Dachstein-Todesdrama:

Schneeschuhwanderer hatten zu viel riskiert

Es war eindeutig Eigenverschulden, dass eine fünfköpfige Schneeschuhgruppe aus Tschechien am Sonntag auf dem Hohen Dachstein bei Hallstatt ums Leben gekommen ist. Die zwei Männer (28, 46) und drei Frauen (27, 30, 37) aus dem Bezirk Brünn (Brno) hatten zuvor Warnungen missachtet und bei Lawinenstufe 3 ein Schneebrett losgetreten.

Der Wirt der Seethalerhütte hatte Sonntagfrüh erfolglos versucht, die fünf Tschechen von ihrer Schneeschuhtour abzuhalten. Marek V. (46), dessen Verlobte Andrea G. (37) sowie deren Bekannte Iveta S. (30), Dagmar L. (27) und Lukas Z. (28) wollten trotz Lawinenwarnstufe 3 und starker Schneeverwehungen mit Schneeschuhen über den Hallstätter Gletscher zum Wandfuß des Dachsteins marschieren und ihn besteigen. „Sie hatten weder Lawinenverschütteten-Suchgeräte, Schaufeln oder Sonden dabei“, sagt Alpinpolizist Michael Gruber.

Zu wenig Sicherheitsabstand
Gegen 9.15 Uhr trat die Gruppe ein Schneebrett los, das alle fünf erfasste und verschüttete. Sie dürften auch zu wenig Sicherheitsabstand eingehalten haben.
Zeugen versuchten vergeblich, die Verschütteten zu lokalisieren. Binnen nur 15 Minuten standen bereits Rettungskräfte vor Ort, doch es dauerte etwa zwei Stunden, bis Spürhunde die Opfer fanden. Die fünf Tschechen waren leider alle tot. Die Ermittlungen dazu sind so weit abgeschlossen.

Halbverschüttet
Wie gefährlich die Situation am Wochenende war, zeigte auch, dass am Samstag eine Skigruppe in der Nähe der Simonyhütte ein Schneebrett lostrat. „Der Wirt hat beobachtet, dass jemand halbverschüttet, doch nicht verletzt worden ist“, sagt Gruber. Auch während der Suche am Sonntag löste sich ein Schneebrett, erfasste aber niemand. Helmut Steinmaßl, Lawinenexperte der Bergrettung OÖ, wünscht sich mehr Messstellen, um Gefahren noch besser einschätzen zu können - siehe Interview. Florian Stifter, Leiter des Lawinenwandienstes OÖ, appelliert aber auch an mehr Eigenverantwortung: „Wir haben 25 automatische Messstationen und ein gutes Netz von Augenbeobachtern, ein Ausbau wäre mit hohen Kosten verbunden.“

„Viele haben leider wenig Erfahrung“
Berg- und Skiführer Helmut Steinmaßlaus Spital am Pyhrn ist Lawinenexperte der Bergrettung OÖ. Er wünscht sich unter anderem mehr Messstellen.

„Krone“: Warum war es am Wochenende gar so gefährlich?
Helmut Steinmaßl: Auf südseitigen Hängen gab es eine problematische Harschschicht, nordseitig waren wahrscheinlich die Windböen die Ursache, die großflächige, zertrümmerte Schneekristalle auf die Oberfläche geweht haben.

„Krone“: Bei Warnstufe 3 vermuten Laien oft wenig Gefahr.
Steinmaßl: 60 Prozent der Lawinenabgänge passieren bei dieser Gefahrenstufe, weil viele die Skalen-Begründung nicht lesen, sie unterschätzen. Es gab daher Überlegungen, die Stufe 3 auch noch zu unterteilen.

„Krone“: Gibt es in OÖ genügend Lawinenmessstationen?
Steinmaßl: Aus meiner Sicht nicht. Im Toten Gebirge etwa steht nur eine Messstation in Hinterstoder. Der Große und Kleine Priel oder die Spitzmauer sind nicht erfasst. Hier müsste man Geld in die Hand nehmen.

„Krone“: Schneeschuhwandern boomt, nimmt stark zu.
Steinmaßl: Ja, doch leider sind viele unterwegs, die nur wenig Alpinerfahrung haben. 95 Prozent der Schneeschuhwanderer führen keine Sicherheitsausrüstung mit sich. Und sie halten meist zu wenig Sicherheitsabstand ein, sodass zu viel Gewicht auf einen Punkt gebündelt wird. Bei einem 30-Grad-Hang müssten es 10 Meter Abstand sein!

Interview: Jürgen Pachner/Kronen Zeitung

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Montag, 28. September 2020
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