15.08.2020 11:50 |

Carmelo Ezpeleta

Spielberg: Das plant der Boss der MotoGP

Seit 1992 besitzt das spanische Sportmarketing-Unternehmen Dorna Sports S. L. die kommerziellen Rechte für den MotoGP-Sport. CEO Carmelo Ezpeleta gilt als erfolgreicher Macher, der die Taten den Worten vorzieht. Mit den Kollegen des „Red Bulletin“ redet er trotzdem.

„The Red Bulletin“: In der tiefsten Lockdown-Zeit im April befürchteten manche Teammanager einen Restart der Saison erst im September oder Oktober oder im schlimmsten Fall den völligen Ausfall der Saison2020. Wie kam es zur aktuellen Lösung mit dreizehn Events auf sieben Strecken in Europa?
Carmelo Ezpeleta: Wir hatten drei Pläne erarbeitet. Plan A sah dreizehn Events in Europa vor. Diesen haben wir dann durchgesetzt. Die anderen Konzepte wurden verworfen.

Inzwischen kann man es ja verraten: Wie hätten die anderen beiden Pläne ausgesehen?
Plan B hätte zehn Grands Prix auf drei Strecken bedeutet. Plan C hätte sechs Grands Prix auf einer einzigen Strecke vorgesehen.

Da hatten wir ja richtiges Glück. Aber es musste bei den Behörden in allen Ländern ein rigoroses „closed doors protocol“ vorgelegt werden, das erstmals seit Bestehen der WM 1949 keine Zuschauer erlaubt. 
Üblicherweise haben wir ungefähr 3000 Personen im Paddock. Unter den gegebenen Umständen haben wir das Aufgebot auf 1600 beschränkt und vereinbart, dass jedes MotoGP-Werksteam 45 Mitglieder mitbringen darf, jedes MotoGP-Privatteam 25. In der Moto3 und Moto2 haben wir je zwölf Teammitglieder erlaubt - inklusive Fahrer. Allen Teamgästen mussten wir den Zutritt verweigern, auch allen schreibenden Journalisten. Die Anzahl der Fotografen wurde auf zehn beschränkt, auch die Anzahl der TV-Berichterstatter wurde drastisch reduziert. Dafür wollten wir unbedingt den Red Bull Rookies Cup und den MotoE-Weltcup austragen, was uns ja auch gelungen ist.

Normalerweise bezahlt ein europäischer GP-Veranstalter rund vier Millionen Euro Austragungsgebühr an die Dorna. Diese Kosten werden mit dem Verkauf von Eintrittskarten erwirtschaftet. Diese Quelle fällt wegen der aktuellen Umstände aus. Wie geht die Rechnung dennoch auf?
Aus genau diesem Grund mussten wir ja auch einige Events absagen. Doch wir haben mit Politikern und Regionen verhandelt. Unsere laufenden Kosten für die Austragung der Grands Prix wurden durch neue Sponsorship-Vereinbarungen gedeckt. In der Praxis funktioniert das so, dass diese Beträge zum Beispiel von manchen Regionen übernommen wurden, um im Gegenzug mittelfristig den Tourismus anzukurbeln.

Alle 42 GP-Teams sind sich einig, dass die Dorna die Krise mit viel Umsicht bewältigt hat. Manche sagen sogar: besser als die Formel 1. So bekamen die privaten MotoGP-Teams von April bis inklusive Juli monatlich 250.000 Euro ausgeschüttet …
Im GP-Sport sind wir eine kleine, überschaubare Gruppe. Wir standen immer in Kontakt mit Herstellern und Teams. Unser Vertrag mit dem Weltverband FIM läuft bis Ende 2041. Wir können also langfristig planen. Und unser Großaktionär Bridgepoint hat viel Verständnis gezeigt, als wir den Teams über die schwere Zeit ohne Einnahmen hinweggeholfen haben. Auch die Rennställe in der Moto3 und Moto2 wurden entsprechend entschädigt.

Mit den MotoGP-Werken wurden neue Sparmaßnahmen vereinbart, korrekt?
Ja, wir haben die Wildcard-Einsätze - also Einzelstarts mit Fahrern, die keine Stammkräfte sind - 2020 für alle MotoGP- Werke verboten. Das spart Geld und hilft mit, den Personalstand im Fahrerlager gering zu halten. Dazu haben wir den Top-Teams private Testfahrten untersagt. Nur die Neueinsteiger KTM und Aprilia dürfen 2020 mit ihren Stammfahrern testen. Die Motorräder aller drei Klassen werden auch für 2021 homologiert bleiben. Die Weiterentwicklung ist also stark eingeschränkt, was viel Geld spart. Da jetzt nur dreizehn MotoGP-Rennen statt zwanzig stattfinden, dürfen die Werksteams bloß fünf statt sieben Motoren pro Fahrer und Saison verwenden.

2009 sind einst Kawasaki und Suzuki aus der MotoGP-WM ausgeschieden, wobei Letztere seit einigen Jahren ja wieder an Bord sind. Werden der MotoGP alle aktuellen sechs Werke erhalten bleiben, obwohl die Verkaufszahlen auf der Straße sinken?
Im Moment zeichnet sich kein Rückzug eines Herstellers ab. Ich hoffe, dass es so bleibt. Bisher gibt es dafür keine Anzeichen. Aber so ein Szenario kann in unserem Geschäft jederzeit passieren. Wir müssen darauf vorbereitet sein. Aber ich wiederhole: Bisher haben uns keine Signale erreicht.

Von den dreizehn MotoGP-Events finden fünf als Doppel-GP auf der gleichen Strecke statt. Auch in Spielberg wird zweimal gefahren. Ein Konzept aus der Not geboren, oder hat es auch handfeste Vorteile?
Die Doppel-Events helfen uns beim Kostensparen. Wir verlieren ohne Zuschauer die Einnahmen durch die Austragungsgebühren der örtlichen Promoter, es bleiben die Einnahmen durch die Bandenwerbung, die TV-Rechte und die GP-Namensrechte. Wenn zwei WM-Läufe an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden stattfinden, sinken die Kosten für die Airfences an der Strecke, TV-Kameras, Mikrofone und Verkabelung um die Strecke müssen nur einmal installiert werden, das senkt die TV-Produktionskosten. Dazu kommen weniger Reisespesen für alle Beteiligten, auch für die Teams, Werke und Zubehör-Industrie. Unterm Strich kostet es deutlich weniger, wenn man für zwei Wochenenden im selben Land bleiben kann, statt mit dem gesamten Tross womöglich 1000 Kilometer andie nächste Strecke zu reisen. 

Spielberg stand sehr früh als Schauplatz für die MotoGP-WM 2020 fest. Warum?Österreich war von der Pandemie weniger stark betroffen als viele andere europäische Länder. Gemeinsam mit Red Bull wurde deshalb früh ein Konzept erarbeitet. Red Bull ist für die Dorna seit vielen Jahren ein verlässlicher Partner, vom Red Bull Rookies Cup bis hin zum Saisonstart 2020 in Jerez, wo man die GP-Namensrechte erworben hat. Alles, was wir mit Dietrich Mateschitz und seinem Management bisher auf die Beine gestellt haben, ist ein Erfolg geworden.

Interview: Günther Wiesinger/The Red Bulletin

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