02.12.2020 14:00 |

Erfahrungsbericht

Stapel bis unter die Dächer

Alle Jahre wieder: Bei der Post rumort es an Weihnachten. Der Lockdown hat den Online-Handel zusätzlich angeheizt. Die Pakete stapeln sich mittlerweile bis unter die Dächer der Verteilzentren. Die Postler seien komplett am Anschlag, wie einer der Betroffenen der „Krone Vorarlberg“ erzählt hat.

Fritz (Name von der Redaktion geändert, Anm.) möchte anonym bleiben, weil er Angst vor Konsequenzen seitens des Postmanagements hat. Er gibt einen dramatischen Einblick in den Alltag der Zusteller in Vorarlberg. Fritz ist eigentlich Briefzusteller. Er transportiert aber auch bis zu zwei Kilogramm schwere Kleinpakete auf seinem Fahrrad. Um den Berg an Arbeit bewältigen zu können, belädt er sein E-Bike schon mal mit bis zu 50 Paketen pro Fahrt. Diese muss er festzurren, damit nichts verloren geht. „Wir wissen gar nicht mehr, wie wir die Pakete auf unser Rad laden sollen, ohne mit der Polizei wegen der Ladegutsicherung in Konflikt zu kommen.“ Die Exekutive hätte ihn bereits mehrfach angehalten und ermahnt, bislang sei er aber ohne Strafe davongekommen.

Sein Dienst beginnt um neun Uhr. Das ist zwei Stunden später als sonst, weil das Management die Dienste coronabedingt geteilt hat, damit sich die Mitarbeiter in den Dienststellen nicht begegnen. Die anderen fangen schon um sieben Uhr an. Der Nachteil seiner „Spätschicht“ ist, dass er bis weit in den Abend hinein ausliefern muss und dann auch noch Überstunden anfallen. „Dein Familienleben wird kaputt gemacht. Selbst Einkaufen ist fast unmöglich.“

Ein weiteres Problem: Aufgrund der früh einsetzenden Dämmerung wird sogar das Entziffern der Adressen zu einer Herausforderung. Darauf hingewiesen, habe ein Vorgesetzter lapidar angemerkt, dass es im hohen Norden immer dunkel sei und dort würde ja schließlich auch Post zugestellt. Für Unmut bei den Angestellten sorgt auch der miserable Zustand der E-Bikes, bei denen teilweise nicht einmal das Licht funktioniert: „Die Räder werden viel zu wenig gewartet. Das monieren wir schon seit Langem, aber passiert ist nichts.“ Stattdessen hat die Post den Mitarbeitern nun Stirnlampen zur Verfügung gestellt. „Das ist einfach nur zynisch“, ärgert sich Fritz. „Wenn ein Unfall passiert, sind wir auch noch selbst schuld.“

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Die Räder werden viel zu wenig gewartet.Wenn ein Unfall passiert, sind wir auch noch selbst schuld.

Fritz

Obwohl er den Job nun schon einige Jahre macht, hat er so eine Flut an Paketen wie dieses Jahr noch nie erlebt: „Viele von uns arbeiten mehr als zehn Stunden jeden Tag, damit wir mit der Arbeit nachkommen. Nach zehneinhalb Stunden stempeln wir aus und arbeiten sogar gratis weiter.“

Warum er und seine Kollegen das machen? „Aus Angst, vor Unannehmlichkeiten oder dem Jobverlust“, gesteht der Postler. Denn einer Beschwerde folgt in der Regel der Rapport beim Vorgesetzten. Die Angst , die Arbeit zu verlieren, geht also um. Seinen Kollegen, die Großpakete zustellen, gehe es ähnlich. „Sie arbeiten ebenfalls total am Anschlag“, berichtet Fritz. „Die Autos sind jeden Tag so vollgepackt, dass wirklich nichts mehr reingeht und trotzdem stapeln sich noch die Pakete in den Verteilzentren.“

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Die Autos sind jeden Tag so vollgepackt, dass wirklich nichts mehr reingeht und trotzdem stapeln sich noch die Pakete in den Verteilzentren

Fritz

Als wäre die schiere Menge der Pakete nicht schon Challenge genug, macht auch deren Größe und Gewicht den Zustellern zu schaffen. So landen etwas auch Kühlschränke, Fernseher oder Rasenmäher im Kofferraum der Paketzusteller - und das, obwohl eigentlich nur Waren mit maximal 30 Kilogramm befördert werden dürften. Wie das sein kann? Viele Unternehmen, vor allem Versandhäuser, würden bei den Paketdaten einfach tricksen und so landen die „Schwergewichte“ in den Postverteilzentren, erklärt Postgewerkschafter Franz Mähr.

Damit die Zustellung nicht ganz kollabiert, hilft Fritz sogar am Wochenende aus. Was aber nichts am Umstand ändert, dass die Kunden sich über die Verzögerungen beschweren. „Blöde Kommentare sind wir gewohnt. Die Kunden wissen nicht, unter welch enormen Druck wir stehen.“

Da wundert es nicht, dass die Stimmung unter den Mitarbeitern extrem angespannt ist: „Wir sind alle am Limit. Dass wir unter solchen Umständen arbeiten müssen, ist ein Armutszeugnis seitens des Managements“, findet Fritz klare Worte. Der Postler und seine Kollegen wünschen sich, dass die geteilten Dienste wieder aufgehoben werden, zudem sei es unumgänglich, den Personalstand aufzustocken. „Und auch ein bisschen mehr Dankbarkeit von Seiten der Kunden wäre schön!“

Philipp Vondrak

 Vorarlberg-Krone
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