5:0 gegen Schottland

Vor 90 Jahren: Die Geburtsstunde des Wunderteams

Heute vor 90 Jahren war die Geburtsstunde des österreichischen Wunderteams. Österreichs Fußballteam feierte am 16. Mai 1931 auf der Hohen Warte vor 38.000 Zuschauern einen sensationellen 5:0 (2:0)-Triumph gegen die bis dahin auf dem Kontinent unbesiegten Schotten. Es war der Beginn des größten Siegeszuges des österreichischen Nationalteams, das in zwölf Spielen in Folge ungeschlagen blieb und dabei auch Kantersiege gegen Deutschland (6:0 und 5:0), Ungarn (8:2) und die Schweiz (8:1) feierte.

Die „Illustrierte Kronen Zeitung“ brachte die Sensation mit ihrer Schlagzeile auf den Punkt: „Die Schotten waren gegen uns die reinsten Waserln.“ Dass Schottland in Wien mit 0:5 verlieren könnte, dass Österreich mit seinem Gegner „Katz und Maus“ spielte, hätte niemand an diesem heißen, sonnenüberfluteten Samstag auf der Hohen Warte erwartet …

Dementsprechend lauteten die überschwänglichen Titel in allen Wiener Tageszeitungen. „Österreich schlägt Schottland 5:0“, ergänzte die „Illustrierte Kronen Zeitung“ in ihren Unterzeilen und ließ drei Rufzeichen folgen, das Blatt titelte weiter von einer „Prachtleistung aller Wiener Spieler“ und meinte: „Österreich um eine ganze Klasse überlegen.“ Selbst die „Neue Freie Presse“ hievte diesen Sporterfolg auf die Seite 1: „Sensationeller Sieg der österreichischen Fußballer!“ und titelte im Blattinneren: „Ein Ehrentag des österreichischen Fußballes.“ Das „Neue Wiener Journal“ jubelte: „Großer Fußballsieg Österreichs“. Und das „Sport-Tagblatt“ überschlug sich mit dem Titel und den Unterzeilen ebenfalls: „Entthronte Fußballgötter. Triumphaler Sieg Österreichs über den schottischen Lehrmeister. - Österreich siegt 5:0! - Ein Spiel, das man lange nicht vergessen wird. 40.000 Begeisterte.“

„Damen in hellen Toiletten erschienen“
Da sollte das „Sport-Tagblatt“ nur wirklich recht behalten! Bis heute, 90 Jahre nach dem unglaublichen 5:0 auf der Hohen Warte, hat man dieses Spiel nicht vergessen. „Die 40.000 Menschen, die die Hohe Warte bevölkerten, sahen den grandiosen Sieg der Österreicher mit eigenen Augen, aber Millionen Menschen, die zu Hause vor ihren Lautsprechern saßen, hörten den Jubel“, schrieb die „Illustrierte Kronen Zeitung“. Ein klein wenig Wehmut klang hier wie auch in anderen Berichten mit, dass „nur“ knapp 40.000 statt der erhofften 50.000 Zuschauern auf die Hohe Warte gepilgert waren. Das Match war nicht ausverkauft, „da die Preise von 15 und 20 Schilling ein Preis sind, den heute niemand mehr für ein Fußballmatch bezahlen kann“.

Andere Blätter machten das heiße Wetter („Die Leute gingen lieber baden!“) oder die Direktübertragung im Radio dafür verantwortlich. Dennoch, so die „Neue Freie Presse“, „bot die Arena wieder das gewohnte prächtige Bild“. Die schilderte auch das „Neue Wiener Journal“: „Die Damen sind in hellen Toiletten erschienen, die Männer haben die Röcke ausgezogen, so daß der Menschenberg ein in der Sonne fröhlich leuchtendes Bild bietet.“

