04.09.2020 06:00 |

Neues Album „Panther“

Pain Of Salvation: Prog-Rock mit Bildungsauftrag

Die Schweden Pain Of Salvation waren schon immer die „etwas andere“ Prog-Band und versuchen tatsächlich, mit jedem Album neue Gebiete zu erforschen. Auf „Panther“ befasst sich Frontmann Daniel Gildenlöw vor allem mit dem missverstandnen Individualismus in einer Welt voller Normen. Mehr dazu bei uns im Interview.

Wer schon immer auf der Suche nach dem etwas anderen Prog-Metal war, der konnte an Pain Of Salvation unmöglich vorbeischrammen. Die Band rund um Mastermind und Workaholic Daniel Gildenlöw feiert im nächsten Jahr bereits ihren 30. Geburtstag und ging durch alle nur erdenklichen Höhen und Tiefen, die von anfänglicher Unverständnis der Kritiker über zahlreiche Besetzungswechsel bis hin zu einer lebensbedrohlichen Krankheit des Masterminds reichte, die er auf dem 2017er-Werk „In The Passing Light Of Day“ verarbeitete. Zu allem Überfluss habe sich bereits im Spätfebruar Corona in seinen Körper geschlichen, wie Gildenlöw der „Krone“ im ausführlichen Gespräch erzählt, das - typisch für den sympathischen und wortgewandten Schweden - längst nicht nur um Musik und PR-Arbeit, sondern vielmehr um philosophische und existenzielle Fragen der Menschheit dreht.

Individualistischer Ansatz
Pain Of Salvations Sound ist eine Mischung aus vertrackter Gitarrenarbeit, Gildenlöws über mehrere Oktaven reichende Singstimme, polyrhythmischer Einsprengsel und partiell eingesetzten Zweit- und Chorstimmen. Zudem begnügt sich der Frontmann nicht mit zwanghaft zusammengebastelten Texten, sondern setzt jedes seiner mittlerweile elf Alben unter einen konzeptionellen Bogen. Diese Konzepte vermischen Gildenlöws eigene Erfahrungen und Erinnerungen mit sozio- oder gesellschaftskulturellen Fragen, die nicht zwingend Lösungen aufweisen, aber stets zur Diskussion anregen sollen. So auch auf dem brandneuen Langspieler „Panther“, der sich groß zusammengefasst jenen Menschen entwickelt, die große Passionen und Leidenschaften entwickelt haben und dadurch nicht in die reale Welt des immer größer werdenden Durchschnitts passen. „In gewisser Weise ist ,Panther‘ nicht nur ein Nachfolger des letzten Albums, sondern auch von ,The Perfect Element‘ aus dem Jahr 2000. Dort ging es grob um Individualismus und das persönliche Herausfinden, wer man selbst im Vergleich zur definierten Norm überhaupt ist.“

Bereits der Song „Full Throttle Tribe“ auf dem Vorgängeralbum kann als Prequel zu „Panther“ gesehen werden. Auch dort warf Gildenlöw die Frage nach gesellschaftlichen Normen auf - und kam von diesem Gedankenexperiment nicht mehr ab. „Wäre ich heute ein Kind, würde bei mir mit Sicherheit ADHS diagnostiziert werden. So wie bei wahrscheinlich 100 Prozent künstlerisch tätiger Menschen. Es geht darum, dass man als Kind vermeintliche Verrücktheiten entdeckt und dann von der normierten Gesellschaft kleingedrückt wird. Plötzlich wirkt etwas, was du an dir selbst erlebst, befremdlich. Du musst einen Weg finden, deine Gefühle so auszudrücken, dass sie eigenständig bleiben, aber trotzdem nicht das Gros der Menschen verstört. Ich bin heute selbst Lehrer und sehe diese Thematik bei Kindern täglich. Die Kids haben keine Funktionsstörungen, sondern gehen einfach anders mit der Realität um. Das sollten wir tolerieren, akzeptieren und fördern.“

