09.11.2019 07:04 |

krone.tv-Reportage

Mega-Skigebiet: Trumpf für Tirol oder Naturdrama?

Der Zusammenschluss zweier Gletscherskigebiete, dem Ötztal und Pitztal, sorgt über die Grenzen Tirols hinaus für helle Aufregung (wir berichteten). Es könnte sogar das größte der Welt werden. Naturschützer wollen es aber gemeinsam verhindern und warnen vor nachhaltigen Beeinträchtigungen. Das Seilbahn-Projekt, angeführt vom Söldener Ski-Pionier Jack Falkner, ist umstritten - trotz Aussicht auf wirtschaftlichen Aufschwung. Als dann noch von einer nötigen Sprengung die Rede ist, geht das Planer-Team in die Offensive. Am Mittwoch waren Medienvertreter zu einem Lokalaugenschein geladen, der für Aufklärung sorgen soll. Die „Krone“ war dabei und fragte in der Innenstadt von Innsbruck nach, wie man zur „Gletscherehe“ steht.

Über 110.000 Menschen haben bereits eine Petition im Netz gegen den Ausbau unterschrieben. Nicht nur online schließen sich Gegner zusammen. Die Umwelt-NGOs Alpenverein, Naturfreunde und WWF bildeten die „Allianz für die Seele der Alpen“ und kritisieren die geplanten Eingriffe in die Natur. Treffpunkt: die Talstation der Tiefenbachbahn in Sölden. Hier, mitten in den Bergen, findet an diesem Morgen eine Pressekonferenz statt. Eberhard Schultes von den Pitztaler Bahnen und Rainer Schultes, Obmann des Tourismusverbands Pitztal, beruhigen. „Wir leben ja von der Natur, deshalb werden wir sie auch bestmöglich schützen und auch für sie arbeiten.“ Die „Krone“ fragt, ob der Gletscher nun gesprengt oder geschliffen werden soll? „Weder noch! Es werden keine Gipfel gesprengt. Das waren lauter Falschmeldungen. Es wird lediglich ein Felsgrat begradigt. Das ist ein üblicher Vorgang, um für eine Station einen Standort zu schaffen.“

Vor der offiziellen Pressekonferenz geht’s zuerst mit dem Skilift auf 3307 Meter Höhe zum Tiefenbachkogel. Auf einer 25 Meter langen Aussichtsbrücke blicken Journalisten hier auf einen Felsgrat vom linken Fernerkogel, der, wenn hier eine Skiliftstation entstehen soll, derzeit um die 36 Meter zu hoch ist. Walter Siegele, kaufmännischer Geschäftsführer der Söldener Bergbahnen, leitet den alpinen Lokalaugenschein ein: „In den letzten Tagen war der linke Fernerkogel sehr viel in den Medien.“ Mit einer grünen Tonne ist die Stelle im Vorfeld markiert worden. „Diese Gratspitze ist der höchste Punkt“, erklärt Siegele, hier soll „abgenommen werden“.

Dann ist Jack (eigentlich Jakob) Falkner an der Reihe: „Das ist von der Natürlichkeit her gegeben.“ Seinen Spitznamen hat er seit der Schulzeit behalten. „Wenn es keine schiefen Ebenen gibt, könnten wir nicht skifahren, dann könnten wir langlaufen“, führt er mit einem verschmitzten Lächeln aus. Zum Thema Umwelt- und Naturschutz erklärt er: „Wir sind das am besten geprüfte Projekt der Alpen. Mit 11.200 Seiten, mit 700 Plänen und 45 Gutachtern. Wir machen das jetzt schon seit 2016. Wir hoffen, dass wir bald die Umweltverträglichkeitsprüfung haben.“

Der Bürgermeister von Sölden, Ernst Schöpf (ÖVP), ist auch anwesend. Laut ihm kommt von Bewohnern in den betroffenen Tälern keine Kritik. „Bürger mit Geschichtsbewusstsein, die wissen, wie wir aus bitter armen Bergbauerngebieten zu Touristen-Destinationen geworden sind, von denen man eine Lebensgrundlage hat, sehen die Sache schon anders.“

