krone“ am Stammtisch - zur höflichen Politik-Debatte, die Mut macht.

Am Ende, nach gut zwei Stunden, bleiben „der Friedrich“ und „der Günther“ über. Sie plaudern über Politik, stoßen an, duzen sich, verabschieden sich freundlich vor dem Lokal.

Das klingt sehr gewöhnlich. Doch der Tischler Günther Mesaric ist ein treuer Wähler der KPÖ, Künstler Friedrich Eichberger wiederum macht sein Kreuz seit jeher bei der FPÖ. In Zeiten von tiefen politischen Gräben und oftmals wenig Berührungspunkten zwischen den Lagern sind solche Begegnungen dann doch bemerkenswert.

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Es gibt eine Politikerinnen- und Politikerverdrossenheit, aber keine Themenverdrossenheit. Viele frustriert, dass die Dinge so laufen, wie sie laufen. Sie sehen, dass es sich die da oben richten, Stichwort Ibiza und ÖBAG. Mich erschreckt, wie sich gerade bei der älteren Generation Resignation breitmacht.

Miša Strobl wählte die Grünen.

Schnitzel-Klopfen und Bierzapfen als Kulisse
Die „Steirerkrone“ lud sechs Stammwähler der sechs Grazer Gemeinderatsparteien zum Stammtisch ins urige Pirsch-Stüberl. Sie lachen von keinem Plakat, haben kein Mandat, sind aber hochpolitisch - und bereit, vor der Geräuschkulisse von Schnitzel-Klopfen und Bierzapfen über ihre Einstellung und Wahlmotive zu reden.

Die Runde ist bunt gemischt. Nicole Prutsch etwa arbeitet bei der Steirischen Wirtschaftsförderung, fühlt sich in der ÖVP gerade wegen deren Wertekatalog (Familie, Wirtschaft, Bildung) gut aufgehoben. Ihr gefällt auch „das Ringen um die besten Ideen“ in der Partei.

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Schaut euch die Leerstände in der Annenstraße an, das muss ja Gründe haben. Als ich ein Bursch war, war sie die Einkaufsstraße von Graz. Meine Tante ist mit dem Zug am Hauptbahnhof angekommen, ihre Einkaufstour war beim Kastner fertig, sie musste nicht in die Herrengasse.

Günther Mesaric, KPÖ-Stammwähler

Neben Prutsch sitzt Miša Strobl, Sohn des früheren ÖVP-Kulturstadtrats, der aber seit den frühen 1990er-Jahren die Grünen wählt, 365 Tage im Jahr mit dem Rad fährt und für den Klima- und Umweltschutz an erster Stelle stehen.

Als Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter unterstützt Kerstin Brunner-Wenusch die NEOS, deren Leibthema ja Bildung ist. Auch Transparenz und der Kampf gegen Korruption liegen der Juristin am Herzen.

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Ich habe auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Dort wird Politik ganz anders diskutiert, es geht mehr um die Sache. Wir haben eine Megafon-Mentalität: Wir sagen unsere Argumente und gehen. Wir sollten mehr zuhören und nachfragen. Es braucht mehr Diskussionskultur.

Nicole Prutsch wählt die ÖVP

Sicherheit als Thema
Ihr gegenüber betont Eichberger, wie wichtig ihm das Thema Sicherheit („Nur die FPÖ nimmt das ernst“) ist - auch aus eigener Erfahrung: In Wien wurde er einmal brutal zusammengeschlagen, im Grazer Volksgarten würden ihm ständig Drogen angeboten.

Ein ganz anderes Thema brennt SPÖ-Stammwähler Ralph Unterlass, der zuerst eine Lehre gemacht hat und nun in Graz Geografie studiert („Meinen Lebensweg verdanke ich der Politik der SPÖ“), unter den Nägeln: leistbares Wohnen. „Die Mieten werden immer teurer, ich verzweifle fast bei der Wohnungssuche.“

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Als junger Mensch, der eine Lehre macht, gibt es mit der SPÖ nur eine Partei, die meine Interessen vertritt. Nun kann ich ohne Studiengebühren studieren, das verdanke ich auch der SPÖ. Meine Eltern könnten mir das Studium nicht finanzieren.