Motorisierte Metapher
Um einen Vergleich zwischen der sogenannten Norm und den anderen zu erklären, verwendet Gildenlöw privat gerne eine Auto-Metapher. „Rallyeautos und Formel-1-Autos sind genauso großartig wie ein normaler Straßenwagen. Aber all diese Wägen funktionieren nur in der richtigen Umgebung. Der Formel-1-Wagen auf der Rennstrecke, das Rallye-Auto auf wildem Untergrund, der Straßenwagen im Alltag. Und genau so muss man mit den Kids umgehen. Alle haben ihre Stärken, sie müssen nur richtig erkannt und gefördert werden.“ Die erzieherische Botschaft des Albums kann Gildenlöw als Lehrer nicht ganz ablegen, auch wenn er sich der Thematik in den neun Songs bewusst vielseitig nähert und diese in drei größere Kapitel unterteilt hat, die doch wieder sehr persönlich ausgefallen sind. „Ich vermische Persönliches mit Fiktivem und gebe nicht alles von mir preis, aber ich habe schon öfters betont, dass ich mich manchmal wie ein Panther in einer Welt voller Hunde fühle. Auch mir wurden meine Stärken als Abnormität erklärt. Grob erstrecken sich die Kapitel des Albums um die Gefühle als Kind, wie man als Teenager in einer genormten Welt aufwächst und am Ende um das Erwachsensein, wo man die Checkpoints des Lebens noch einmal Revue passieren lässt.“

Gildenlöw sieht bei der Thematik nicht zu Unrecht einen Widerspruch zwischen Wunschvorstellung und Realität. „Die westliche Kultur, die eigentlich schon eine globale ist, pocht vehement auf das Verstehen von Unterschieden, Toleranz und Respekt. Alles gute Dinge, gar keine Frage! Aber in Wirklichkeit sieht es oft anders aus. Da wird Kids mit ADHS-Diagnose eine Persönlichkeitsstörung attestiert und oft werden sie aus genormten Klassen geworfen. Ich will nur darauf hinweisen, dass so ein Verhalten nicht abnormal ist. Solche Kids können gewisse Dinge dreimal so schnell verstehen wie andere, sie können nur eben nicht dauerhaft stillsitzen. Mir ging es früher gleich und dann setzten mich die Lehrer 20 Minuten auf den Gang und glauben, damit wäre die Sache erledigt“, kann der Sänger heute sogar drüber lachen. „Ich sage den Kids natürlich, dass sie okay sind, wie sie sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die gerne über die Schönheiten des Andersseins fabuliert, aber es nicht schafft, Kinder unterschiedlich zu sehen und das schulisch umzusetzen. Das ist sehr traurig.“

Suche nach Chaos
Doch nicht nur textlich, auch musikalisch gibt es einiges zu verarbeiten. Auf „Panther“ setzt Gildenlöw vermehrt auf eine Abkehr des gängigen Prog-Metal und würzt seine Songs mit elektronischen Beats auf der einen, zarten Banjo- und Cello-Klängen auf der anderen Seite. „Ach, wir haben doch immer neue Wege gesucht, uns zu präsentieren“, winkt er den instrumentalen Quantensprung ab, „wir suchen beim Komponieren bewusst nach dem Chaos, um diese Neuerfindung jedes Mal zu erreichen. Der Titelsong entstand fast noch parallel zum letzten Album, seitdem sind gut drei Jahre vergangen und da passiert natürlich auch in der Entwicklung viel.“ „Panther“ läuft auch unter einer Stunde Spielzeit ins Ziel, was für die Band prinzipiell eher ungewöhnlich ist. „Natürlich habe ich noch mehr Material übrig“, lacht er, „aber mir wurde gesagt, ich soll einfach mal früher die Reißleine ziehen.“

Corona-bedingt hat Gildenlöw auch darüber nachgedacht, gleich ein zweites Album zu schreiben, das direkt an „Panther“ anknüpft. „Unser Keyboarder ist aber Vater geworden und Bassist Gustav Hielm kämpft schon länger gegen Stress und mentale Probleme an und hat die Band im Guten verlassen. Als dann Corona kam, war auch das Label schnell an neuem Material interessiert und durchaus überrascht davon, dass ich die Hälfte quasi schon fertig hatte. Eigentlich sind wir bei weitem keine so durchgeplante Band, wie das oft nach außen wirkt, sehr viel passiert intuitiv und spontan. Wir werden sehen, wann es mit neuen Songs weitergeht.“ Da sich an der Livesituation zumindest 2020 nicht viel zu verbessern scheint, haben Pain Of Salvation Zeit, sich für ein hoffentlich besseres 2021 zu wappnen. „Meine Frau und ich haben im Norden Schwedens eine kleine Hütte ohne fließendes Wasser, aber mit Strom. Da war ich unlängst ganz allein für vier, fünf Tage, um einfach zu singen, zu schreien und Ideen zu Papier zu bringen. Dort kann ich niemanden stören. Mein Leben ist so vollgetaktet, dass ich mich oft bewusst aus ihm herausnehmen muss.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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