24.08.2019 06:33 |

Gerhard Berger wird 60

„Die Zeit geht dir halt aus - oder die Frauen“

Er war der letzte Pilot, den Enzo Ferrari persönlich ausgewählt hat, überlebte die wilden Jahre der Formel 1 und war Weltmeister im Verdienen. Nur der sportliche WM-Titel fehlt in der Karriere des Gerhard Berger. Der Tiroler ist nach Jahrzehnten in Monaco heimgekehrt nach Tirol, lebt mit seiner Familie in Söll. Vor seinem 60. Geburtstag blickt Berger „sehr gerne“ auf sein bisheriges Leben zurück, wie er im Interview (Video siehe oben) erklärt. Berger sagt im ausführlichen Interview unter anderem - angesprochen auf die Familienplanung - schmunzelnd: „Irgendwann geht dir halt die Zeit aus - oder die Frauen.“

Wie feiert Gerhard Berger seinen 60er?
Gerhard Berger (schmunzelt): Meine Freundin hatte eine geheime Überraschungsparty geplant. Das habe ich mitbekommen und gesagt, ich habe tatsächlich einen Wunsch. Nämlich dass du die Party wieder absagst, weil ich keine will. Also fahren wir wohin, wo nicht zu viele Leute sind.

Was wäre Ihnen ein großes Anliegen zum runden Geburtstag?
Ich habe im Prinzip ja drei Familien. Wenn also, wäre mein Wunsch, alle meine Kinder gemeinsam zu sehen und mit ihnen allen zusammen einen Tag zu verbringen.

Sie sind nach mehreren Jahrzehnten im noblen Monaco wieder in Ihre Tiroler Heimat zurückgekehrt. Zufrieden hier?
Ich bin gebürtiger Wörgler und seit zweieinhalb Jahren wieder da, mit allem Für und Wider und wohne in Söll am Berg oben. Monaco ist komplett erledigt. Das Boot ist verkauft, die Flug-Pilotenscheine habe ich verfallen lassen. Ich bin echt froh, dass ich wieder zurück bin. Österreich ist ja irgendwie eh das Monaco der Welt.

Ihr Haus strahlt viel Tiroler Gemütlichkeit aus, liegt direkt an der Skipiste. Auch eine Trophäenwand gibt es. Ist das schon ein persönlicher Rückblick?
Grundsätzlich habe ich zu dem Thema Pokale gemischte Gefühle, weil ich es an sich nicht so mag, Trophäen herzuzeigen. Aber sie wecken Erinnerungen an aufregende Rennen. Etwa jenes in Adelaide 1987, mein wahrscheinlich bestes Rennen überhaupt. Man wird offenbar stolzer darauf, wenn man älter wird. Deshalb habe ich sie aus allen Garagen zusammengetragen. Mittlerweile stehe ich dazu.„

Auch der Helm, mit dem Sie 1989 im Feuer-Inferno von Imola gesessen sind, gehört der Sammlung an.
Dabei dachte ich lange, dass er weg ist. Aber als der Dieter Stappert (einstiger Journalist und BMW-Motorsportmanager, Anm.) gestorben ist, hat mich seine Frau angerufen und gesagt, dass der Helm bei ihnen ist. Es gibt auch noch die Kopie eines gold-grünen Helmes aus meiner Anfangszeit. Der wurde mir mal gestohlen und der ist nie wieder aufgetaucht. An dem läge mir sehr viel.

Zu Ihrem 60. Geburtstag: Wie fällt Ihr Rückblick aus?
Das wichtigste ist das Bewusstsein, dass man zufällig ein Leben geschenkt bekommen hat, das mit Freude, schönen Tagen - meistens halt - und Glück gesegnet war. Ich habe mein ganzes Leben immer gemacht, was ich gerne getan habe. Ich habe mich jeden Tag gefreut beim Aufstehen, von Kindheit und Jugend an. Die Mopeds, die Autos, das Schwarzfahren. Zum ersten Traumberuf Mechaniker ist der zweite, nämlich Autorennfahrer in der Formel 1, dazugekommen. Dann habe ich es auch noch geschafft, dort Ferrari zu fahren. Und am Ende habe ich alles überlebt auch noch. Jetzt sitze ich da mit 60 und bin mir bewusst, dass das absolute Einzelfälle sind und dass ich da dazu gehöre. Ich bin sehr dankbar.

