Keine freien Betten

Mediziner: Covid-Patienten werden „abgewimmelt“

Wien
23.03.2021 20:18

Besonders im Osten des Landes spitzt sich die Lage aufgrund der rasant steigenden Corona-Fallzahlen immer weiter zu. Seit Beginn der Krise waren noch nie derart viele Menschen in intensivmedizinischer Behandlung wie aktuell. Ein Mediziner schlägt nun Alarm: Bereits jetzt müsse entschieden werden, für welche Patienten sich eine solche Behandlung noch lohnt.

Alleine über das Wochenende seien 27 neue Corona-Fälle auf den Intensivstationen dazugekommen, rechnet Wolfgang Hagen vom Krankenhaus Wien-Hietzing auf Twitter vor. Obwohl es ein „schmaler Grat“ zwischen Informieren und Schockieren sei, beschloss der Internist, auf die dramatische Situation in den Spitälern aufmerksam zu machen.

Als er am Montag seinen Dienst antrat, wurde ihm mitgeteilt, dass das letzte regulär in Wien verfügbare Corona-Intensivbett in seiner ansonsten voll belegten Station frei sei. Zwar gebe es noch einzelne Notbetten, jedoch kein Personal dafür, schildert der Mediziner weiter.

Freie Betten gibt es zwar noch - jedoch nicht mehr ausreichend geschultes Personal. (Bild: stock.adobe.com)
Freie Betten gibt es zwar noch - jedoch nicht mehr ausreichend geschultes Personal.

Triage schon in Umsetzung
Und dann kam, was kommen musste: Der Zustand eines weiteren Covid-Patienten verschlechterte sich rasant und stellte den Arzt vor eine schwierige Entscheidung - das letzte Notfallbett „opfern und dann ,zu‘ sein“ oder für eine jüngere Person ohne Vorerkrankungen freihalten, die größere Überlebenschancen hätte. Eine Vorgangsweise, die als Triage bezeichnet wird.

Schlechter Zustand wegen „Grippe“
Hagen entschied sich, den Patienten nicht in die Intensivstation zu verlegen. Der betroffene Patient wird stattdessen in das letzte Bett der Lungenfachabteilung überstellt. Der Mann äußerte zuvor seine Angst vor einem „Ersticken“, seine weinende Tochter wollte nicht verstehen, warum es dem Vater „wegen ,Grippe‘“ so schlecht gehe. „Wir tun alles für Sie“, habe Hagen geantwortet, wissend, dass das nicht ganz den Tatsachen entspricht. „Ich habe ihm die ICU (Anm.: das Intensivbett) verwehrt“, resümiert der Internist seine Gewissensbisse.

Am Abend trifft dann schließlich der nächste Covid-Notfall auf seiner Station ein - mit einer verbleibenden Sauerstoffsättigung von 50 Prozent. Das Rettungsprotokoll habe die Verzweiflung der Sanitäter erahnen lassen, schildert Hagen. Der Rettungswagen sei von mehreren Krankenhäusern „abgewimmelt“ worden, da alle Bettenplätze belegt gewesen seien.

Junge belegen Intensivstationen
Derlei Situationen werden sich in nächster Zeit wohl häufen. Ganz wesentlich mitverantwortlich dafür ist die zunehmende Verbreitung der britischen Virusmutation B.1.1.7, die zunehmend auch jüngere Menschen betrifft und auch bei ihnen für schwere Krankheitsverläufe sorgt. Da diese meist ein stärkeres Immunsystem aufweisen als ältere Personen, ist es wahrscheinlicher, dass sie auch die intensivmedizinische Behandlung überleben - dies hat aber auch den tragischen Effekt, dass die Intensivbetten dadurch länger belegt sind.

Man könne jedenfalls „nicht ruhig zusehen“, wie über weitere Öffnungsschritte debattiert wird und Corona-Skeptiker „durch Wien ziehen“, während „die Intensivversorgung zusammenbricht“, mahnt Hagen.

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