„Eingriff betrifft nur 0,6 Prozent der Gletscherfläche“
Unten wieder angekommen, startet die Runde ihre Präsentation aller Details und Pläne des Projekts. Drei Seilbahnen, 64 Hektar Skipiste zusätzlich für die Wintersportgäste. Die „Krone“ begleitet Jack Falkner in seinem BMW X7 auf seiner Fahrt nach Innsbruck. Hunderttausende Unterschriften gegen die für ihn „logische“ Zusammenlegung der Skigebiete, wie kann das sein? Für Falkner alles Teil einer gesellschaftspolitischen Haltung, eine „,Das ist zu viel‘ und ‚Wir wollen nicht mehr‘“-Einstellung. Aber nicht wegen einer wirklichen „Schädigung der Natur“. „Man darf die Relationen nicht vergessen. Dieser Eingriff betrifft 0,6 Prozent der Gletscherfläche.“ Sölden habe aber die größte Ruhezone in Tirol mit insgesamt 350 Quadratkilometern Natur.

„Wir brauchen diesen Ausbau nicht“
Ganz anders sieht das Liliana Dagustin. Sie ist Leiterin
für die Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz beim Alpenverein in Tirol. Dagegensein als Ideologie? Jedenfalls „eine sehr tiefe Überzeugung, für unberürhte Lebensräume einzustehen“. Wir treffen sie auf einen Spaziergang in der Innsbrucker Innenstadt, sie kommt mit dem Rad. Dagustin listet auf, warum das Seilbahnprojekt für sie als Umweltschützerin über das Ziel hinausschießt: „Das größte Problem ist die Größe sowie der Eingriff in die Landschaft, auf Gletscher in alpinem Urland, in einem Hochtal, und in natürliche Fließgewässer - weil auch massiv beschneit werden muss.“ Alles in einem Bereich. Ihr Resümee: „Wir brauchen diesen Ausbau nicht.“

Voradressierte Postkarten an Platter
Stolz zeigt sie am Inn eine Art Protest-Flyer, einen Stapel Postkarten des Alpenvereins, voradressiert an den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Dieser habe in seinem Wahlprogramm den Naturschutz versprochen. Auf der Vorderseite ist eine Fotografie der Alpen, auf der Rückseite die Aufforderung - „Gletscherehe“ Ötztal-Pitztal? NEIN, DANKE! Dagustin steigt auf ihr Fahrad und tritt in die Pedale.

Am Ende der Maria-Theresien Straße, direkt beim Innsbrucker Wahrzeichen, dem Goldenen Dachl, knipsen Touristen ihre Selfies. Was halten Passanten eigentlich vom Ausbau? „Weg ist weg. Ich finde, der Eingriff ist zu groß. Auch der Tourismus rechtfertigt das nicht.“ Und: „Ich würde es der Natur zuliebe nicht machen.“

Söldner Bergbahnen und Alpenverein leben beide vom Tourismus
Einer der Befragten steht gleich beiden Parteien kritisch gegenüber. Maximillian Falkner ist seit zwei Jahren selbstständiger Almwirt der Acherberg-Alm, die regionale und saisonale Küche anbietet. Auf seinen Nachnamen angesprochen, fängt er an zu lachen. „Nein, ich bin mit dem Jack nicht verwandt ...“ Seine Conclusio: „Die wirtschaftliche Seite sieht den Faktor Wachstum. Mehr Pistenkilometer bedeuten bessere Vermarktungsargumente. Der Alpenverein hingegen will das Naturerlebnis, Wandererlebnis vermarkten, sie haben große Hütten aufgestellt mit 200 bis 300 Betten.“ In seinen Augen leben beide vom Tourismus: „Vom Berg- und Massentourismus. Es wäre gut, wenn beide einen gemeinsamen Nenner finden würden und ein Abrüsten der Worte schaffen.“ 

Es scheint, als wäre man davon in Tirol noch weit entfernt.

Alexander Bischofberger-Mahr
Alexander Bischofberger-Mahr
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