29.04.2021 13:53 |

Veteran beleidigt

Abgemagerter Nawalny stand wieder vor Gericht

Der inhaftierte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny war nach der Beendigung seines mehr als dreiwöchigen Hungerstreiks und erstmals seit seiner Inhaftierung vor 100 Tagen wieder in der Öffentlichkeit zu sehen. Per Videoverbindung wurde der 44-jährige, kahl geschorene und erschlankte Oppositionspolitiker zu einer Gerichtsanhörung vom Straflager aus zugeschaltet. Nawalny war im Februar zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden, weil er einen Weltkriegsveteranen verunglimpft hatte. Er sprach über seinen Essensentzug und sorgte außerdem für einen kurzen romantischen Moment mit Gattin Julia.

Nawalny hatte das Verfahren, bei dem auch seine Frau Julia anwesend war, als politisch motiviert bezeichnet. Hintergrund war seine Kritik an einem Video, das das Staatsfernsehen im vergangenen Sommer ausgestrahlt hatte. Darin warben mehrere Bürger - auch ein 94-jähriger Veteran - für eine Verfassungsänderung, die der Sicherung von Putins Macht dient. Nawalny beschimpfte die Protagonisten auf Twitter damals als „Verräter“. Das wurde ihm als Veteranenbeleidigung ausgelegt.

Nawalny-Unterstützer extremistisch?
Das Unterstützerteam des Kreml-Kritikers erklärte, dass es sein Netzwerk regionaler Mitstreiter-Gruppen aufgelöst habe, nachdem die Staatsanwaltschaft Anfang der Woche ihnen alle Aktivitäten verboten hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft den Gruppen vor, die politische Lage destabilisieren und eine Revolution auslösen zu wollen. Das Verbot soll bis zum Abschluss eines Gerichtsverfahrens gelten, in dem es um die Einstufung der Unterstützer als extremistisch gehe. Nawalny gab sich in der Anhörung kämpferisch: Die Argumente der Beschwerde unterstütze er. Doch Dokumente und Unterschriften seien gefälscht worden, der Veteran würde nur als „Marionette“ herhalten, berichtete zona.media.

Romantischer Moment zu Prozessende
In der Gerichtspause kam es noch zu einem romantischen Moment. „Julia, wenn du mich hörst, steh für eine Sekunde auf, ich will dich ansehen“, so Nawalny zu seiner Frau. Julia erhebte sich. Navalny freute sich: „Ich bin schrecklich froh, dich zu sehen.“ Sie antwortete: „Und ich, dich zu sehen!“ Er witzelte über seine Gewichtsabnahme, so dünn (etwa 72 Kilo bei fast 1,9 Meter Körpergröße) sei er zuletzt in der vierten Klasse gewesen. Er sähe aus „wie ein Skelett“. Nawalny hatte am Freitag seinen am 31. März begonnenen Hungerstreik beendet, mit dem er eine bessere medizinische Behandlung in der Haft erwirken wollte. Auch über diese drei Wochen sprach er kurz.

„Anscheinend wird Putin gefragt“
„Gestern habe ich vier Esslöffel Brei pro Tag gegessen, heute fünf, morgen sechs. Ich warte auf zehn Löffel - das wird ein Durchbruch“, so Navalny über seinen Ausstieg aus dem Hungerstreik. „Ich habe eine Petition geschrieben, damit man mir 60 Gramm Karotten gibt.“ Sein Arzt hätte ihm Salat empfohlen, diesen erhalte er nicht: „Vielleicht muss ich die Setzlinge selbst am Fensterbrett ziehen“, zeigte er Humor.

Vier Tage hätte es gedauert, bis man ihm einen Apfel gegeben hätte: „Anscheinend wird Putin gefragt“. Er ernähre sich von Haferbrei und Suppen, selbst ordinäres Gemüse wie Karotten sei „zu exotisch“. Nawalny wollte von seiner Frau auch wissen, ob noch immer alle in Moskau Masken trügen.

Schlussendlich bestätigte die Richterin des Bezirksgerichts Babuschkinski, Natalya Kurysheva, das Urteil im Fall der Verleumdung eines Veteranen und weigerte sich, der Berufung nachzukommen.

Mara Tremschnig
Mara Tremschnig
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