05.02.2021 06:00 |

Die Lage ist ernst

Kampf um Tirol hinter verschlossener Türe

Zwischen Unter- und Überreaktion: In Tirol breitet sich die Corona-Variante aus Südafrika aus. Die Regierung schließt eine Isolierung des Bundeslandes nicht aus, Landeshauptmann Günther Platter wehrt sich. Was man weiß.

Alleine am Donnerstag verzeichnete die Virologin Dorothee von Laer in Tirol 45 Corona-Fälle mit Verdacht auf die südafrikanische Mutation. Heißt, 45-mal hat ein besonders sensibler PCR-Test angeschlagen. Endgültig bestätigt können die Verdachtsfälle erst durch eine Sequenzierung werden, in den meisten Fällen erhärte sich der Verdacht - sagt auch das Gesundheitsministerium.

Die Lage in Tirol ist also, einmal mehr, ernst, wie auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Donnerstag betonte. Beratungen laufen rund um die Uhr, die Regierung macht dem Vernehmen nach ordentlich Druck, härtere Maßnahmen zu setzen, von der Abschottung einzelner Gebiete bis hin zur Isolierung des ganzen Bundeslandes. Der Tenor aus Regierungskreisen: Es gibt allen Grund zur Sorge.

Nur einer scheint die nicht zu haben: Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Der schloss am Donnerstag eine Isolation seines Bundeslandes aus und argumentierte damit, dass die Variante aus Südafrika nur 75-mal gefunden wurde – und nur noch fünf Betroffene als aktiv positiv gelten.

„Tatsache, dass in Tirol Ausbreitung groß ist“
Wie geht sich das aus? „Es sind vier verschiedene Labore beteiligt“, bringt Andreas Bergthaler von der Akademie der Wissenschaften Licht ins Zahlendunkel. Platter beziehe sich auf das „Imba“-Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, doch selbst dort seien mittlerweile weitere Fälle detektiert worden, erklärt Bergthaler. „Es ist eine Tatsache, dass es in Tirol eine erstaunlich hohe Anzahl der südafrikanischen Variante gibt, definitiv mehr als 75 und – so mein Eindruck – mehr als sonst wo in Europa.“

Bergthaler hat keine Zweifel an von Laers Ergebnissen. Tirol will aber statt auf eine Isolierung auf mehr Tests und Kontaktverfolgung setzen. Indes wächst aber der Druck aus den Expertenreihen, schon bei den Beratungen am Montag warnte von Laer eindringlich vor der Ausbreitung der Mutationen. Trotzdem wurden die Lockerungen ab Montag beschlossen.

Experten warnen: Faktor Mensch nicht vergessen
„Es ist eine schwierige Situation“, sagt auch Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. „Man kann eine Mutation, die da ist – und einen Überlebensvorteil hat – nicht isolieren und ausrotten, aber man kann die Ausbreitung geografisch bremsen, um Zeit zu gewinnen“, schildert er und hängt das große Aber dran: „Der psychosoziale Druck, die pandemische Müdigkeit, die Zermürbung der Bevölkerung – auf all das muss man Rücksicht nehmen“, betont er. Denn alles zuzusperren – „so einfach darf man es sich nicht machen.“

In dasselbe Horn stößt auch Infektiologe Günther Weiss: „Bei allen Kalkulationen und Modellen ist der Faktor Mensch die Variable, die man wahrscheinlich am wenigsten berücksichtigt hat, die aber gleichzeitig die größte Rolle spielt.“ Er spricht sich klar gegen eine Isolierung aus. Es gehe nun darum, „die Menschen wieder ins Boot zu holen“.

Vorwurf der mangelnden Transparenz
Das tat die Politik seit Beginn der Pandemie nicht, sagt Psychologin Barbara Juen. „Es fehlt von hinten bis vorne an Transparenz“, betont die Expertin. Denn wenn Virologin von Laer davon spreche, dass sich die Variante schon in die Täler hinein ausbreitete und sie täglich 20 bis 30 neue Fälle finde, während der Landeshauptmann von insgesamt 75 Fällen spricht – „dann ist das nicht transparent, sondern empörend“, sagt Juen. Wie solle man sich da noch auskennen? Die Menschen „fühlen sich immer mehr wie unmündige Kinder, die nicht eingebunden werden“ – aber sie müssen informiert werden, wer, wann und auf Basis welcher Informationen Entscheidungen trifft, damit auch das mit der Partizipation klappt.

Aber: Genau das passiert nicht. Die Beratungen bleiben einmal mehr hinter verschlossenen Türen. Bis Sonntag will man eine Entscheidung treffen. Auch von Laer vertritt die Meinung, man habe noch ein, zwei Tage Zeit, doch spätestens dann müsste man reagieren, warnt sie vor einem „zweiten Ischgl“.

Wie die Variante überhaupt nach Tirol kam, ist übrigens immer noch unklar, der Leiter des Tiroler Corona-Krisenstabes war am Donnerstag den ganzen Tag über nicht erreichbar.

Anna Haselwanter, Kronen Zeitung

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