28.01.2020 06:00 |

Künstlerporträt

Billie Eilish: Die neue Göttin des Popzirkus

Eine 18-Jährige stellt die 62. Grammy-Verleihung auf den Kopf und revolutioniert die komplette Popmusik in weniger als zwei Jahren. Doch wer steckt hinter Wunderkind Billie Eilish und was macht die sympathisch-unangepasste Vollblutmusikerin so besonders? Wir haben uns das Phänomen genauer angesehen und auch mit ihr selbst gesprochen.

Album des Jahres: „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“. Song des Jahres: „Bad Guy“. Aufnahme des Jahres: „Bad Guy“. Beste Newcomerin: Billie Eilish und zu guter Letzt noch bestes Pop-Gesangsalbum: „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“. Um die imposante Liste zu vervollständigen, muss man noch die zwei Produzentenpreise hinzufügen, die an Eilish‘ Bruder Finneas gingen. Die Grammy Awards 2020 standen ganz im Zeichen der neuen Königin des Pop. Überschattet wurde die Machtdemonstration nur vom letalen Hubschrauberunglück der Basketball-Legende Kobe Bryant, doch selbst dieses furchtbare Ereignis stand am Ende des Abends im Hintergrund der unbändigen Magie des gerade 18 Jahre jung gewordenen Megatalents.

Krönung der Revolution
Den „Grand Slam der Grammys“ gewann sie als erste Frau überhaupt, die „Big Four“ wurden überhaupt erst einmal gleichzeitig an einen Künstler verliehen: vor 39 Jahren an Christopher Cross. Zudem ist sie nun vor der damals 20-jährigen Taylor Swift die jüngste Künstlerin, die für das „Album des Jahres“ prämiert wurde. „Das hier ist für alle Kinder, die Musik in ihrem Schlafzimmer machen“, verkündete Bruderherz Finneas bei den Awards freudetrunken und wissend, dass dies nun die endgültige Krönung der aktuell größten Revolution im Pop-Business war. War es früher fast nur als fleischgewordene Barbie mit möglichst wenig eigener Meinung möglich, im großen Rampenlicht zu stehen, ist Eilish nun die Vollendung eines neuen Typus. Selbstständig, fehlerhaft, bodenständig, launisch und greifbar.

Vor allem aber mit der Botschaft: Ihr könnt es selbst schaffen. Ihr braucht nicht zwingend ein großes Label oder teures Studio. Ihr braucht nur gute Songs, einen Laptop und möglichst gute Videokonzepte. Mit ihrem verschmitzten Lächeln, den grün-schwarzen Haaren und der mittlerweile weithin bekannten, abgebrühten Coolness in ihren Augen wurde Eilish innerhalb von nur eineinhalb Jahren zum größten Popstar des Planeten. Unzählige ihrer Songs wurden in den diversen Streaming-Portalen hundertmillionenfach gehört, der doppelt-Grammy-prämierte Top-Hit „Bad Guy“ nähert sich auf YouTube sukzessive der Milliardengrenze und ihr Debütalbum hat sich 2019 auch physisch so gut verkauft wie kein anderes. Es wirkt fast wie Hohn, dass sie bei ihrem einzigen Österreich-Gig am Frequency Festival schon nachmittags auf die Bühne musste. Doch Vertrag ist Vertrag und im Zuge ihrer Europa-Tour 2020 ist nun weit und breit kein Österreich-Gig mehr in Sicht.

Wichtiger Halt
„Anfang 2019 war es teilweise wirklich arg“, erzählte Eilish beim Frequency der „Krone“ im printexklusiven Interview, „ich war mit einem Level an Popularität konfrontiert, den ich nicht vorhersehen konnte. Ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob es das wert ist und warum ich all das überhaupt mache. Die Musikindustrie ist gut zu mir, aber es gibt auch viel Neid und Missgunst. Diese Phase habe ich aber durchtaucht und mittlerweile fühle ich mich großartig. Ich habe ein wundervolles Leben und beschwere mich nicht.“ Ihre Selbstmordgedanken outete sie erst kurz vor der Grammy-Verleihung und schockte damit weit über die Branche hinaus. Ein wichtiger Halt ist ihre Mutter Maggie Baird, die ihrer Tochter auch im Superstarzeitalter nicht von der Seite weicht. Noch nicht einmal bei kurzen Interviews. „Meiner Mum kann ich sagen, wenn es mir zu viel wird. Sie kennt mich so gut wie kein anderer Mensch und würde mich niemals überfordern.“

