Di, 19. Februar 2019
06.02.2019 11:55

Katias Kolumne

Nazi-Vergleiche & Co: Einmal alle tief durchatmen!

Eine Parteichefin, die in einem selbst geschriebenen Song gegen Heinz-Christian Strache die Hand zum Hitlergruß hebt, ein roter Oppositionspolitiker, der den Bundeskanzler mit dem austrofaschistischen Kanzler Engelbert Dollfuß vergleicht, und ein volkstümlicher Musiker, der wegen seiner angeblichen faschistischen Haltung keinen Faschings-Orden bekommen darf. Angesichts der Leichtigkeit, mit der mit Nazi-Vergleichen hantiert wird, kommt man aus dem Auf-den-Kopf-Greifen nicht mehr heraus. Einmal alle tief durchatmen, bitte!

Denn mit unserer historischen Verantwortung spielt man nicht. Es ist auch weder lustig noch besonders scharfsinnig oder originell, bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem politischen Gegner eine Nähe zum Nationalsozialismus entgegenzusetzen. Im Gegenteil: Derartige unreflektierte Nazi-Vergleiche - in welcher Form auch immer - sind lähmend, feindselig und dumm. Sie zerstören mit primitivsten Mitteln den sachlichen Diskurs. Und wer Kritik nicht ohne pauschalen Faschismus-Angriff formulieren kann, diskreditiert sich in letzter Konsequenz selbst.

Alles nur Satire, oder?
Im jüngsten Beispiel sorgte die damals noch singende Parteichefin der Liste Jetzt, Maria Stern, mit einem sechs Jahre alten, aber jüngst von einer „Presse“-Journalistin herausgekramten Video für innenpolitische Empörung (siehe Video unten). Die darin enthaltenen, spöttischen Textzeilen wie „90 Prozent der Nutten sind Migrantinnen, die nehmen unseren Frauen die Arbeitsplätze weg“ kann man nun lustig finden oder eben nicht, die in ihrem „Strache-Song“ enthaltene Kritik an der FPÖ teilen oder nicht teilen. Das sei jedem unbenommen.

Was trotz allem - und auch noch sechs Jahre später - aber wenig geschmackvoll ist, ist der gezeigte Hitlergruß nach der vielsagenden Liedzeile „Und wenn Europa wieder brennt, spielen wir die Feuerwehr. Darin haben wir Übung. Es ist ja gar noch nicht so lange her.“ Das absehbare Erklärungsmodell: alles reine Satire. Ein Hitlergruß, wie lustig, was haben wir nicht alle gelacht.

Es geht auch ohne Schaum vor dem Mund
Wer einen anderen auf diese Weise beflegelt, ist an einem echten Meinungsaustausch nicht interessiert. Es geht nicht um die Diskussion, um Argumente und schon gar nicht ums Zuhören, sondern darum, über den anderen leichtfertig zu richten, ihn bloßzustellen und möglichst öffentlich auszugrenzen. Das ist feig und lähmend. Es erstickt mit einem Schlag jede Diskussion. Das Paradoxe daran ist: In diktatorischen Regimen geht man in der Regel genauso mit seinen Gesinnungsgegnern um.

Der Vergleich der aktuellen Regierungsspitze mit völkermordenden Diktatoren hinkt nicht nur, sondern verspottet in der Folge die zahlreichen Opfer derselben - und das kann kein sich ernst nehmender Antifaschist tatsächlich wollen. Dabei ist es so einfach: Nicht jeder, der nicht links ist, ist ein Nazi. Genauso wenig ist ein Linker automatisch ein Stalinist. Auch im Eifer einer politischen Debatte ist mit solchen Vergleichen sorgsam zu hantieren. Oft hilft es, sich den Schaum vom Mund zu wischen und einmal tief durchzuatmen.

Katia Wagner

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