Das „Schmieranski-Team“
Alles war für ein großes Fest bereit, die Zuschauer waren hoffnungsvoll, alle waren auf den Auftritt der von Teamchef Hugo Meisl neu formierten Mannschaft gespannt. Die Öffentlichkeit hatte schon, wie unser Ende April im 93. Lebensjahr verstorbener früherer „Krone“-Kollege Karl-Heinz Schwind in seinen „Geschichten aus einem Fußball-Jahrhundert“ geschrieben hat, „nach den zuletzt kaum nennenswerten Ergebnissen in den frühen Maitagen des Jahres 1931 nach einer Absetzung des Teamchefs“ gerufen. Auch die Berichterstatter forderten im Mai 1931 vehement eine Umbesetzung des Teams.

Der Legende nach hat Hugo Meisl dann im legendären „Ring-Café“ am Stubenring den Schreiberlingen, den „Schmieranskis“, nachgegeben und ihnen einen Zettel mit der Aufstellung gegen Schottland auf einen der Kaffeehaustische geknallt, angeblich mit den Worten: „Da habt’s euer Schmieranski-Team!“ Ob wahr oder nicht - zumindest habe es gegen die Schotten, so Karl-Heinz Schwind, mit Zischek, Gschweidl, Sindelar, Schall und Vogl „die richtige Mischung im Teamsturm“ gegeben. Was die Reporter natürlich auch in ihren seitenlangen, glänzenden Artikeln herausstrichen. Diese Mannschaft war, so hieß es in der „Illustrierten Kronen Zeitung“ ein „Team aus einem Guß, ein Team von Künstlern, von Stars, die aber nichts Starmäßiges an sich hatten. Die angeblich besten Fußballer der Welt waren gegen unsere Spieler die reinsten Waserln. Das waren keine Lehrmeister mehr, ja das waren nicht einmal ebenbürtige Gegner, das war eine Mannschaft, die eine volle Klasse unter der österreichischen stand.“

„Keine Spur von Eifersüchtelei“
Besonders Matthias Sindelar wurde gelobt für seine „vorbildliche, meisterhafte Art, wie er seine Nebenleute frei spielte und wie er ihnen schußreif die Bälle servierte, er hat den Beweis erbracht, daß Österreich in ihm einen Angriffsführer von Großformat besitzt“ („Neues Wiener Journal“). In der „Illustrierten Kronen Zeitung“ hieß es: „Sindelar und Gschweidl verstanden sich ausgezeichnet. Was sie an technischen Scherzen und feinen Einzelheiten vorführten, war wahrhaft sehenswert. Sie setzten mit zwei, drei Zügen die ganze gegnerische Verteidigung vollkommen matt.“ Das „Sport-Tagbatt“ würdigte: „Nach langer Zeit ist wieder einmal der Versuch gemacht worden, Klassespieler ohne Rücksicht auf die Klubzugehörigkeit im Angriff aneinanderzureihen, und ein Bombenerfolg hat sich eingestellt. Keine Spur von Eifersüchteleien, es hat keiner versucht, auf Kosten des anderen groß zu werden, sie unterstützten einander so großartig, daß der wunderbare Gesamterfolg ausreifen konnte.“

Von dieser Uneigennützigkeit profitierte vor allem auch Karl Zischek, der bei seinem ersten Teameinsatz zwei Tore erzielte. „Noch kaum zuvor hat ein Debütant seine Feuertaufe so glänzend bestanden wie Zischek, er ging mit einer Respektlosigkeit die Sache an, als ob er gegen die “Kagraner Kickers„ zu spielen habe, und damit war er auch schon ein gemachter Mann. Nur Leute von solchem Einstellungsvermögen taugen für die internationalen Großkämpfe“, so das „Sport-Tagblatt“.