Sie sagten einst, Sie seien in der besten Zeit der Formel 1 gefahren. Aber offenbar auch aufgewachsen in einer Zeit, in der Dinge möglich waren, die heute unvorstellbar sind. Richtig?
Stimmt. Wir sind ein bissl aufgewachsen wie im Wilden Westen. Statt der Pferde hatten wir halt Mopeds oder Motorräder, es hat keine Limits gegeben. Meine Eltern haben mich jeden zweiten Tag bei der Polizei oder vom Krankenhaus abgeholt. Aber es ist immer alles auch mit einem Lächeln, einem Verständnis passiert, egal ob bei Eltern, der Polizei oder bei den Ärzten. Es war einfach traumhaft. Ich glaube, kaum jemand blickt so gerne auf sein bisheriges Leben zurück wie ich.

Heute haben Sie fünf Kinder. Wie wichtig ist Ihnen das?
Ich wurde mal gefragt, was das beste Investment meines Lebens war. Ich habe gesagt, eigentlich meine Kinder. Sie tragen meine Gene weiter und führen mich in die nächste Generation. Kinder sind das, was am Ende von dir übrig bleibt. Dass man mit ihnen liebvoll umgeht, habe ich von meinen eigenen Eltern gelernt. Den vier Mädels kann ich eventuell etwas weniger mitgeben, weil ich ja in dieser Männerwelt zu Hause bin. Ich bin da also eher für den Blödsinn zuständig.

Sie sind mit 57 noch Vater geworden, nach vier Mädchen kam Sohn Johan. Ist die Familienplanung damit abgeschlossen?
Ich habe immer gesagt, je mehr Kinder, desto lieber. Irgendwann geht dir halt die Zeit aus. Oder die Frauen (lacht). Kinder sind für mich was Wunderschönes. Ich hatte dieses Glück, mit meiner Freundin Helene weitere Kinder zu bekommen, habe also ein Fenster von einer 39-Jährigen bis zu einem Zweijährigen. Mit allen Problemen, die in diesen Altersstufen anzutreffen sind. Das ist das Schönste überhaupt. Ich habe da aber keinen richtigen Plan. Es passiert einfach, ich sehe das relativ offen.

Ihr Leben war auch eine Achterbahnfahrt mit enormen Höhen und Tiefen. Woher kommt Ihre Energie, dass sie immer weiter machen konnten?
Natürlich gab es bei mir auch die schwierigen Zeiten. Im Motorsport, auch die Firma war einige Male in Schräglage, ich habe beide Eltern früh verloren. Aber irgendwie blende ich das am Ende meistens gut aus, schaue immer nach vorne. Am Ende des Tages ist es immer eine Frage, will man’s oder will man’s nicht. Und wenn ja, dann zu hundert Prozent und vor allem gerne machen. Dann wird es in der Regel auch funktionieren.

Sie sind in Ihrer Zeit Top-Verdiener unter den Nicht-Weltmeistern gewesen, haben es sichtlich zu Wohlstand gebracht. Stolz?
Der Verdienst ist schon immer ein Teil einer Wertschätzung. In der Formel 1 sind die Gehälter hoch angesiedelt, da findest du deinen Marktwert wieder. So etwas wird nicht immer nur mit Siegen erarbeitet. Da kommen auch Vermarktungsmöglichkeiten bis hin zu deiner Nationalität. Du kannst dir also selbst ausrechnen, wie du in diesem Gewerbe gesehen wirst. Die Aussage ‘Geld ist mir nicht wichtig’ finde ich ein bissl blöd. Du kommst erst drauf, wie wichtig es ist, wenn du keines hast. Was nicht wichtig ist, ist Luxus. Aber ein gewisser finanzieller Polster, auch für später, wenn es um die Gesundheit geht, ist schon wichtig.

Was ist Ihr persönlich größter Luxus?
Ich habe wirklich alles gemacht, was Gott verboten hat. Und in Monaco etwa fällt der Luxus von selbst bei der Tür herein. Ich hatte Glück, dass ich mir das alles leisten konnte. Am Ende ist aber neben der Gesundheit nur eines wirklich wichtig, egal ob auf hundert oder fünfhundert Quadratmetern: Du brauchst einen guten Heimathafen, willst am Abend zuhause sein und dich wohlfühlen. Mit einem Lebenspartner, bei dem du gerne deine Zeit verbirgst. Den habe ich mit Helene gefunden. Dazu kommt, dass ich eher in die Berge gehöre statt ans Meer. Es stimmt also jetzt alles.

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