14.05.2019 07:00 |

Endlich neues Album

Rammstein: Martialische Vermarktungs-Weltmeister

Zehn Jahre nach dem letzten Studioalbum haben die deutschen Brachial-Rocker Rammstein die Gebete ihrer Fans erhört und veröffentlichen dieser Tage endlich ihr neues Werk. Damit einher geht eine opulente Tour, die sie auch zweimal in das ausverkaufte Wiener Ernst-Happel-Stadion führt. Warum die Weltmeister der Selbstvermarktung keine Weltmeister der Musik sind, zeigt sich am neuen Liedgut.

Die einen kritisieren Rammstein seit jeher für ihre stumpfe Form der Provokation, andere delektieren sich an der öffentlichen Zurschaustellung von offensiver Explizität, die der Band schon seit Anbeginn anheim liegt. Dieser Tage erscheint nun - satte zehn Jahre nach dem letzten Werk „Liebe ist für alle da“ -tatsächlich das siebente Studioalbum, mit dem gar nicht mehr allzu viele gerechnet hätten. Die Luft war lange draußen und die Sehnsucht nach freier Entfaltung größer. Keyboarder Flake wurde zum Buchautor, Gitarrist Richard Kruspe lebte sich in mediokren Soloalben aus und Frontmann Till Lindemann geisterte mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Hypocrisy-Sänger Peter Tägtgren, Rapper Haftbefehl oder seinem Ex-Gspusi Sophia Thomalla durch die Medien. Wenn es dem Berliner Hünen zwischendurch allzu fad wurde, warf er in Amsterdam von einer Brücke Bierflaschen auf ein Boot oder führte in Russland einen in Latex gewickelten SM-Sklaven als Hund vors Podium.

Kritik am Irrlichtern
Die Klaviatur des Empörens beherrschen die Ostdeutschen seit mittlerweile 25 Jahren besser als jede andere Band. Kein Tabu bleibt ungenutzt, um für panikbehaftete Aufschreie zu sorgen, die sich dann zumeist als Nebelgranaten erweisen. So veröffentlichten Rammstein vor einigen Monaten ein Video-Snippet zur erste Single „Deutschland“, in der Gitarrist Paul Landers einen Judenstern auf der Brust trägt und damit den Zentralrat der Juden, Politiker und jüdische Historiker gleichermaßen zur vorauseilenden Hysterie verleitete. „Grenzüberschreitung“, „Leichenschändung“, „widerliche Geschmacklosigkeit“ war der allgemeine Tenor, der Tage später verpuffte, als das opulente Gesamtwerk veröffentlicht wurde. Darin handelt die Band die wechselseitige Geschichte ihrer Heimat ab, reist mit opulenten Farben und pointierten Szenenaufnahmen durch Mittelalter und Kriegszeit und spart nicht mit Kritik am einstigen Irrlichtern Deutschlands in der Welthistorie. Über das Budget des u.a. in der Spandauer Zittadelle gedrehten Werkes herrscht eisernes Schweigen - man will ja nicht auch noch Neid schüren.

Rein musikalisch haben Rammstein auf dem neuen Werk zu einer gewissen Experimentierfreudigkeit zurückgefunden - selbstverständlich eingepfercht in die selbst auferlegten, eigenen Grenzen. Zwischen den stampfenden Riffs und partiell eingesetzten Soli lehnt sich das Sextett verstärkt an die Elektronik und huldigt damit ihren eigenen großen Idolen Kraftwerk und Depeche Mode. Nicht nur die auf die DDR-Vergangenheit anspielende Single „Radio“ zeigt klare Referenzen, auch das mit sexueller Indiskretion aufgeladene „Ausländer“ oder das Synthie-verstärkte „Weit weg“ haben wenig Berührungsängste mit einer neuen musikalischen Ästhetik. Zu oft geht der Band aber die kreative Luft aus. Entweder sie ergießt sich in musikalischen Selbstzitaten oder mäandert relativ wirkungslos durch schemenhaft aneinander gereihte Gitarrenriffs. Das sich um Bondage-Themen kreisende „Sex“ erklingt leidlich unspektakulär, die mit Streichern angereicherte Ballade „Diamant“ ist zu Ende, bevor der erwartete Höhepunkt einsetzt.

Psychopathische Perversion
Die angebotene Themen-Palette deckt alle Felder für ein ordentliches Rammstein-Bullshit-Bingo ab. „Zeig dich“ lässt sakrale Chöre erklingen und arbeitet sich mit geschickter Wortspielerei an den Mechanismen und Perversionen der Kirche ab, „Was ich liebe“ gemahnt an die Tücken der Selbstdestruktivität und dem ewigen Wechselspiel zwischen Glück und Leid, während sich der abschließende „Hallomann“ auf die Spuren von Pädophilie begibt und mit aus dem Reimkasten gebauten Textzeilen wie „Komm einfach mit / Ich kauf dir Muscheln mit Pommes Frites“ oder „Spricht nicht zu mir, steig einfach ein / nichts wird danach wie früher sein“ verstört. Einen seltenen Moment der Genialität versprüht das gruselige „Puppe“, in dem sich Lindemann im Refrain in eine psychopathische Bestie verwandelt und mithilfe einer bedrohlichen Soundkulisse einmal mehr beweist, dass er der furchterregendste Frontmann der Nation ist.

Was Rammstein trotz all des offensichtlichen Aneckens heute noch souverän schaffen, ist der Gesellschaft den Spiegel zur eigenen Hysterie vorzuhalten. Symbolik mit Deutschlands Nazi-Vergangenheit, Videopremieren auf einschlägigen Pornoseiten und textliche Referenzen zu Serienmördern oder Kannibalen vermischt die Band seit jeher geschickt mit Geisterbahn-haften Melodien, Lindemanns angsteinflößender Stimm-/Schauspielkunst und der martialischen Bühnenästhetik, die mit Uniformierungen, Lichteffekten und ganzen Wagenladungen voll Pyrotechnik nicht nur in Europa und Asien, sondern vor allem auch die Amerikaner zu begeistern wissen. Wer sich auf die mit zahlreichen Metaphern durchsetzten Texte einlässt, kann sich zwar über eine gewisse Form von Banalität mokieren, wird aber niemals von einer einseitigen Deutungsebene erschlagen.

Meisterliches Marketing
Für das selbstbetitelte neue Werk haben Rammstein zudem alle bisherigen Grenzen des Marketings übertroffen. Schön dem Zeitgeist entsprechend überlagert die Verpackung das Produkt selbst. Ausufernde Videos und Gitarrenriff-Snippets, die man Tag für Tag auf YouTube lud, ohne genauer auf die einzelnen Songs einzugehen. Für die zweite Single „Radio“ hat man den Videoclip in Berlin und Köln auf Häuserwände projiziert, ohne dazu Musik abzuspielen. Die gab es zeitgleich bei gewählten Radiosendern zu hören. Ein derart anarchistisches Prinzip, das auch die eigene Plattenfirma im Unklaren über die nächsten Schritte lässt, kann nur vollziehen, wer keine budgetären Grenzen kennt. Für ihre mit zwei restlos ausverkauften Konzerten (22. und 23. August) im Wiener Happel-Stadion endende Stadiontour haben Rammstein innerhalb weniger Stunden mehr als eine Million Tickets verkauft - die Live-Aktivitäten sollen sich bei der neu motivierten Band aber ohnehin auf drei, vier Jahre hinausziehen. Zum Meisterwerk fehlt Rammsteins neuem Album viel - wahrlich meisterlich ist aber die Vermarktungsmaschinerie, die sie zu einer der allergrößten Bands der Welt gedeihen ließ.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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