29.05.2021 14:02 |

215 Kinder gefunden

Massengrab in Kanada „nur Spitze des Eisbergs“

Die Nachricht über den grausigen Fund von 215 Kinderleichen auf dem Gelände eines ehemaligen Internats für Kinder von Ureinwohnern in Kamloops in Kanada ging am Freitag um die Welt und löste Fassungslosigkeit aus. Während Politiker Angehörigen, Überlebenden und den betroffenen indigenen Gemeinschaften Unterstützung versprechen, gehen einige Experten davon aus, dass es viel mehr noch unbekannte Grabstätten geben könnte. Eine Forscherin glaubt, dass es sich dabei um „die Spitze des Eisberges“ handle und vermutet bis zu 6000 Opfer.

In Kanada herrscht nach dem Fund des Massengrabs Trauer und Entsetzten. Premierminister Justin Trudeau erklärte, die Nachricht über die so lang verborgene Grabstätte breche ihm das Herz. Der Vorfall sei „eine schmerzhafte Erinnerung an eine dunkle und beschämende Zeit“ in der Geschichte seines Landes. Der Bürgermeister von Kamploop, Ken Christian, nannte die Entdeckung „eine Tragödie epischen Ausmaßes“. Die Stadt werde jede mögliche Hilfe zur Verfügung stellen, versprach Christian. Die Untersuchung des Geländes sei noch nicht abgeschlossen, betonte unterdessen Rosanne Casimir, Leiterin der indigenen Gemeinschaft Tk‘emlups te Secwepemc.

Überlebender: „Wir dachten, die Vermissten seien weggelaufen“
Bei Harvey McLeod, einem Überlebenden der Internatsschule, werden seit der grauenhaften Entdeckung immer wieder Erinnerungen an seine eigene Schulzeit wachgerufen, berichtete die „Vancouver Sun“. Er besuchte die Einrichtung von 1966 bis 1968. McLeod erinnert sich, dass er mit Freunden über die verschwundenen Mitschüler sprach: „Wir haben uns darüber unterhalten, die Jungs und ich. Wir haben darüber gesprochen und vermutet, dass sie wahrscheinlich weggelaufen sind und wir waren froh, dass sie wahrscheinlich nach Hause gekommen sind.“ Die Meldungen über das Massengrab seien ein Schock gewesen:
„Ich war am Boden zerstört. Es hat mich einfach gebrochen, als ich davon gehört habe.“

Die National Truth and Reconciliation Commission erklärte 2015, dass es offizielle Aufzeichnungen der Schule darüber gebe, dass 51 Kinder zwischen 1914 und 1963 starben. Diese sollen jedoch nicht in dem Massengrab beigesetzt worden sein. In dem Bericht wurden außerdem Beamte zitiert, die 1918 festgestellt hatten, dass die Schüler nicht ausreichend zu essen bekamen, was Unterernährung zur Folge hatte.

Verdacht über Massengrab kam bereits vor 13 Jahren auf
Bereits 2008 äußerte Kevin Annett
, Sprecher der Organisation Friends and Relatives of the Disappeared, den Verdacht, dass die Überreste von Kindern auf dem Grundstück der ehemaligen Schule vergraben sein sollen, berichtete das Lokalblatt „Kamloops This Week“. Es solle noch weitere 27 solcher Massengräber geben, so Annett damals. Die katholische Kirche behauptete damals, nichts über Massengräber zu wissen - die Vorwürfe würden auf Gerüchten beruhen.

Auch die kanadische Ministerin für die Beziehung zu indigenen Einwohnern, Carolyn Bennett, denkt, dass es mehr noch unbekannte Opfer geben könnte: „Ich denke, dass die herzzerreißende Enthüllung von gestern bedeutet, dass es mehr geben wird.“ Sie sagte Überlebenden, Angehörigen und den betroffenen Gemeinschaften ihre Hilfe zu. 

Forscherin: Viele Kinder „nicht angemeldet“
Katherine Ainsley Morton, die Forschung zu solchen Schulen an der Memorial University Newfoundland betreibt, erklärte, dass viele Einrichtungen vermisste Kinder in ihren Aufzeichnungen einfach als „nicht angemeldet“ angaben. Viele Familien hätten auch keine Informationen über den Tod oder das Verschwinden ihres Kindes erhalten. „Dies ist nur die Spitze des Eisbergs. 150.000 Kinder waren in diesen Schulen eingesperrt. Manche sagen, die Zahl der gestorbenen Kinder könnte tatsächlich eher bei 6000 liegen.“ In der Vergangenheit wurden solche Grabstätten bereits in den Ortschaften Saskatchewan, Manitoba und Ontario entdeckt.

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