24.03.2019 12:55 |

Missbrauch, Krankheit

Wird zu viel geschwiegen, Herr Kardinal?

Kardinal Christoph Schönborn (74) spricht mit Conny Bischofberger über die Diagnose Krebs, den Umgang mit Tabus wie Krankheit oder Missbrauch, und warum ihm seine fast 99-jährige Mutter jetzt am meisten Kraft gibt.

Am Freitag kündigte Christoph Schönborn an, sich einer Prostatakrebs-Operation unterziehen zu müssen, am Samstagvormittag nahm er sich Zeit für ein „Krone“-Interview. Die Telefonstimme des Kardinals klingt ruhig und fest. Es ist ein kurzes, aber dichtes Gespräch.

„Krone“: Herr Kardinal, wann haben Sie erfahren, dass Sie an Krebs erkrankt sind?
Kardinal Christoph Schönborn: Vor 14 Tagen. Und zwar dank einer Vorsorgeuntersuchung. Da hat man festgestellt, dass etwas nicht in Ordnung ist, und dann wurde Krebs diagnostiziert. Aber offensichtlich in einem Frühstadium.

Was geht einem da durch den Kopf?
Es ist zunächst schon ein gewisser Schreck. Aber gleichzeitig habe ich auch eine große innere Ruhe gespürt. Die Heilungschancen bei Prostatakrebs sind sehr groß.

An Prostatakrebs erkranken jährlich 5000 Männer, aber es sterben auch 1100 Menschen jährlich an den Folgen. Hat ein so gläubiger Mensch wie Sie auch Angst davor?
Für mich ist es insofern nicht so dramatisch, weil ich 74 bin. Für eine junge Mutter ist eine Krebsdiagnose viel dramatischer. Ich muss ehrlich sagen, dass ich keine Angst empfinde. Ich sage das jetzt ganz naiv: Ich bin offen für beides. Ich freue mich, wenn ich geheilt werde, und ich freue mich, wenn ich früher oder später zum lieben Gott in das ewige Leben gehen kann. Es ist eigentlich eine Win-Win-Situation.

Eine Verzögerung des Sterbens?
Eine Ankündigung. Eine Erinnerung daran, dass man einmal sterben wird. Man wird an das Wesentliche erinnert.

Was ist das Wesentliche?
Das Leben ist ein Geschenk, für das ich jeden Tag dankbar sein darf.

Wie stellen Sie sich den Krebs vor? Als Feind, den Sie bekämpfen wollen, oder, wie die Opernsängerin Montserrat Caballé einmal sagte, als einen Freund, dem sie Wohnrecht gewährt hat?
Ich muss mich erst daran gewöhnen, dass da etwas in mir ist, das meinem Leben gegenüber nicht freundlich gesinnt ist, das aber dennoch zu mir gehört. Ich bekämpfe das nicht, aber ich werde sicher mit ihm zu ringen haben. An erster Stelle steht aber Dankbarkeit.

Wofür?
Dass wir in einem Land mit so exzellenter medizinischer Versorgung leben, wo ein MRT die Diagnose liefert. Würde ich in einem der ärmsten Länder dieser Welt leben, dann hätte man diesen Krebs erst entdeckt, wenn es zu spät wäre. Auf dieser Welt gehören wir zu den ganz, ganz Privilegierten. Ich bin mir bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist.

Werden Sie in ein weltliches Krankenhaus oder in ein Ordensspital gehen?
In ein Ordensspital. Die Ärzte haben mir auch gesagt, dass es nicht sinnvoll wäre, danach gleich wieder voll in die Arbeit einzusteigen.

Sie nehmen sich im Mai eine Auszeit. Wer vertritt Sie da?
Meine rechte Hand, Generalvikar Nikolaus Krasa. Da bin ich ganz unbesorgt.

