17.09.2019 10:22 |

Live in der Stadthalle

Alice Cooper: Gruseln wie in der Geisterbahn

Am Montagabend hat Schockrocker Alice Cooper die Wiener Stadthalle wieder einmal ins Gruseln versetzt - oder zumindest hat er das tatkräftig versucht. In gut 90 Minuten bot der 71-Jährige samt famoser Band Geschichtsunterricht in Sachen Hard Rock und setzte auf Showeffekte.

Rund 3500 Fans treten am Montagabend die Reise in die Wiener Stadthalle an, um ihrem Helden Alice Cooper würdevoll zu huldigen. Natürlich war beim Großvater des Schockrocks in den vergangenen Jahren auch schon mal mehr los, doch nach dem ausgeleierten Prinzip „Willst du was gelten, mach dich selten“ hat Vincent Damon Furnier, so sein bürgerlicher Name, noch nie gearbeitet. Fast jährlich sieht man ihn mit seiner theatralischen Show irgendwo zwischen Nova Rock, Arena, Gasometer oder eben Stadthalle. Und wenn das Projekt einmal kurz pausiert, wie etwa im Vorjahr, dann kommt er eben mit seinen Freunden Joe Perry und Johnny Depp als Hollywood Vampires in hiesige Gefilde. Letzteren könnte man auch an diesem Abend auf der Bühne vermuten, gibt sich Gitarrist Ryan Roxie mit Frisur und Hut doch alle Mühe, den Jack-Sparrow-Look artgerecht auf die Bühne zu projizieren.

Im Stakkato-Takt
Die Optik ist seit jeher ein wichtiger Teil einer Alice-Cooper-Show. Der Frontmann gilt nicht zu Unrecht als detailverliebter Perfektionist, der mit seinen Horrorpuppen und Enthauptungen noch vor wenigen Jahrzehnten eine ganze Generation an Rockfans schockiert verstummen ließ. In der heutigen, wesentlich abgestumpfteren Gesellschaft erinnert das bunte Treiben auf der Bühne freilich mehr an eine Prater-Geisterbahn als an beängstigenden Horror, doch wenn man die zeitlose Show mit dem nötigen Augenzwinkern sieht, kann man sie noch immer uneingeschränkt genießen. Bis dorthin lässt sich der mittlerweile 71-Jährige aber doch einige Zeit, denn von all seinen jüngsten Österreich-Stelldicheins wirkt die heutige fast am Lieblosesten. Im Stakkato-Takt peitscht Cooper samt grandios aufspielender Band die Nummern herunter, den legendären Hit „Poison“ feuert er schon nach weniger als 40 Minuten durch die stark abgehängte Halle - dazu auch noch mit bescheidener Vokalleistung.

Glücklicherweise ist das an diesem Abend nicht immer so. Die großen Hits „Feed My Frankenstein“, „No More Mr. Nice Guy“ und „Bed Of Nails“ leiten das Konzert feurig ein, ab dem Mundharmonika-unterstützten „Raped And Freezin‘“ rutscht die Show aber in eine ungewohnte Beliebigkeit ab. Cooper agiert zwar geübt als zepter-, degen- oder dolchschwingender Zeremonienmeister, doch er wirkt zuweilen so müde wie das schaurige Theater routiniert und abgeklärt. Die famos aufspielende Band rund um die souveräne Leadgitarristin Nita Strauss gehört mit zum Besten, was der Rocksektor derzeit an der Livefront zu bieten hat, dennoch verpuffen Songs wie „Fallen In Love“, „He’s Back (The Man Behind The Mask)“ oder „Billion Dollar Babies“ durch eine gewisse Lieblosigkeit, die nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Trotz der netten Bühnendeko mit Geisterburg, Sarg, Totenschädel und flackerndem Feuer hat man das von Cooper alles schon einmal emotionsgeschwängerter gesehen.

Leistungssteigerung
In die Spur findet der Altmeister dann erst im letzten Konzertdrittel - dort aber dafür so richtig. Zum balladesken „Steven“ wird Cooper wie üblich in Zwangsjacke auf die Bühne gekarrt und begeistert mit altersloser Schauspielkunst, bis hin zur Guillotine, deren Effekt auch nach gut fünf Dekaden nichts von ihrer Kurzweil verloren hat. Immer dann, wenn die Show überhandnimmt und sich kongruent mit der musikalischen Inszenierung paart, zeigt sich Cooper von seiner stärksten Seite. Dass bei „I Love The Dead“ dann die Band die Vocals übernimmt, stört überhaupt nicht und ist der Dramaturgie des Dargebotenen nur zuträglich. Als am Ende der knapp 90 Minuten beim programmatischen „School’s Out“ Konfettiregen und Riesenluftballons durch die Halle segeln, hat man die schwache erste Halbzeit schon wieder vergessen und freut sich einfach nur darüber, dass eine wegweisende Legende wie Alice Cooper im derart stolzen Alter noch so vor Spielfreude und Energie strotzt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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