02.08.2021 06:55 |

„Die Letzten“

Herrin über die losen Papiere

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk nachgehen. Vor Kurzem war er bei der Handbuchbinderin Eva Hermann in Kennelbach zu Gast.

Im historischen "Schindler-Areal" in Kennelbach, einem der beeindruckendsten Industriebauten Vorarlbergs, hat sich ganz oben im vierten Stock eine kleine, aber sehr exquisite Firma eingenistet. Blickt man durch die hohen Fenster und sieht aufs "Känzele" hinüber, glaubt man wirklich in einem Vogelnest zu sitzen. Einen schöneren Arbeitsplatz kann man sich kaum wünschen.

In diesen geschichtsträchtigen Mauern geht eine junge Frau einem Handwerk nach, das bis ins frühe Mittelalter zurückreicht und heute durch die Digitalisierung unserer Welt immer seltener anzutreffen ist. Eva Hermann ist gelernte Handbuchbinderin.

„Schon als Kind habe ich mich gern in Schreibwarenläden herumgetrieben. Wenn wir nach St. Gallen in den ’Globus’ gefahren sind, wo es so ein großes Geschäft gab, konnte ich mich stundenlang darin verlieren“, antwortet mir Eva auf die Frage, wie sie zu diesem Beruf gekommen ist.

Frau Hermann erweckt in mir den Eindruck eines jungen Menschen, der sehr genau weiß, was er will. Professionalität paart sich mit Ernsthaftigkeit, die fast etwas kühl anmutet und selten verlegen ist. Erst auf die Frage, ob sie auch manchmal lache, antwortet sie später: „Doch, ich lache sehr viel und gern.“

Im Wandel der Zeit: Kunststoff statt Knochen
Gleich führt sie mich in ihrer „Buchmanufaktur“ an einen großen Tisch, auf dem ein Konvolut loser Papiere liegt und beginnt mit dem „Vorrichten“. Es handelt sich um eine Magisterarbeit, die gebunden werden soll. Geschickt nimmt Eva immer vier Blätter vom Stapel, fächert sie auf, faltet und falzt sie mit einem Falzbein zu je einer Lage. „Früher war das Falzbein aus Knochen gefertigt, woher der Name stammt. Heute ist es aus Kunststoff.“
„Sieht alles einfach aus, fast meditativ“, sage ich, aber Frau Hermann kontert, dass man gerade hier sehr aufpassen muss, damit die Paginierung auch wirklich stimmt, denn nach dem Kleben ist es zu spät. Leuchtet mir ein, und ich bemühe mich, von nun an nicht mehr so vorlaut zu sein.

Wir gehen an einen anderen Tisch, wo die „Heftlade“ steht, anhand der mir die Buchbinderin die alte Technik der „Fadenbindung“ demonstriert, wo noch von Hand mit Nadel und Heftfaden die einzelnen Lagen zum sogenannten Buchblock verbunden wurden. „Heutzutage verwendet ich dazu eine Heftmaschine, besonders bei größeren Auflagen, ansonsten würde sich das nicht mehr rentieren.“

Eva nimmt den Buchblock, legt ein „Vorsatzpapier“ drauf, stößt die Einzelseiten gerade und klemmt das untere Drittel des Buchrückens in eine Presse. Dadurch fächern sich die Papierbogen etwas auf, werden dann mit einem Pinsel mit Leim bestrichen. Das Ganze nennt sich in der Fachsprache „lumbecken“, benannt nach dem Erfinder dieser Maschine, Emil Lumbeck. Nach diesem Vorgang wir der Buchblock ohne Gaze zum Trocknen abgelegt. Nun führt mich Eva zu einem Ungetüm von Apparat, der Schneidevorrichtung, bei der eine Art Fallbeil den Block millimetergenau durchtrennt.

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Früher war das Falzbein aus Knochen gefertigt, woher der Name stammt. Heute ist es aus Kunststoff.

Eva Hermann

Zum Glück funktioniert diese Maschine nur, wenn man zwei weit auseinanderliegende Knöpfe mit beiden Händen drückt. Ich getraue mich kaum, hinzusehen. Das Beil fällt. Im nächsten Arbeitsschritt erfahre ich, warum ein Buchrücken rund ist, wenn man von Taschenbüchern absieht. Eva legt den Buchblock auf eine feste Unterlage, nimmt einen beträchtlich großen Hammer und bringt dem Buchrücken durch geschickte Schläge eine perfekte Rundung bei.

Denn beim Lesen eines Buches wölbt sich der Buchrücken immer mehr nach innen, deshalb wird die Wölbung nach außen hergestellt, damit der Buchrücken schön bleibt. Zuletzt wird der Rücken nochmals mit Gaze hinterklebt und an Kopf und Fuß ein „Kapitalbändchen“ appliziert, das zum Vorsatzpapier passt - der dekorative Abschluss.

Es geht zu einer altertümlich anmutenden Maschine, die schon die ganze Zeit brummt. Über eine Walze läuft permanent Leim, damit die richtige Konsistenz erhalten bleibt. Jetzt nimmt Eva das Buchleinen - in unserem Fall ein blaues - und lässt es durch die Maschine gleiten, wobei eine Seite gleichmäßig beleimt wird. Danach werden die Kartons/Deckel und Rückenstreifen auf das Leinen geklebt. Schließlich folgt sozusagen die „Hochzeit“, das Verbinden des Buchblocks mit der „Decke“, dem Buchkarton.

Die Buchverzierung als krönender Abschluss
Aber das Buch ist noch lange nicht fertig. Was jetzt folgt, ist die „Buchverzierung“, also die Anbringung des Titels in Tintenstrahldruck oder in verschiedenen Prägeformen wie „Blind-“ und „Folienheißprägung“.
„Die Krönung ist der Goldschnitt, der heute aber kaum mehr verlangt wird“, erläutert Eva. „Das ist ein sehr aufwändiges Verfahren, bei dem die Schnittkanten mit Blattgold versehen werden.

Zur besseren Leuchtkraft wird erst ein roter Farbschnitt aufgebracht, dann mit einer Klebeflüssigkeit aus Eiweiß bedeckt, um hernach vorsichtig das Blattgold aufzulegen. Schließlich wird der Goldschnitt noch mit einem ’Glättzahn’ auf Hochglanz poliert." Ob sie das auch könne, frage ich. „Natürlich, das war Teil der Lehrabschlussprüfung“, antwortet sie nüchtern, die Herrin über die fliegenden Papiere.

Robert Schneider
Robert Schneider
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