04.02.2020 06:00 |

Debütalbum „Walls“

Louis Tomlinson: Sieg über die inneren Dämonen

Fast vier Jahre nach dem Ende des letzten großen Boyband-Wunders One Direction veröffentlicht mit Louis Tomlinson auch der letzte Zögling der Briten sein Soloalbum. Auf „Walls“ verarbeitet er seine harte Vergangenheit und zeigt sich erstmals von seiner authentischen, gänzlich unspektakulären Seite. Das steht dem 28-Jährigen jedenfalls besser zu Gesicht als die anfänglichen Experimente in der Elektronik.

Gut Ding braucht Weile, das war zumindest im Fall von Louis Tomlinson so. Knapp vier Jahre sind mittlerweile vergangen, seit sich die letzte wirklich große Boyband One Direction nach unglaublichen Erfolgen in alle Karrierewinde verstohlen haben. Was für die einen (Zayn Malik und Harry Styles) nicht schnell genug geschehen konnte, haben andere wie eben Tomlinson schwerer verarbeitet. Der ruhigste und für viele unauffälligste Part der Band hat in zahlreichen Interviews kein Hehl daraus gemacht, dass er seine alten Kollegen und die großen Stadion- und Hallentouren vermissen würde. Zudem musste der 28-Jährige auch eine private Achterbahnfahrt hinnehmen, wie sie nur wenige in der Intensität erleben müssen. 2010 der große Durchbruch mit One Direction und fast sechs Jahre globale Erfolge, Trennung von seiner Freundin, längere Affäre, aus der sein heute vierjähriger Sohn Freddie entstammt, das Wiederaufflammen mit seiner alten Liebe Eleanor und schlussendlich die tragischen Todesfälle seiner Mutter Johannah und Schwester Félicité, die ihm gleich zweifach den Boden unter den Füßen wegzogen.

Selbstreflektion
Auch musikalisch hing Tomlinson lange in der Luft. Das bemerkte man nicht zuletzt an den beiden missglückten Songexperimenten mit DJ Steve Aoki und Bebe Rexha. Als interessante Versuche zur Selbstfindung bezeichnete der Künstler die Experimente, wusste aber schnell, dass die elektronisch-technoide Ausrichtung keinesfalls das sensitive Wesen seines selbst akkurat widerspiegeln würde. So war es für den Briten zwar nicht notwendig den Reset-Knopf zu drücken, aber ein In-sich-gehen und Evaluieren hatte oberste Priorität. Und Tomlinson erkannte mithilfe seines kleinen Vertrauensteams schnell, was denn nun wirklich zu seinen Stärken zählt. Ein einfacher Junge aus der Industriestadt Doncaster, der vor seinem kometenhaften Teenager-Aufstieg mit One Direction ein sicheres, aber auch keinesfalls überkandideltes Leben führte. Den kompositorischen Großkotz raushängen zu lassen ist also eher kontraproduktiv.

Nun legt er als letzter der insgesamt fünf Boyband-Mitglieder sein Soloalbum vor. Dass es für „Walls“ eben doch so lange gedauert hat, lag nicht nur an den privaten und beruflichen Schicksalen, sondern vor allem an der bemühten Identitätsfindung, die mehr Zeit in Anspruch nahm als gedacht. Unweigerlich muss sich Tomlinson auch mit dem Fakt auseinandersetzen, dass die alten Freunde mittlerweile Konkurrenten um den Erfolgskuchen sind - und zwar solche, die großteils durchaus respektabel reüssierten. Allen voran Mädchenschwarm Harry Styles, der mit „Sign Of The Times“ den vielleicht stärksten Britpop-Song dieses noch jungen Jahrhunderts veröffentlichte und es sich im auch von Kritikern geliebten 70s-Art-Rock-Nest gemütlich macht. Der irische Blondschopf Niall Horan setzte auf seine adäquaten Singer/Songwriter-Qualitäten, während Malik und Liam Payne mit ihrem R&B-orientierten, eher auf den US-Markt zugeschnittenen Mainstreampop nicht wirklich Fuß fassen konnten.

Baked-Beans-Frühstück
Die Lücke, die Tomlinson nun blieb, füllt er auf „Walls“ mit größtmöglicher Authentizität. Indie-Pop mit Rock-Ausritten. Viel Gefühl und balladeske Seligkeit. Knallhart ehrliche Texte und zeitlose Kompositionen. All das, was den Briten um 9 Uhr morgens zu den Baked Beans am besten durch die Ohren flutscht. „Walls“ klingt in seinen zwölf Songs so ehrlich und bodenständig, wie sich der Künstler dahinter inszeniert. Seine unbändige Liebe zu den ungekrönten Britpop-Königen Oasis kann Tomlinson nicht verbergen. Natürlich fehlt dem netten Jungen die „Fuck Off“-Attitüde der Gallagher-Rüpel, aber in Songs wie „Kill My Mind“ oder „Walls“ versucht er einerseits sich stimmlich Liam zu nähern und andererseits kompositorisch mit Noel mithalten zu können. Seinen voller Stolz zur Schau getragenen Dialekt hört man vor allem bei der sanften Closer-Ballade „Only The Brave“ heraus, die gleichermaßen als Motivationsschub und Mantra fungiert.

In den starken Momenten des Albums fühlt man vor allem den Schmerz, den Tomlinson auf diesem Werk nach den vielen Krisen zu verarbeiten hatte. „Don’t Let It Break Your Heart“ und „Two Of Us“ schlagen textlich in eine sehr emotionale Kerbe und dienen vordergründig zur Trauerbewältigung. Die hohe Qualität einzelner Nummern zieht sich leider nicht über das volle Album. In den schwächeren Phasen trauert er um die behutsame Vergangenheit im Bandkontext, was einmal mehr deutlich bezeugt, dass sich Tomlinson mit der Trennung von One Direction am schwersten tat. „Walls“ klingt im Großen und Ganzen wie die Reifeprüfung eines unscheinbaren Jungen im Dorf, der sich damit auf in die große Stadt macht, um dort in eine neue urbane Rolle schlüpfen zu können. Auf seinem Solodebüt erreicht er nicht die Genialität eines Harry Styles, ist aber wesentlich authentischer und greifbarer als seine Ex-Kollegen. Die große Reifeprüfung steht aus, aber auf diesem Werk lässt sich eine ernsthafte Solokarriere definitiv aufbauen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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