Knackwüsrste in Siegesknacker umgetauft
Liest man die Berichte in den zeitgenössischen Tageszeitungen nach, spürt man Zeile für Zeile natürlich auch die Begeisterung der Journalisten. Selbst der ehrwürdige Artur Steiner („Illustrierte Kronen Zeitung“) bekannte im Text, dass er „von seinem Sitz gesprungen war und ganz im Stil der Allerjüngsten mit vollstem Tenor Goool!!! brüllte und seinen Hut in die Luft warf, als hätte er den Haupttreffer in der Klassenlotterie gewonnen!“ Dass die Zuschauer die Hohe Warte in ein Tollhaus verwandelten, war logisch. Das „Neue Wiener Journal“: „Ein österreichischer Angriff nach dem anderen wird gegen das feindliche Tor vorgetragen. Das Publikum rast vor Begeisterung. Es wird von Aufregung gepackt.“

Von Treffer zu Treffer sollte die Stimmung steigen. Anton Schall erzielte in der 27. Minute die Führung. Dazu das „Neue Wiener Journal“: „Der Ball ist im Netz gelandet. Die Leute springen von den Sitzen auf, winken mit den Hüten, schreien, brüllen, klatschen. Der Lärm dauert minutenlang an.“ Und: „Hoch oben über der Hohen Warte zog man beim Nummernapperat den großen “Einser„ auf!“ So hieß es damals, als es noch keine elektronischen Anzeigetafeln gab. Der Zweier fürs 2:0 folgte im „Nummernapperat“ schon zwei Minuten später, als Karl Zischek bei seinem Debüt zum ersten Mal traf. Die „Krone“: „Kein Wunder, dass die Stimmung ringsum noch festlicher, die allgemeine Laune noch rosiger wird.“ Und dann folgte dieser herrliche Satz: „Die Knackwürste, die zum Jause angeboten werden, werden sogleich in Siegesknacker umgetauft.“

„Schottisches System der Österreicher“
Auch nach der Pause rollten die Angriffe der „österreichischen Dampfwalze“ weiter. Die „Neue Freie Presse“ schrieb vom „schottischen System der Österreicher“. „Das flache, durchdachte Zusammenspiel, das den Gegner im Dreieck umgeht, genau placiert und in Kombination bis zum Tor vorgetragen, all das sah man von den Österreichern.“ Auch ein ungarischer Fußballfunktionär lobte ironisch das Spiel der Österreicher als „erstklassige schottische Schule“. So spielte Österreich weiter mit den Schotten „Katz und Maus“. Adolf Vogl (49.) und Karl Zischek (69.) erhöhten auf 3:0 und 4:0. Das Team gab sich damit nicht zufrieden. „Mit dem Essen kommt der Appetit, mit den Goals der Hunger nach - mehr“, wie die „Illustrierte Kronen Zeitung“ formulierte. Auch die Fans forderten lauthals ein fünftes Tor. Dieses sollte kommen, quasi auf Bestellung.

„Die österreichische Mannschaft hat“, so die „Illustrierte Kronen Zeitung“, diesmal einen Tag, der sie befähigt, alle „Bestellungen“ promptest auszuführen. Sie stürmt weiter, zermürbt weiter die restlichen Kräfte der Gäste und inszeniert weiter ganz ausgezeichnete Aktionen.„ Matthias Sindelar war es vergönnt, mit einem “Bombenschuß„ fünf Minuten vor Spielende den Schlusspunkt zu setzen. 5:0 gegen Schottland!

“Spieler von Fans abgebusselt
„Da kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr, wildfremde Sitznachbarn umarmen einander und brüllen, daß sie fünf Tage lang werden kein Wort sprechen können. Wenige Minuten später ist der glorreiche Kampf zu Ende. Die Spieler, die in ihre Kabinen wollen, werden aufgehalten und von den überglücklichen, aber verschwitzten Zuschauern nach Noten abgebusselt. Die braven Spieler lassen es ruhig geschehen. An diesem denkwürdigen Siegestag graust ihnen vor gar nichts…„, beendet Artur Steiner seinen emotionalen Bericht. Die “Neue Freie Presse„ zu den Szenen nach dem Schlusspfiff: “Zahlreiche begeisterte Zuschauer stürmen das Feld, um ihre Lieblinge auf den Schultern vom Platz zu tragen.„ Oder das “Sport-Tagblatt„: “Nach Schluß des Kampfes wiederholen sich die Ovationen für unsre siegreiche Mannschaft, einige Begeisterte drängen in das Spielfeld vor, so auch der ehemalige Vienna-Spieler Gindl, der Blum hochnimmt, um den Jubilar (Anm.: Blum bestritt sein 60. Ländermatch) im Triumphzug zur Kabine bringt.„


