08.05.2021 13:55 |

Online-Shopping

„Wir können mit den Großen nicht mithalten“

„Nur mit einem Web-Shop kommt man durch die Krise“, hieß es vor einem Jahr. Warum die Realität im lokalen Einzelhandel anders ausschaut und nur wenige wirklich zweigleisig fahren:

Laut Statista haben im vergangenen Jahr 66,3 Prozent der Österreicher im Alter von 16 bis 74 Jahren Online-Käufe getätigt - ein Anstieg von 3,9 Prozent zu 2019. In der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen waren es sogar 87,4 Prozent. Eine Entwicklung, die schon seit einigen Jahren anhält, aufgrund der Lockdowns und anderer Corona-Maßnahmen jedoch massiv an Fahrt aufgenommen hat. Neben österreichweiten Förderangeboten, mit denen externe IT-Dienstleister einen Webshop aufbauen sollten, stellten 2020 auch die Bundesländer zusätzliche Förderungen zur Verfügung.

Regionalen Handel unterstützen
Folglich ließen einige Einzelhändler einen Online-Store aus dem „digitalen Boden“ stampfen, galt er doch plötzlich als die Lösung in der Krise. Andere wiederum entschieden, ihre Produkte über große Portale anzubieten. Und zwar nicht nur auf Amazon, sondern auch auf heimische Lösungen wie etwa „shoepping.at“. Zudem gibt es seit einem Jahr etliche Plattformen, auf denen man sich als Händler eintragen kann, um schlussendlich in einer Liste gefunden zu werden - vorausgesetzt natürlich, der Kunde tut sich die Arbeit an. Das ist allerdings nicht die Regel: Freilich gibt es Kunden, die sich ganz bewusst dafür entschieden haben, in Zeiten der Krise den regionalen Handel zu unterstützen. Am Ende des Tages aber geht es den meisten aber darum, möglichst unkompliziert und - leider - auch möglichst billig an das gewünschte Produkt zu kommen. Was aus Kundensicht durchaus verständlich ist, ist für den Händler allerdings oft nicht machbar - und zwar nicht nur wegen der zum Teil recht hohen Kosten für die Erstellung eines Online-Shops. 

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Einen Online-Shop aktuell zu halten, ist ein enormer Aufwand. Abgesehen davon lebt unser Geschäft von der Beratung.

Christoph Miessgang

Der Aufwand ist schlicht zu hoch
Für die Modekette „Façona“, die vier Standorte in Vorarlberg betreibt, würde ein eigener Web-Store schlichtweg keinen Sinn machen, wie Geschäftsführer Christoph Miessgang erklärt: „Einen Online-Shop aktuell zu halten, ist ein enormer Aufwand. Jedes Stück muss mehrmals fotografiert werden, bevor es mit passenden Infos eingepflegt werden kann. Versand und Bearbeitung der Retourware gehören ebenfalls bedacht. Abgesehen davon lebt unser Geschäft von der Beratung.“

Beratung ist wichtig
Beim Feldkircher Musikinstrumentegeschäft „zusammenklang“ setzt man ebenfalls auf Service und Qualität: „Der Kunde möchte ein Instrument zuerst ausprobieren. Jede Gitarre, jedes Schlagzeug, ja sogar jedes einzelne Schlagzeugbecken klingt unterschiedlich. Beratung ist da sehr wichtig“, sagt Geschäftsführer Fabio Böckle. Natürlich werden auch Instrumente online gekauft - unter anderem bei Thomann, dem, wenn man so möchte, „Amazon des Musikhandels“. Ist man unzufrieden, schickt man das Instrument einfach zurück. Für einen lokalen Fachhändler wie „zusammenklang“ wäre das ein zusätzlicher logistischer Aufwand. Doch nicht nur aus diesem Grund habe man darauf verzichtet, einen eigenen Web-Shop einzurichten, so Böckle: „Im Internet geht es nur um den Preis. Ein Großkonzern kauft in großen Mengen ein und kann entsprechende Preise machen. Da können wir nicht mithalten.“

Online folgt einer ganz anderen Logik
Selbst „ediths“, Spezialist für skandinavische Wohn- und Lifestyleartikel in Bizau und Dornbirn, verkauft nicht online - nicht mehr, wohlgemerkt: „Wer mit einem Web-Shop Geld verdienen möchte, muss das wirklich professionell machen“, weiß Remo Klinger, der zusammen mit seiner Frau Edith das Unternehmen führt, aus eigener Erfahrung, schließlich ging man bereits 2016 mit einem Shop online. 2018 wurden die digitalen Türen wieder geschlossen. „Online hat mit dem stationären Einzelhandel nichts mehr zu tun, das sind zwei völlig unterschiedliche Geschäftsfelder“, ist Klinger überzeugt. Es nimmt somit kein Wunder, dass es weltweit nur sehr wenige Unternehmen im B2C-Bereich gibt, die in beiden Feldern erfolgreich sind. Das Ländle macht hier keine Ausnahme. Daran hat auch Corona nichts geändert.

„Krone“-Kommentar: 
Wer zahlt, schafft an
In den drei letzten Monaten des Jahres 2020 knackte Amazon erstmals die Umsatzmarke von 100 Mrd. Dollar pro Quartal. Der Gewinn belief sich 2020 auf 21,3 Mrd. Dollar - ein Anstieg um 84 (!) Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Ja, Corona macht die Reichen noch reicher und spielt im Online-Bereich jenen zu, die hier schon gut aufgestellt waren. Und das war bei Amazon definitiv der Fall, schließlich ging Jeff Bezos (mit einem Vermögen von 189 Mrd. Dollar der reichste Mensch der Welt) bereits 1994 online. Dass Arbeitsbedingungen und Entlohnung bei Amazon mehr als problematisch sind, ist bekannt. Außerdem stößt vielen sauer auf, dass das Unternehmen - wie andere Internetriesen auch - so gut wie keine Steuern zahlt. In Österreich überhaupt keine, da die europäische Unternehmenszentrale im Niedrigsteuerland Irland beheimatet ist. Um den Unternehmensgewinn hierzulande zu dezimieren, zahlt die österreichische Tochtergesellschaft hohe Lizenzgebühren an die Mutter in Irland. Das ist legal. Niemand zahlt gerne Steuern. Allerdings werden davon unter anderem auch Sozialleistungen, Pensionen, das Bildungs- und nicht zuletzt das Gesundheitswesen finanziert. Vielleicht also sollte man sich vor dem nächsten Online-Shopping-Bummel fragen, ob man nicht doch lieber beim Händler ums Eck einkaufen sollte - der zahlt nämlich sehr wohl Steuern.

Christiane Mähr
Christiane Mähr
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