05.08.2021 17:29 |

Geflüchtete Sportlerin

Timanowskaja: „Ihr habt mich stärker gemacht!“

Die nach Polen geflüchtete weißrussische Olympia-Sprinterin Kristina Timanowskaja hat am Donnerstagnachmittag bei ihrer ersten Pressekonferenz in Warschau darüber gesprochen, wie eine Nachricht ihrer Großmutter und „Google Translate“ ihr bei der Flucht behilflich waren. Die 24-jährige Sprinterin fühlt sich nun sicher - und will ihre Karriere fortsetzen, auch mit ihrem österreichischen Trainer.

Zunächst wollte Kristina Timanowskaja nicht am olympischen Staffelbewerb in Tokio für Weißrussland teilnehmen. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil sie das nicht trainiert habe. Ihr Trainer setzte sie unter Druck, sie kritisierte ihn in einem Instagram-Video. Das war genug. Ihr Trainer strich sie aus dem Kader für die 200 Meter. Sie sollte unverzüglich nach Weißrussland zurückkehren. Er unterstellte ihr psychische Probleme, sie werde dort von einem Arzt untersucht. Timanowskaja war allein. Ängstlich. Nervös. Emotional. Sie habe ihre Verwandten zu Hause angerufen, ihren Mann und ihre Großmutter. „Ich habe sie gefragt, was ich tun soll, und versucht, dabei so viel Zeit wie möglich zu schinden.“ Am Weg zum Flughafen dann ein Anruf der Großmutter: „Komme nicht zurück!“ Da war ihre Entscheidung gefallen.

Auf Japanisch „Ich brauche Hilfe“ getippt
Am Flughafen tippte sie heimlich in „Google Translate“ auf Japanisch die Worte „Ich brauche Hilfe“ ins Handy und zeigte sie der Polizei, die zunächst nichts verstand. Erst ein anwesender Olympia-Funktionär erkannte die Situation und separierte Timanowskaja von ihrem Trainer. Der Rest ist jetzt schon Geschichte: Flucht in die polnische Botschaft, Flug über Wien nach Warschau. Und nun in Sicherheit.

„Hier fühle ich mich sicher“, sagte die 24-Jährige während der Pressekonferenz in Warschau am Donnerstag. Auch ihr Ehemann Arseni Sdanewitsch, der sich zuletzt in der Ukraine aufgehalten hatte, sei bereits mit dem Auto auf dem Weg nach Polen und werde am Abend erwartet. Sie wolle ihre Sportkarriere in Polen fortsetzen. Wie und wo, das steht noch in den Sternen. Am Freitag trifft sie Vertreter der polnischen Regierung, die ihr helfen wollen. Und: Sie will, wie sie sagte, weiter mit ihrem österreichischen Trainer Philipp Unfried zusammenarbeiten. Sie bedankte sich bei allen, die ihr geholfen haben: „Ihr habt mich stärker gemacht!“

Sorge um herzkranken Vater
Ihre größte Sorge gilt ihrer Familie in Weißrussland. „Vor allem, weil mein Vater krank ist. Er hat Herzprobleme, und in den vergangenen Tagen hat sich sein Gesundheitszustand verschlechtert.“ Die Eltern hätten ihr aber zuletzt versichert, dass es ihnen soweit gut gehe. Die Familie informiert sie auch über die weißrussische Propaganda. Im Staatsfernsehen wurde dazu aufgerufen, auf dem Instagram-Profil von Timanowskaja (sie sagte selbst, sie ist sehr aktiv auf Social Media) Hassbotschaften zu hinterlassen. „Die meisten Botschaften waren allerdings positiv“, sagte die Athletin.

Katastrophale Zustände in Weißrussland
Timanowskaja ist kein politischer Mensch, wies in der Pressekonferenz - unterstützt vom ehemaligen weißrussischen Kulturminister und nunmehrigen Lukaschenko-Gegner Pawel Latuschka - aber auf zahlreiche Missstände hin: Hunderttausende leiden unter den Repressalien des Lukaschenko-Regimes, in den letzten Jahren soll es 40.000 Verhaftungen gegeben haben. Für 4700 Menschen wurden Gerichtstermine angesetzt, weil sie an Demonstrationen teilgenommen haben. Immer wieder sterben Menschen in Haft unter dubiosen Umständen. Hunderte Menschenrechtsorganisationen wurden geschlossen, es gibt keine freie Presse. Auch Sportler werden unter Druck gesetzt, sagen aber aus Angst meist nichts.

„Ich hoffe, es waren nicht meine letzten Spiele“
Die Enttäuschung überwiegt bei der 24-Jährigen. Und die Frustration. Frustration darüber, dass man ihr die Chance genommen hat, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. „Darauf habe ich mich fünf Jahre vorbereitet. Das ist das Größte für jeden Sportler. Ich hoffe, es waren nicht meine letzten Spiele. Zwei Chancen habe ich noch“, schätzt sie. Getreu ihrem Motto: „Ich will nur laufen!“

Clemens Zavarsky
Clemens Zavarsky
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