06.08.2020 07:43 |

Warnungen ignoriert

Beirut: Hafen-Angestellte stehen unter Hausarrest

Eine Lagerhalle mit über 2000 Tonnen hochexplosivem Ammoniumnitrat und mangelnden Sicherheitsvorkehrungen - dieses tödliche Gemisch löste die zweite massive Detonation in der libanesischen Hauptstadt Beirut aus und legte die Metropole teilweise in Schutt und Asche. Während die Zahl der Todesopfer und der Verletzten weiter steigt, läuft die Suche nach der Ursache dafür, dass es zu einem Brand und einer ersten Explosion in der besagten Halle im Hafen gekommen ist. Regierungschef Hassan Diab will die Verantwortlichen „zur Rechenschaft ziehen“ und hat als erste Maßnahme sämtliche Verantwortlichen des Beiruter Hafens unter Hausarrest gestellt. Außerdem wurde ein zweiwöchiger Ausnahmezustand ausgerufen.

Vom Hausarrest betroffen sind Personen, die in den vergangenen Jahren für die Lagerung und Bewachung von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zuständig gewesen seien, erklärte Informationsministerin Manal Abdel Samad. Unklar ist aber, wie viele Personen von dem Hausarrest betroffen sind. Die Regierung setzte zudem eine Kommission ein, die die bisher unklare Ursache der Explosion ermitteln soll. Regierungschef Hassan Diab hatte gesagt, dass die Chemikalien am Hafen jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert worden seien. Laut Beiruts Gouverneur Marwan Abbud wurde in einem Bericht von 2014 auch vor einer möglichen Explosion gewarnt.

Verhinderte die Hisbollah den Abtransport des Sprengstoffs?
Danach gab es mehrere Schreiben der Zollbehörde an ein zuständiges Gericht mit der Forderung, die gefährliche Fracht, die von einem Schiff stammt, das unter moldauischer Flagge im Jahr 2013 Richtung Mosambik unterwegs gewesen war und mitsamt der Fracht beschlagnahmt worden war, an einen sichereren Ort zu transportieren. „Mittlerweile wissen alle Beteiligten, wie gefährlich diese Materialien sind“, hieß es in einem der Briefe, aus denen die „Bild“ zitiert.

Doch zu einer Entscheidung kam es nie. Die Online-Ausgabe der „Bild“ äußert die Vermutung, dass das Ammoniumnitrat aus Angst vor der schiitischen Terrormiliz Hisbollah nicht weg befördert worden sei. Denn in einem der Briefe ans Gericht sei die Rede von einer Spezialfirma namens „Majdal Shams“. „Majdal Shams“ sei allerdings ein Ort im von Israel annektierten Golan und in bloß vier Kilometern Entfernung - auf syrischer Seite - befinde sich das Dorf Khadar, wo die Hisbollah „massive Terrorstrukturen“ unterhalte.

US-Verteidigungsminister spricht von Unfall, Trump von Bombe
Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund finden sich in Beirut bisher nicht. Auch US-Verteidigungsminister Mark Esper erklärte am Mittwoch - und widersprach damit der Einschätzung von US-Präsident Donald Trump Stunden zuvor -, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe. Die verfügbaren Informationen erlaubten noch kein abschließendes Bild, die „meisten“ Quellen gingen aber von einem Unfall aus, sagte Esper am Mittwoch. „Es ist natürlich eine Tragödie.“ Trump hatte im Gegensatz dazu gemeint, seine „Generäle“ gingen davon aus, dass es sich „um eine Art Bombe“ gehandelt habe.

Die schweren Schäden durch die Explosion in Libanons Hauptstadt machten viele Häuser unbewohnbar. Zwischen 200.000 und 250.000 Menschen hätten ihre Wohnungen und Häuser verloren, sagte Gouverneur Abbud dem libanesischen Fernsehsender MTV. Sie würden mit Lebensmitteln, Wasser und Unterkünften versorgt. Es seien Schäden in Höhe von drei bis fünf Milliarden US-Dollar entstanden - „möglicherweise mehr“, sagte er der Nachrichtenagentur NNA zufolge.

Kreuzfahrtschiff gesunken: Zwei Tote
Am Mittwoch wurde bekannt, dass ein Kreuzfahrtschiff durch die Explosion zum Sinken gebracht worden war. Dabei seien auch zwei Mitglieder der Crew der „Orient Queen“ ums Leben gekommen, hieß es seitens der Nachrichtenagentur HNA. Sieben weitere Besatzungsmitglieder haben Verletzungen erlitten. Das 1989 fertiggestellte und rund 121 Meter lange Schiff fuhr unter der Flagge der Bahamas und hatte nach Angaben des Dienstes „Marine Traffic“ Ende Juni in Beirut angelegt. „Leider wurde das Schiff, das im Hafen von Beirut anlegte, durch das Eindringen des Wassers schwer beschädigt. Alle Rettungsbemühungen waren erfolglos“, zitierte die NNA aus einer Erklärung des Eigners Mari Abu Merhi. Er trauere um die Opfer auf dem Schiff und um andere, die bei der Explosion gestorben seien.

Österreichische ABC-Soldaten stehen bereit
Die internationale Katastrophenhilfe ist mittlerweile angelaufen: Über den EU-Krisenmechanismus machte sich unter anderem aus den Niederlanden ein Team aus 70 Spezialisten auf den Weg. Italien wollte zwei Flugzeuge der Luftwaffe mit acht Tonnen medizinischer Ausrüstung entsenden. Frankreich schickte zwei Militärflugzeuge mit 55 Angehörigen des Zivilschutzes und tonnenweise Material zur Behandlung von Verletzten. Tschechien stellte ein Team zur Verfügung, das auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert ist. Auch Griechenland und Zypern schickten Rettungsmannschaften mit Spürhunden. Weitere Hilfe kam unter anderem aus Russland und der Türkei.

Bereit steht auch eine Kompanie des österreichischen ABC-Abwehrzentrums im niederösterreichischen Korneuburg. Bei einer konkreten Anfrage könnte damit die spezialisierte Einheit des Bundesheeres binnen 24 Stunden in den Einsatzraum verlegen und dort mit den Profis für Such- und Rettungsmissionen sowie für Gefahrenstoffe tätig werden.

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