Ralph Unterlass wählt immer SPÖ.

Ein Steilpass für Günther Mesaric, ist das Thema doch eine Domäne der KPÖ. Früher hat er die SPÖ gewählt, doch die Kommunisten vertreten das Soziale besser, findet er. „Den Leuten wird wirklich geholfen, es wird nicht nur angekündigt.“

Großer Ärger über Bauwut und Investoren
Was sofort auffällt: Jeder hört den anderen zu, es wird fast nie unterbrochen. Respekt und Höflichkeit dominieren, auch wenn inhaltlich teils Welten zwischen den Teilnehmern liegen. Prägende Themen des Wahlkampfs sind auch am Stammtisch präsent, etwa der Bauboom. „Ich habe Graz als grüne Stadt kennengelernt, es wird aber immer mehr zubetoniert“, ärgert sich Unterlass. Das erlebt auch Brunner-Wenusch quasi vor ihrer Haustür: Die früheren Wiesen am TU-Gelände in der Sandgasse werden verbaut.

Auch Strobl spricht von „Bauwut“ und Investoren, die das Sagen hätten. „Wohin die Versiegelung führt, hat ja das schwere Unwetter im Juli gezeigt. Kanaldeckel schwammen mir entgegen.“

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Inländer werden auf vielfache Weise diskriminiert. Als Selbstständiger haben mich die Corona-Maßnahmen finanziell sehr schwer getroffen und an den Rand des Konkurses gebracht, die Unterstützung vom Staat war minimal.

Friedrich Eichberger, FPÖ-Stammwähler

Auch ein Reizthema: Verkehr. „Graz hat ein Verkehrsproblem“, sagt die „überzeugte Öffi-Fahrerin“ Prutsch. „Wenn ich einmal mit dem Auto fahren muss, werde ich grantig.“ Sie hofft auf visionäre Konzepte. Also eine U-Bahn? „Graz ist dafür zu klein“, ruft Mesaric.

Als Fußgängerin fühlt sich Brunner-Wenusch „an den Rand gedrängt“, gerade mit Kinderwagen habe man oft zu wenig Platz. Unterlass findet: „Es ist sehr gefährlich für Radfahrer in Graz.“

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Ich sehe mich selbst in der politischen Mitte. Für mich gibt es nicht nur die eine Ideologie, ich höre mir gerne die Ideen anderer an. Es müsste viel mehr differenziert werden. Diese eindeutigen Botschaften und Unterscheidungen in Gut und Böse stören viele.

Karin Brunner-Wenusch macht ihr Kreuzerl bei den NEOS.

Ganz andere Sorgen plagen Eichberger: „Ich fürchte ein Diesel-Verbot, wenn nicht mehr Schwarz-Blau regiert. Ich habe ein Auto für Behindertentransporte umgebaut, das könnte ich dann nicht mehr benutzen.“

Die junge Generation kann ein Vorbild sein
Wie geht es ihm eigentlich mit seiner politischen Einstellung im privaten Umfeld? „Ich habe sehr liberale Freunde, mit denen kann ich wunderbar diskutieren.“

Auch der Stammtisch der „Krone“ macht Mut, dass es in der Politik nicht immer ums Besiegen und Demütigen gehen muss. Aber ist das nur Wunschdenken? Strobl ist nicht so pessimistisch, die Generation seiner Tochter könnte ein Vorbild sein: „Ich erlebe viele junge Menschen, die versuchen, andere mit Fakten und nicht mit Polemik zu überzeugen.“ Vielleicht nimmt sich auch der Grazer Gemeinderat in den nächsten fünf Jahren ein Beispiel.

Jakob Traby
Jakob Traby
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