22.01.2020 10:00 |

„Die Wütenden“

Oscar-nominierter Höllenritt durch Pariser Vorort

Parallelgesellschaftliche Realitäten als Action-Thriller? Mit seinem Langfilmdebüt „Die Wütenden - Les Miserables“ zeigt Regisseur Ladj Ly eindringlich die Konsequenzen von Perspektivlosigkeit von Migranten in einem Pariser Vorort: Ohne Melodramatik und erhobenen Zeigefinger beschert der Film dem Publikum einen spannenden Höllenritt, der in Anlehnung an Victor Hugos Klassiker ein beklemmendes Bauchgefühl zurücklässt. Nominiert für den Oscar in der Kategorie „Bester internationaler Film“.

Es brennt in den Pariser Vorstädten. Schon bei seinem ersten Einsatz spürt Polizist Stéphane, der Neuling in der Einheit für Verbrechensbekämpfung in Montfermeil, die Spannungen im Viertel, in dem es immer wieder zu hitzigen Auseinandersetzungen zwischen Gangs und Polizei kommt. Seine erfahrenen Kollegen Chris und Gwada, mit denen er Streife fährt, haben ihre Methoden den Gesetzen der Straße angepasst.

Hier herrschen eigene Regeln, die Kollegen überschreiten selbst die Grenzen des Legalen, sehen sich dabei aber stets im Recht. Als im Viertel ein Löwenbaby, lebendes Maskottchen eines Clan-Chefs, gestohlen wird, droht die Situation zu eskalieren. Bei der versuchten Verhaftung eines jugendlichen Verdächtigen werden die Polizisten mit Hilfe einer Drohne gefilmt. Ihr fragwürdiges Vorgehen droht öffentlich zu werden, und aus den Gesetzeshütern werden plötzlich Gejagte.

Film adaptiert Problematik aus Hugos Roman für die Gegenwart
Regisseur Ly, der selbst aus Montfermeil stammt, verarbeitet mit diesem Film auch Autobiografisches: 2005 kam es dort zu schweren Unruhen, 2008 filmte Ly selbst einen brutalen Polizeieinsatz. Lys Arbeit ist zwar keine Verfilmung von Hugos Roman (der auch in Montfermeil spielt), doch adaptiert und aktualisiert sie die Problematik mühelos. Viele Schauspieler sind Laiendarsteller aus dem Vorort, was dem Film zusammen mit der teils wackeligen Kamera und der fehlenden Musik wie eine 100-minütige Dokumentation wirken lässt.

Gleich zu Beginn setzt der Film Frankreichs Einheit auf den Champs-Elysees im WM-Freudentaumel der harten Realität in den von Migranten, Banden und Kriminalität geprägten Vororten entgegen, die mit dem Postkarten-Paris nichts zu tun hat. Der Staat ist de facto nicht präsent, da sich selbst die Polizei nicht an die Regeln hält. Chris und Gwada rechtfertigen ihre Übertretungen damit, dass sie sonst nicht ernst genommen würden. „Ich bin das Gesetz!“, schreit Chris in Judge-Dredd-Manier und unterstreicht damit die Ordnung aus Drogenbaronen, Fundamentalisten, Gangstern - und Polizisten.

Die Kinder bleiben auf der Strecke
Während es die verschiedenen kriminellen Banden und fundamentalistischen Gruppen zunächst irgendwie schaffen, in der Gewaltspirale miteinander auszukommen, verlieren besonders die Kinder. Niemand interessiert sich für sie, sie werden lediglich von den verschiedenen Gruppierungen für ihre eigenen Interessen angeworben und sind sonst wüsten Beleidigungen ausgesetzt. Diese vernachlässigte, in den Straßen verwahrlosende Jugend explodiert darum auch in realer Gewalt. Besonders die jungen Schauspieler zeigen hier eindringlich, dass menschliche Herzlichkeit in dieser Umgebung zwar dringend nötig ist, aber vollkommen auf der Strecke bleibt.

Allein der noch nicht verrohte Stephane gibt dem Publikum die Hoffnung, dass dieser Teufelskreis durchbrochen werden könnte. Tatsächlich ist er der Einzige, der die Bewohner von Montfermeil mit Respekt behandelt. Ob sich dies bezahlt macht, oder ob die ohne Perspektiven aufgewachsenen Kinder dafür nicht mehr empfänglich sind, lässt der Film offen.

Irgendwo zwischen Action, Thriller und Sozialdrama
Lys Film, der bei den Oscars als „bester internationaler Film“ nominiert ist, ist irgendwo zwischen Action, Thriller und Sozialdrama anzusiedeln, wird dabei aber weder banal noch oberlehrerhaft. Er ist nicht zuletzt durch Julien Poupards exzellente Kameraarbeit bis zum Schluss eine Nervenzerreißprobe, an deren dichtem Inhalt das Publikum länger zu kauen hat: Das Pulverfass fehlender Perspektiven kann schließlich nicht nur in Pariser Vororten beobachtet werden.

Kinostart von „Die Wütenden - Les Miserables“: 24. Jänner 2020

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