03.07.2019 15:05 |

Massive Ernteausfälle

Brennende Felder als neue Kriegstaktik des IS?

„Soldaten des Kalifats, verbrennt die Bauernhöfe der Abtrünnigen“, hieß es in einem Aufruf der Terrormiliz Islamischer Staat in seiner Wochenschrift „Al-Naba“ Ende Mai. Hunderttausende Hektar Land, bepflanzt mit Weizen und Gerste, lägen im Irak und Syrien bereit, um abgebrannt zu werden. Tatsächlich sind seit dem Frühjahr tonnenweise Getreide vernichtet und Hunderte Familien in die Flucht getrieben worden. Die Flammen stellen Beobachter vor ein Rätsel. Wollen verbleibende Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat, die in den beiden Staaten ihr sogenanntes Kalifat errichtet hatte und mittlerweile als besiegt gilt, aus Rache die Existenzgrundlage der Menschen niederbrennen? Oder treiben hier andere Gruppen ihr Unwesen?

„Aufständische des IS sind vermutlich für den Großteil der Brände verantwortlich“, schreibt Nahost-Forscher Wim Zwijnenburg nach einer Auswertung von Satellitenaufnahmen und Fotos der betroffenen Gebiete im Irak. Teils würden die Extremisten damit Abgaben erpressen. Berichten zufolge sollen sie sogar Sprengfallen ausgelegt haben, um Löscharbeiten von Feuerwehrleuten zu behindern. Die Umwelt, so Zwijnenburg, werde zunehmend in eine Waffe verwandelt.

IS und andere Gruppen nutzen Brände für ihre Zwecke
„Die Logik lautet: Wenn wir dieses Land nicht haben können, dann niemand sonst“, sagt Peter Schwartzstein vom Center for Climate and Security der „Washington Post“. Er vermutet aber, dass andere Gruppen die Brände ebenfalls für ihre Zwecke nutzen. Denn seit der IS zu dem Bränden aufgerufen hat und diese teilweise auch für sich beansprucht, können andere Akteure gewissermaßen als Trittbrettfahrer Feuer legen und ihren Rivalen damit Land verweigern oder selbst Rache üben.

Damit kommen weitere mutmaßliche Brandstifter in Frage: Kurden und Araber etwa, deren Landbesitz in ihrem jahrelangen Konflikt miteinander immer wieder wechselte, sowie lokale Gegner und Unterstützer des Islamischen Staats. Die kurdisch geführten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) vermuten etwa auch Truppen der Regierung von Präsident Bashar al-Assad oder die Türkei hinter den Bränden. Assad habe keinerlei Interesse daran, dass der kurdisch verwaltete Nordosten Syriens wirtschaftlich auf die Beine kommt.

Auch kurdische Einheiten in Syrien sollen Brände gelegt haben, wie in dem Tweet unten behauptet wird:

„Ich sah türkische Soldaten auf Menschen schießen, die löschen wollten“
„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie türkische Soldaten auf diejenigen schossen, die einen Brand nahe der Grenze löschen wollten“, sagt Salman Barudu, Leiter der kurdischen Landwirtschaftsbehörde in den syrischen Kurdengebieten. Anrainer kämpfen mit Traktoren und sogar Handtüchern gegen die Flammen.

Nicht zuletzt könnten Explosionen nach Luftangriffen gegen Stellungen des IS oder Sprengsätze ein Feuer auslösen. In der sengenden Hitze - im Irak und in Syrien herrschen dieser Tage Temperaturen bis zu 40 Grad Celsius und mehr - könnte dafür schon ein einziger Funke reichen. Selbst durch ein Stück Glas verstärkte Sonnenstrahlen könnten die dürre Vegetation in Flammen aufgehen lassen.

„Potenziell ernsthafte Folgen für Lebensmittelsicherheit“
Vor „potenziell ernsthaften Folgen für die Lebensmittelsicherheit“ warnt der Sprecher des Welternährungsprogramms, Herve Verhoosel. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zählte in Syrien mindestens zehn Tote im Zusammenhang mit den jüngsten Bränden und Verluste im Wert von umgerechnet mehr als 300 Millionen Euro. Fotos aus dem Irak zeigen massive Rauchsäulen im blauen Himmel. Allein im Mai brannten dort Forscher Zwijnenburg zufolge mehr als 1000 Quadratkilometer.

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