17.07.2020 06:00 |

Album „Hate For Sale“

The Pretenders: Den alten Geist hervorgeholt

Es ist gerade mal knapp ein Jahr her, da legte Chrissie Hynde ein Jazz-Balladen-Soloalbum vor und sagte in einem Interview: „Na ja, der Rock‘n‘Roll ist ziemlich durch.“ Junge Menschen wollten doch heute „wirklich nicht die Musik hören, die die Eltern mochten“ - also zum Beispiel Punk und Hardrock. Und was tut Hynde jetzt? Sie veröffentlicht eine Platte mit Punk und Hard Rock.

Und das auch noch an der Spitze jener Band, mit der sie vor gut 40 Jahren zur coolsten Frau im Popbusiness avancierte: den Pretenders. Auf Promo-Bildern schaut die inzwischen 68-jährige Sängerin gewohnt trotzig in die Kamera, Lederjacke und enge Jeans sitzen perfekt. Die beste Nachricht aber, zumindest für alle Pretenders-Fans, die mit Punkpop-Liedern wie „Stop Your Sobbing“ (1978) oder der Nummer-eins-Single „Brass In Pocket“ (1979) aufwuchsen: Das elfte Studioalbum „Hate For Sale“ ist eine tolle halbstündige Zeitreise.

Alles beim Alten
Die Gitarren röhren, der Bass bollert herrlich altmodisch drauflos, das Schlagzeug des zweiten verbliebenen Original-Bandmitglieds Martin Chambers tritt kräftig in den Allerwertesten. Und Hynde singt mit jung gebliebener Stimme besser als vor 40 Jahren.

„Ich habe immer noch eine Punk-Haltung“, sagt die US-Amerikanerin jetzt im Gespräch mit dem „Sydney Morning Herald“, als wenn es das reife, jazzige Solo-Alterswerk „Valve Bone Woe“ (2019) nicht gegeben hätte. Sie bemüht sich gar nicht erst, den Widerspruch aufzulösen. Zumal „Hate For Sale“ nach ersten Kritikerreaktionen ja auch hochwillkommen ist als Zurück-zu-den-Wurzeln-Werk. „Punk kam daher und hat alles niedergerissen“, erinnert sich die Sängerin. Und hat hörbar Freude daran, diesen Geist noch mal aus der Flasche zu lassen.

Tribut zollen
Gut, es gibt auch zwei Balladen, das schöne Piano/Streicher-Stück „Crying In Public“ am Schluss und „You Can‘t Hurt A Fool“. Aber typischer für den Pretenders-Sound 2020 sind kurze, rotzige Rocksongs wie „Turf Accountant Daddy“ und „Junkie Walk“, schimmernde Gitarrenpop-Lieder mit Sixties-Touch wie „The Buzz“ oder der an The Clash erinnernde Rock-Reggae-Hybrid „Lightning Man“. Den Titelsong bezeichnet Hynde als „unseren Tribut an die Punkband (...), die ich als die musikalischste in ihrem Genre betrachte - The Damned“.

Die Vergangenheit ist also allgegenwärtig in diesen zehn Liedern - „Hate For Sale“ ist eine unverhohlene Retro-Platte, passenderweise produziert von Studio-Veteran Stephen Street (The Smiths, Blur). An den Songs hat diesmal auch der Gitarrist James Walbourne mitgeschrieben. Als er im Februar 1980 geboren wurde, war wenige Wochen zuvor gerade das Debütalbum der Pretenders mit einer damals knapp 30-jährigen Ausnahmesängerin aus Akron/Ohio erschienen. Hynde und Walbourne: zwei Rock-Generationen, produktiv vereint.

Gute Laune
Die oft und lange unterbrochene Pretenders-Geschichte geht also - zwölf Jahre nach dem Band-Comeback mit „Break Up The Concrete“, vier Jahre nach dem soliden „Alone“ - sehr achtbar weiter. „Um ehrlich zu sein, ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie jetzt. (...) Nein, echt, ich bin ganz schön gut gelaunt“, sagt Hynde im Interview ohne Angst vor dem unerbittlich auf sie zukommenden 70. Geburtstag im September 2021. Die gute Laune hörte man ihrem Soloalbum im vorigen Jahr schon an - und „Hate For Sale“ nun erst recht.

 Wien Krone
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