Ein Schicksal á la Nick und Aaron Carter oder gar Avicii wird Eilish hoffentlich erspart bleiben, denn trotz der ungeheuren Popularität, die um die Jungerwachsene herrscht, wirkt sie mit ihrem süffisanten Lächeln noch immer wie das ungezwungen-sportliche Mädel von nebenan. Eilish hat dieselben Probleme wie andere Teenager auch. Liebeskummer, Depressionen, das Erforschen der eigenen Interessen und Passionen, Unsicherheiten bezüglich der Zukunft und das stete Gefühl, aus gängigen Normen ausbrechen zu wollen. Das macht sie nicht nur greifbarer als alle Taylor Swifts, Katy Perrys und Selena Gomez‘ dieser Welt, es macht sie vor allem real und authentisch. Das Geheimnis ihres Erfolgs liegt nicht nur an den mutig-dunklen und eigenwillig inszenierten Popsongs, die so gar nichts mit der heilen Welt ihrer Mitbewerber zu tun hat, sondern auch an der natürlichen Inszenierung. Pop ist immer ein Stück weit Inszenierung, aber nur selten so mitfühlend und greifbar wie im Falle Eilish.

Stabile Eiche
Dabei misst sie ihren eigenen Songs weniger Bedeutung bei, als viele vermuten mögen. „Ich schreibe einfach immer das, was mir in den Sinn kommt. Ich denke nicht viel darüber nach, sondern lasse meinen Gefühlen freien Lauf. Im Video zum Song ,When The Party’s Over‘ trinke ich eine schwarze Flüssigkeit und weine dann schwarze Tränen. Ich fand das einfach cool für eine visuelle Umsetzung, aber die Fans haben ihre ganz eigenen Geschichten dazu kreiert. Ich werfe quasi einen Happen hin und jemand anders kommt mit einer ganz neuen Geschichte zu mir zurück. Dadurch bekommen die Songs ein ganz neues Leben.“ Mit der Single „Ocean Eyes“ begann im Jahr 2016 ein Erfolgszug, der nicht mehr aufzuhalten ist. Der Familienstamm ist stabil wie Eichenholz. Die Künstlerin, die in der Öffentlichkeit brilliert, der Bruder, der im Hintergrund die Geistesblitze für die Weltkarriere bastelt, und die Mutter, die auch in ausufernden Dimensionen noch so etwas wie Normalität im Haushalt hochhält.

Aufgewachsen ist Billie in eher ärmlichen Verhältnissen, sie wurde zu Hause von ihrer Mutter unterrichtet. Für die Pferdenärrin aus Los Angeles reichte das Geld nicht für Reitstunden, also arbeitete sie im angrenzenden Stall. Als reichere Mädchen beim Reiten den Vorzug bekamen, gab Billie auf und bemerkte erstmals, wie ungerecht die Realität sein kann. Dass sie heute Multimillionärin ist und zwischen Wien und New York jede Konzertlocation mit einem Fingerschnippen ausverkaufen kann, hat Eilish aber nie zu ausufernden Arroganzanflügen missbraucht. Sie mag Babys, eröffnet ihr Debütalbum mit dem Herausnehmen einer Zahnspange und kann sich über Dinge totlachen, die mitunter völlig profan erscheinen mögen. Hinter dem rauen Schlafzimmerblick und den Depressionsschüben steckt ein lebensfrohes Mädchen, dessen Entwicklung durch den allumfassenden Ruhm von Scheinwerfern begleitet wird.

Queen Billie
Wie es bei den Popstars der Gegenwart so gehört, ruft sie zum Veganismus auf, gibt alles Menschenmögliche dafür, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, und scheut auch nicht davor zurück, offen und ehrlich mit dem bei ihr diagnostizierten Tourette-Syndrom umzugehen. Eilish verwandelt vermeintliche Schwächen in Stärken und macht vermeintliche Außenseiter zu Normalos. Vielleicht ist gerade diese Seite die wichtigste an der erfolgreichen Pop-Göre, die ihr stetig größer werdendes Karriere-Königreich mit schwereloser Unbekümmertheit düngt. Als nächstes folgt der Titelsong zum 25. James-Bond-Film „No Time To Die“, danach wird sie sich wohl an die schwere Aufgabe „Nachfolgealbum“ machen müssen. Mit Bruderherz Finneas und ohne Angst. „Egal wie viel Erfolg ich habe, ich bin nie zufrieden. Wenn ich alles besitzen würde, was ich mir wünsche - was zur Hölle soll ich dann noch erreichen wollen? Ich bin natürlich glücklich und dankbar für alles, was ich habe, aber das heißt nicht, dass damit auch schon irgendwas erledigt wäre.“ Von nun an kann Queen Billie ohnehin nur noch über sich selbst stolpern.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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