Sie haben im Februar im Zuge der Missbrauchsdebatte in der Katholischen Kirche zugegeben, selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein. Und jetzt haben Sie Ihre Krankheit öffentlich gemacht. Warum wollten Sie nicht mehr schweigen?
Ich versuche, für mich das richtige Maß zu finden. Man muss schon aufpassen, dass man nicht alles auf die Bühne bringt. Es gibt Dinge, die man austauschen und öffentlich besprechen soll, aber es gibt auch Dinge, die besser diskret behandelt werden. Manche schweigen zu viel, manche reden zu viel. Ich weiß nicht, zu welchen ich gehöre. - Lacht. - Es geht um das richtige Maß.

Denken Sie, dass Sie für andere Betroffene ein Vorbild sind?
Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, es ist gut, ganz unkompliziert darüber zu reden, weil es ein Teil des Lebens ist. Wobei ich das, was mir als Jugendlicher passiert ist, richtigstellen möchte. Das war kein Missbrauch, aber es hätte einer werden können. Das ist nicht zu vergleichen mit dem Leid von Menschen, die schweren Missbrauch erlebt haben. Und auch bei meiner Krankheit muss man sagen: Meine Krebserkrankung ist bei Weitem nicht so dramatisch wie bei jemandem, der Pankreaskrebs oder einen Gehirntumor oder ein rasant wachsendes Karzinom hat. Insofern verdiene ich gar nicht so viel Bemitleidung. Mich erinnert meine Krankheit an die vielen, vielen Menschen, die in den Onkologien liegen mit weit schlechteren Aussichten.

Freuen Sie sich trotzdem, wenn Gläubige für Sie beten?
Ja, darüber bin ich sehr dankbar. Und es erinnert mich, auch meinerseits für die vielen Kranken zu beten, die Tag für Tag Schwereres zu tragen haben als ich.

Machen sich Ihre Freunde und Ihre Familie vielleicht mehr Sorgen als Sie selbst?
Das ist immer so. Ich war deshalb sehr beruhigt, dass meine Mutter, die jetzt bald 99 ist, das mit einer erstaunlichen Gelassenheit aufgenommen hat. Sie hat so viel Lebenserfahrung und auch Gottvertrauen, dass sie weiß: Krebs kann tödlich sein und Krebs kann auch geheilt werden. Das hat mir in den letzten Wochen am allermeisten geholfen.

Sie haben die Diagnose Krebs am Freitag nach der Pressekonferenz der Österreichischen Bischofskonferenz bekannt gegeben, die sich mit dem Thema Missbrauch in der katholischen Kirche befasst hat. Werden Sie es noch erleben, dass die Kirche, wie Helmut Schüller es ausdrückte, endlich eine „menschengerechte Machtkontrollstruktur“ bekommt?
Kontrollstrukturen gibt es ja. Es ist nur die Frage, ob sie angewendet werden. Auch bei den staatlichen Kontrollen ist immer die Frage, ob man sie anwendet. Wenn wir wirklich so leben, wie es Jesus uns im Evangelium gelehrt hat, dann gibt es keinen Missbrauch.

Stimmen Sie Schüller nicht zu, dass die Kirche eine „absolutistische Monarchie“ ist?
Das ist sie sicher nicht in der Absicht Jesu, und wenn sie sich erneuert und reformiert, dann muss sie am Evangelium und am Weg Jesu Maß nehmen. Das Programm der Reform ist das Evangelium. Überall, wo das Evangelium gelebt wird, ist die Kirche glaubwürdig. Schlimm ist es dann, wenn wir das Evangelium predigen, aber nicht leben.

Zur Person
Geboren am 22.1.1945 im damaligen Böhmen als zweiter Sohn des Malers Hugo Damian Graf von Schönborn. Ein Bruder ist Maler, der andere Schauspieler. Bei Kriegsende landet Schönborn mit seinen Eltern auf der Flucht durch Österreich in Vorarlberg, er geht im Montafon zur Schule. 1963 tritt er dem Dominikanerorden bei. Seit 1995 Erzbischof von Wien. 1998 ernennt ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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