Teamchef Hugo Meisl war sich sicher: “Ich glaube, wir hätten mit unserm Team heute jede Mannschaft der Welt geschlagen. Die Schotten sind gute Spieler, waren aber als Mannschaft unsrer Elf nicht im entferntesten gewachsen.„ Matthias Sindelar kommentierte: “Ich glaube, die Leute haben von den Schotten zu viel erwartet. Wir waren technisch und taktisch viel besser.„ Keeper Rudi Hiden sagte: “Wir waren um Klassen überlegen!„ Josef Gerö, damals Präsident des Wiener Fußball-Verbandes (später dann ÖFB-Präsident), lieferte einen perfekten Kommentar: “Es war Österreichs größter Sieg in einem Länderspiel. Wir haben endlich d i e österreichische Nationalmannschaft gefunden.„ Mit einer vehementen Betonung auf “die„.


6:0 in Berlin
Nur eine Woche nach dem 5:0 gegen Schottland sollte eine nächste Bewährung folgen, wie die “Wiener Sonn- und Montagszeitung„ schrieb: “Und nun gegen Deutschlands Team! Wir Österreicher haben bekanntlich seit jeher den Bescheidenheitskoller. Wir sind, zum Unterschied von anderen Nationen, immer eher geneigt, uns kleiner, am allerkleinsten zu machen, unsere Niederlagen laut zu beklagen, aus unseren Triumphen aber nicht viel zu machen.„ Das Blatt orakelte: “Es könnte der deutschen Elf gelingen, durch übermäßig derbe und regelwidrige Kampfesweise den überlegenen Stil unserer Fußballkünstler auszugleichen. Jedenfalls würde es als ungleich größere Errungenschaft des österreichischen Fußballs werten, wenn uns ein solches Score gegen Deutschland im nächsten Länderkampfe glückte - nicht im Träume wagen wir daran zu denken, wir, die Schottentöter!“

Der Traum aber wurde wahr. Österreich siegte am 24. Mai in Berlin mit sage und schreibe 6:0. In deutschen Zeitungsberichten tauchte danach erstmals der Begriff “Wunderteam" für die österreichische Mannschaft auf. Bei der unglaublichen Erfolgsserie sollten noch weitere Kantersiege gegen Deutschland (5:0), in der Schweiz (8:1) oder gegen Ungarn (8:2) folgen. Erst am 7. Dezember 1932 folgte mit einem 3:4 in London gegen England wieder eine Niederlage, diese aber in einem heldenhaften Kampf, der auch gefeiert und selbst mit dem berühmten, historischen Gemälde des Wiener Akademischen Malers Professor Paul Meissner verewigt wurde.

16. Mai 1931: Österreich - Schottland 5:0 (2:0)
Hohe Warte, 38.000, Schiedsrichter: Ruoff (Schweiz).

Österreich: Hiden; Schramseis, Blum; Braun, Smistik, Gall; Zischek, Gschweidl, Sindelar, Schall, Vogl.

Schottland: Jackson; Blair, Nilboe; McNab, Walker, McDougall; Lobe, Robertson, Patterson, Eason, Liddel.

Tore:
1:0 (27.) Schall
2:0 (29.) Zischek
3:0 (49.) Vogl
4:0 (69.) Zischek
5:0 (79.) Sindelar

Olaf Brockmann

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